Autor*innenpreis
Lisa Danulat - OTA
Das Krankenhaus ist ein von Regeln und Hierarchien geprägter Ort. Und sie, sie ist eine der wertvollsten Mitarbeiterinnen. Das sagte zumindest der Chef, vor neun Jahren auf der Weihnachtsfeier. Zwischen diesem Lob, dem Operationsbesteck und dem Feierabendbier spannt sich der Alltag der Operationstechnischen Assistentin, kurz: OTA, auf. Sie liebt ihre Arbeit, sie ist ihre Arbeit, jeden Tag aufs Neue. Doch die Sicherheit der täglichen Wiederholung gerät ins Wanken, als sich Unzufriedenheit bei ihren Vorgesetzten breit zu machen scheint. "OTA" wirft einen Blick hinter die Kulissen der Operationssäle und erzählt dabei trotz schwerer Verletzungen, überlasteter Chirurg*innen, Fachkräftemangel und schlechtem Kaffee vor allem von der Schönheit und Sinnhaftigkeit des Menschenreparierens.
Lisa Danulat, geboren 1983 in Frankfurt am Main, studierte Philosophie, Schauspiel und Szenisches Schreiben in Frankfurt am Main, Freiburg und Graz. Nach der Veröffentlichung zahlreicher Theaterstücke und dem Erhalt verschiedener Stipendien und Preise absolvierte sie von 2021 bis 2024 eine Ausbildung zur Operationstechnischen Assistentin.
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Das Stückporträt: OTA – Lisa Danulat
Der ganze Quatsch mit Menschen
Von Vincent Koch
27. Februar 2025. Eingeliefert wird ein junger Mann, 23 Jahre, Autounfall mit einem hochwertigen Elektroauto. Diagnose: Polytrauma. Aus dem Rettungshubschrauber wird der notversorgte Patient auf die Station gebracht. Und bevor die Handgriffe der Krankenhausmitarbeiter*innen auf Autopilot schalten, damit der Tesla-Boy im OP-Saal unters Messer kommen kann, beschreibt OTA ihren flüchtigen Eindruck von dem Eingelieferten mit den Worten: "Schwarze Locken ragen aus der goldenen Rettungsfolie wie ein delikates Pralinée."
Diese amüsante Beschreibung ist charakteristisch für Lisa Danulats Theatertext "OTA", der so heißt wie seine Hauptfigur. Der Name steht für Operationstechnische Assistent*innen. Als Teil des Operationsteams sind sie für die Vorbereitung von medizinischen Eingriffen zuständig. Sie warten Instrumente, überwachen Hygienestandards und dokumentieren OP-Abläufe, wie es das Universitätsklinikum Leipzig auf seiner Seite schreibt. Ähnlich geht Danulat in ihrem Text vor: Sie dokumentiert den Alltag einer OTA in einer deutschen Klinik. Einer der Personen "who keep the system running". OTA hat deshalb auch – wie der Rest des Personals – keinen Namen. Später stellt sich allerdings heraus, dass es sich um eine weiblich gelesene Person handelt. Seit 20 Jahren macht sie diesen Job, 40 Stunden die Wochen, im Dreischichtsystem.
Tiramisu der Verwesungsprozesse
Fast könnte man sagen: Die Dramaturgie des Textes unterwirft sich den Abläufen eines Krankenhausapparates. Als würde OTA ihren Beruf sezieren, während sie selbst im OP steht. Die Gleichförmigkeit von OTAs Alltag zeigt sich in immer wiederkehrenden Szenen. Sie geht auf die Arbeit, manchmal mitten in der Nacht, deshalb heißt ein Kapitel auch "I was born at midnight every time". Die Schicht beginnt im Stück also alle drei Seiten von vorn und ist an Tristesse kaum zu überbieten: "Es sind keine Tassen gespült im Aufenthaltsraum. Die Hafermilch vermischt sich mit dem Kaffee. Das sieht aus wie Blut im Wasser." Dann wird das OP-Besteck sortiert, sich doppelt behandschuht, operiert. OTA muss sich mit den Launen der Chirurgen arrangieren, wird dabei wach gehalten von Automaten-Kaffee, bevor sie sich nachhause schleppt und dort noch eine Krankenhausserie schaut, die ihr Kalendersprüche mitgibt à: "The best way to find yourself, is to lose yourself in the service of others."
Apropos Service: OTAs Sprechanteile sind durchweg kursiv gesetzt, was in dramatischen Texten sonst ausschließlich bei Regieanweisungen üblich ist. Derartige Sekundärtexte gibt es in Lisa Danulats Text aber nicht. Zunächst stolpert man ein bisschen darüber, aber dann ergibt diese Setzung plötzlich Sinn. OTA ist ja selbst eine Person, die durchgehend Anweisungen im OP ausführt. "Ich bin meine Arbeit", sagt sie an einer Stelle. Insofern ist das auch eine schlüssige dramatische Form für den inneren Zustand der Hauptfigur. Im Laufe des Texts wird das noch verstärkt, wenn sie ihren Körper mehrfach als einen "Metallsplitter" beschreibt, der sich nach den Ärzt*innen ausrichtet ("Dr. Lippert ist ein Magnet.").
Überhaupt ist der gesamte Text durchsetzt von medizinischen Fachbegriffen, die Danulat beinahe poetisch in ihre Beschreibungen von Patient*innen, Arbeitsabläufen und Seelenzuständen einflicht. So werden Momente in Formaldehyd gepackt, ein "Tiramisu der Verwesungsprozesse" serviert oder das operative Verweilen in einem bernsteinfarbenen Gallengang beschrieben. Das entwickelt eine eigenwillige Komik und auch einen surrealen Drive, wenn beispielsweise das politische Linkssein anhand einer Hernien-OP verhandelt wird.
Was ist das eigentlich für eine Person?
Viele der Figuren in "OTA" lässt Danulat als Typen auftreten, als Karikaturen. Die Ärzt*innen essen Snickers, drohen ihren Ehemännern mit der Resektion ihrer Hoden; einer trägt den Titel "Prinz Epistaxis (Nasenbluten)"; der Proktologe hat kein Bock mehr auf "Arschlöcher von Arschlöchern". Hinter besonders zynische Aussagen ihrer Kolleg*innen setzt Danulat auch mal ein Emoji (;)). Es ist nicht so, dass OTA ihre Kolleg*innen im OP nicht schätzt, im Gegenteil. Die mitunter etwas plumpen Witze sind einfach OTAs gesunde Distanz, um in dem stressigen, nervenraubenden, unterbezahlten Klinikjob nicht den Verstand zu verlieren. Vor allem, weil manche Ärzt*innen in Danulats Text mit einer kotzbrockigen Hochnäsigkeit durch den OP-Saal wandeln.
Die komische, anekdotische Note von Danulats Stück hält jedoch wunderbar die Balance mit der Verhandlung von Überforderung, Ausbeutung und der Kritik am System, "das Menschen repariert", obwohl es eigentlich selbst repariert werden müsste. Denn OTA beschreibt sich eben auch als "ein[en] Nachtfalter, gefangen im Licht meiner eigenen Dunkelheit". Und während sie einerseits so irrwitzig von Begegnungen erzählt, beschließt sie einen Absatz auch manchmal mit Sätzen, die richtig reinhauen, weil sie so simpel und absolut sind: "Der graublaue Filter eines deutschen Vormittags drückt mich in seine Ecke."
Worum es bei alledem sehr selten geht, ist das Innenleben von OTA. Was ist das eigentlich für eine Person? Natürlich bekommt man mit, wie sie denkt, wenn sie das Verhalten ihres Teams reflektiert. Aber wie geht es ihr eigentlich? Hat sie Spaß an ihrem Beruf? In einer Schlüsselszene verlässt der Text zum ersten Mal so richtig das Klinikgebäude. In einer Gartenlaube verbringt OTA den freien Tag mit einer Freundin. Und während sie auf die Blumen schauen, entäußert sich hier subtil die Unzufriedenheit mit dem Immergleichen. Die alles verschlingende Klinik hat OTA isoliert. Der Autoscooter ist aus der Spur geflogen, wie es im Text heißt. Die Einladung zu einer Geburtstagfeier lehnt sie ab – "der ganze Quatsch mit Menschen". Immer wieder geht es auch um den weiblichen Körper, der sich kaputt schuftet. Oder um eine Frühbesprechung, in der der OP-Chef fast schon feierlich die kontinuierlich steigende Anzahl an Kündigungen und Krankmeldungen verliest.
Fünf Jahre nach dem Corona-Applaus
Als dann auch OTAs Chef unbegründet fragt, was denn mit ihr los sei, taucht sie bei der nächsten Frühbesprechung nicht mehr auf. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben scheint doch zu groß gewesen zu sein. Ein hartes Ende für einen Text, der sich mitunter liest wie eine gut gemachte Serie im Stile von "Grey‘s Anatomy". Das Thema des Zerriebenwerdens im Gesundheitssystem und in der Pflege liegt – fünf Jahre nach dem Applaus während der Corona-Lockdowns – offenbar nahe: Gerade feierte "Heldin" mit Leonie Benesch auf der Berlinale Premiere; bald startet mit "KRANK Berlin" eine Serie auf AppleTV+.
Es ist ein durchaus politischer Theatertext, den Lisa Danulat geschrieben hat. Und das nicht nur, weil sie an einer Stelle die zahlreichen Unfälle von Lieferando-Fahrer*innen thematisiert. Danulat erzählt vom Versagen eines Systems, von dem wir alle profitieren, wenn wir uns ein Bein gebrochen haben – auf Kosten von Menschen wie OTA. Es ist der große Verdienst ihres Stücks, dass sie diese Botschaft nicht als Anklage formuliert oder mit Betroffenheit arbeitet. Ihr leichtfüßiger Text vermittelt das Thema durchaus unterhaltend und ohne ihre Figuren zu verraten. Was daran liegen könnte, dass Danulat selbst von 2021 bis 2024 eine Ausbildung zur Operationstechnischen Assistentin absolviert hat: Das Stück hat sie ihren Kolleg*innen am Unfallkrankenhauses Berlin und der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Frankfurt am Main gewidmet.






