Autor*innenpreis
Zehra Sönmez – 16GB: Tischtennisplattenpolitik
Die Tischtennisplatte. Keine grüne Vereinsplatte mit abgerundeten Ecken für lockeres Ping-Pong, sondern Beton und harte Kanten. Für die Zwillinge Ceren und Andaç "ein Ort des Zusammenfindens. Das Zusammenfinden unserer Gefühle, Schmerzen, Freude". Hier werden erste Musikvideos gedreht, Hot Wheels spektakulär verbrannt, Entschuldigungsbriefe geschrieben, diskutiert und nicht nachgegeben, versöhnt und gefeiert. Hier werden Systemkritik ausgehandelt und Strukturen hinterfragt. Klar, direkt und unnachgiebig hält Zehra Sönmez der Gesellschaft – nicht zuletzt dem Theater- und Kulturbetrieb – den Spiegel vor und fragt nach der tatsächlichen Erlebbarkeit des proklamierten "Wir" im Schatten weißer Mehrheitsnarrative und kaschierter Diskriminierung.
Zehra Sönmez wurde 2002 geboren. Als Autorin, Künstlerin und Dramaturgin tätig, führten sie Arbeiten an das Schauspiel Dortmund und das Studio ᴙ am Maxim Gorki Theater Berlin. Prämiert mit dem 1. Berliner Stückepreis für Junges Publikum 2024, zeigt Zehra Sönmez: "Auf diesem Stück Beton kritisieren wir konstruktiv ihre Konstrukte ab."
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Das Stückporträt: 16GB: Tischtennisplattenpolitik – Zehra Sönmez
Von Karin Yeşilada
27. Februar 2025. Wie sehr steht eine Generation Z unter Druck, wenn sie divers ist, einen ausländischen Nachnamen hat, migrantisch gelesen wird und wenn sich weite Teile der Mehrheitsgesellschaft gegen sie richten, gegen sie wählen? Wenn schon in der Schule Lehrkräfte abwinken: "Das Theater werdet ihr nie von innen sehen!" und den Migrationsschüler*innen konsequent die Einser-Noten und den Bildungsaufstieg verweigern? Wo die Hochkultur nur der Mehrheitsgesellschaft gewidmet ist, wissen die Eingewanderten: Es geht nicht um sie, allenfalls über sie.
Sie ermächtigen sich selbst
"16 GB: Tischtennisplattenpolitik" ist ein Stück, in dem sich die migrantisierte Gen Z das Wort nimmt und ihren Platz neu definiert – nicht nur im Theater. Zwei postmigrantische junge Menschen, ein türkisch-deutsches Geschwisterpaar, sprechen über Rassismus in der Gesellschaft, im Bildungssystem und im Kulturbetrieb. In den von Prolog und Epilog gerahmten sieben Szenen gibt es zwar keine Handlung. Doch es werden Lebensgeschichten erzählt, die von der Einwanderung der Großeltern bis zur Zukunft der Enkelgeneration reichen und dem direkt adressierten Publikum viele Denkimpulse über das Miteinander im Einwanderungsland mitgeben.
Als sie zum ersten Mal eine Produktion des Theaters Dortmund unter der Intendanz von Julia Wissert sah, hatte Zehra Sönmez das Gefühl: "Ich werde gesehen. Das da oben bin ich!" Und wollte unbedingt Teil dieses neuen Aufbruchs sein. Das ist sie nun seit über vier Jahren in verschiedenen Funktionen, und Julia Wissert förderte das Talent. "Ich musste mich als Hausaufgabe mit einem eigenen Stück bewerben", sagt Sönmez und lacht. Prompt gewann sie im Dezember 2024 den Berliner Stückepreis für junges Publikum.
Aber sie spricht auch von der Verantwortung, ja fast schon Last, bei der Preisverleihung "für uns BIPoCs hier zu stehen". Wo Repräsentanz keine Selbstverständlichkeit ist, kämpfen alle für die Sichtbarkeit. Schon vor einem Vierteljahrhundert hatte die interkulturelle Pädagogik Schieflagen im Bildungssystem angeprangert, lange also, bevor der im Stück zitierte Aladin El-Mafaalani sie aus eigener Sicht benannte und seinerseits gegen Diskriminierung im Bildungssystem argumentierte. Geändert hat sich wenig. Aber nun haben die Eingewanderten mit dem Soziologen einen Star aus den eigenen Reihen, und die beiden Figuren im Stück könnten seine Student*innen sein. Sie ermächtigen sich selbst und zeigen: Es liegt nicht an ihnen, sondern am System.
Raufasertapete, bunt gefärbt
Die Zwillingsgeschwister Andaç und Ceren Özpinar betreten die Bühne, um ihren Platz darauf zu behaupten. Im Prolog haben Volumnia, benannt nach der römisch-antiken Schauspielerin und Tänzerin, eine Freigelassene, die als Künstlerin Karriere machte, und der Chor dabei schon das Thema gesetzt: Es geht um die nicht erzählte Geschichte derer, die nach Deutschland kamen, um es mit ihrer Arbeitskraft aufzubauen. Wenn das "sehr verzerrte Publikum" begrüßt wird, deutet sich schon die Schieflage einer weiß-gelesenen Mehrheitskulturgesellschaft und der nicht repräsentierten Communities mit Einwanderungsgeschichte an. Das Stück färbt die symbolisch gesetzte, typisch deutsche "Raufasertapete" mit der Geschichte der sogenannten Gastarbeiter*innen bunt ein und widersetzt sich einer vermeintlich egalisierenden Ungleichbehandlung.
Zeit und Raum sind im Titel abgesteckt: Die "16 Gigabyte" einer SD-Karte stehen als Metapher für die Möglichkeit, eine Geschichte jenseits der Mehrheitserzählung darauf zu speichern. Ihre eigene Familiengeschichte der Arbeitsmigration und Einwanderung etwa sei nie Thema im Schulunterricht gewesen, berichtet Sönmez und verweist auf den Film "Gleis 11" ihres Kollegen Çağdaş Eren Yüksel, der die Gastarbeiteranwerbung der Großelterngeneration dokumentiert. Hier erzählen die Enkel die Geschichte, und sie spiegeln dem Einwanderungsland "Schland" dabei die eigene kapitalistische Haltung: Unter zwei Dutzend Varianten des Verbs "arbeiten" (von abarbeiten bis totarbeiten) ist für Ceren nur eine so richtig deutsch, nämlich das "arbeiten lassen": "Schland hat eine sehr absente Auffassung von Arbeit." Zwischen den Zeilen schwingt dabei die Reihung der Unwörter "Zwangs-, Fremd-, Gastarbeiter" mit.
Anne ellerin neden bu kadar pürüzlü?
So hauen Ceren und Andaç dem weiß gelesenen Publikum die gängigen Rassismen um die Ohren, Rassismen, die sich in Banalitäten, Gemeinheiten und offener Diskriminierung manifestieren. Das ist vielleicht nicht neu, aber in einer Zeit sich häufender Terroranschläge aktuell. Die Strategie dagegen ist Gegenrede und Sichtbarkeit. Klug, pointiert und oft auch witzig spielen sich die Geschwister die Bälle zu, bis sie am Ende zur Tischtennisplatte kommen, auf der sie mit den anderen diversen Jugendlichen abgehangen aka gechillt haben. Sie bildet den sozialen Raum der "Anderen", der nicht weiß-gelesenen, eingewanderten Bevölkerung, Enkel der Rau-Händigen, die "Deniz, Sinthu, Hêvîn, Serkan, Davyd" oder "Dafina, Yousra, Bilal" heißen.
Sönmez arbeitet mit Mehrsprachigkeit, lässt die Figuren zentrale Sätze auf Türkisch, Kurdisch, Tamil sprechen. Dadurch wird der klassenkämpferische Gegensatz zwischen "weichen Händen" und "rauen Händen" zur Selbstermächtigung. Es gibt auch stille, schöne Momente im Stück. Immer dann, wenn wiederkehrend in mehreren Sprachen gefragt wird: "Mutter, warum sind deine Hände so rau? Anne ellerin neden bu kadar pürüzlü?", wird der Ton fast märchenhaft. Dahinter steckt die Sehnsucht nach der Sichtbarkeit der eigenen Geschichte.
Erinnerungspolitik als Aufgabe des Theaters
Das Stück mahnt Erinnerungspolitik an, als Aufgabe des Theaters: "Was zeigst du den Leuten, wenn du ihnen nur 16 GB zum Erinnern geben kannst?", fragt Andaç aka Zehra Sönmez. Ihre Generation hat die Erinnerungsarbeit neu definiert: Die Opfer rassistischer Gewalt von Rechts werden seit dem Terroranschlag von Hanau 2020 – den Sönmez im Gegensatz zu den Anschlägen der 1990er Jahre bewusst wahrgenommen hat – aktiv erinnert, etwa durch die Initiative #saytheirnames. Den Opfern von Hanau ist das Stück auch gewidmet, ihre Namen werden genannt. Und Sönmez macht eigene Kulturpolitik, indem sie eine diverse Besetzung und Regie ihres Stückes zur Auflage für eine Inszenierung macht. Tischtennisplattenpolitik eben. Sollte sie einen Preis bekommen, sagt Zehra Sönmez, dann werde sie ihn ihren beziehungsweise allen eingewanderten Vorfahren widmen: "Ihre rauen Hände haben den Bühnenboden geschaffen, auf dem ich stehe."






