Autor*innenpreis
Svealena Kutschke - Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert
Es wird getippt, abgeheftet, getackert, kopiert. Außen gibt es Regen und innen gibt es Kaffee. Und Fragen: Wer bringt eigentlich wem den Kaffee in so einer Verwaltung? Wer nimmt das letzte Stück Kuchen? Und warum weint es sich leichter, wenn du an Pinguine denkst? "Fußnoten aus dem 21. Jahrhundert" spielt am Ende dieses Jahrhunderts. Die Verwaltung hat nach wie vor die Aufgabe, Probleme nicht zu lösen, sondern sie zu kategorisieren: auf den Haufen für Traurigkeit oder Protest oder für Menschen, die sich eine Sonderration Fleisch erschlichen haben. Aber es gibt eine Figur namens Paranormales Phänomen, es gibt eine viel zu heiße Sonne und einen Wasserfleck im Büro, der sich zum Ozean ausbreitet. Es gibt einen toten Wal, der vor dem Kopierer angespült wird, und es gibt Analyse und Zärtlichkeit angesichts der Zukunft. Klar ist: Das Wetter ist nicht schuld!
Die vielfach ausgezeichnete Autorin Svealena Kutschke hat 2025 ihren vierten Roman "Gespensterfische" veröffentlicht. Ihr Theaterstück "no shame in hope (eine Jogginghose ist ja kein Schicksal)" war für den Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts 2023 nominiert und wird vielfach nachgespielt.
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Das Stückporträt: Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert – Svealena Kutschke
In den verglühenden Resten der Demokratie
Von Verena Großkreutz
27. Februar 2025. Überflutungen, Wassermangel, Artensterben und Dürrekatastrophen sind Realität. Uns schwant: Wird die Klimakrise zur Katastrophe, wird das auf Kosten unserer Demokratie gehen. In ihrem neuen Stück "Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert" hat die Romanautorin und Dramatikerin Svealena Kutschke die Zeit ein paar Jahrzehnte vorgestellt. Und darin die Albträume, die uns heute angesichts der politischen Weltlage plagen, wahr werden lassen.
Svealena Kutschkes Botschaft aus dem späten 21. Jahrhundert kündet von der Denunzationsfreude von Menschen in Diktaturen und von Behördenabläufen, die immun sind gegenüber jeglicher Moral. Das Stück übertrage den Schrecken der Gegenwart, der Klimakrise und der Bedrohungen für die Demokratie in die nahe Zukunft, so die Autorin. Nichtsdestotrotz sei es ihr "bisher lustigstes Stück". Stimmt.
Wenn das Wasser fensterhoch steht
Wir befinden uns in einem Großraumbüro, an einem Morgen im späten 21. Jahrhundert. In diesem "Maschinenraum der Demokratie" herrscht die vertraute deutsche Bürokratie: "Es wird gestempelt und getackert und kopiert. Hier und da sieht man noch die Verwendung von Tinte und sogar Löschpapier, es gibt sogar noch Faxgeräte." Angestellte reden darüber, ob es in Ordnung sei, Chef*innen einen Kaffee zu bringen oder mehrstündige Rauchpausen einzulegen, während andere sich totschuften. Kantinen- und Teeküchengespräche: Es wird gelästert, über Beziehungskisten parliert, man beschwert sich über die immense Verwaltungsarbeit. In einer Teamsitzung wird die angemessene Kategorisierung eingehender "Meldungen" besprochen.
Alles würde zunächst noch recht harmlos wirken, wie trister Büroalltag eben, wäre da nicht die "Regiestimme", die die Wetterlage dieses Morgens beschreibt: "Das Wasser drückt gegen alle Fenster, kleine Tiere wirbeln darin herum. Salatköpfe. Konserven. Toaster, Gartenstühle, Fahrräder. Eine Waschmaschine. Ein offener Kühlschrank. Die Kühlschranktür schlägt in der Strömung auf und zu." Scheint normal zu sein in dieser Welt. Denn niemand stört sich daran.
In "Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert", gebaut aus elf locker gereihten Szenen und zunächst einen Tag durchlaufend, entpuppt sich das Großraumbüro nach und nach als Verwaltungszentrale zahlreich eingehender Denunziationen. Denunziert wird, wenn jemand "ein zweites Kind bekommt", "auf einer Demo war", "eine Sonderration Fleisch erschlichen" oder "Klimageflüchtete" versteckt hat. Denn es ist mitnichten eine Demokratie, in der das Stück spielt, sondern Deutschland ist zum autokratischen Überwachungsstaat mutiert: Grenzen dicht, damit die "Klimaflüchtlinge" draußen bleiben. Militär überall, stets bereit, Demonstrationen blutig niederzuschlagen, zu verhaften, zu töten. Alles längst ausgestorben: Krill, Bienen, Eulen, Kaiserpinguine, Eisbären. Eine neue Pandemie scheint kurz vor dem Ausbruch zu stehen. "Der Himmel hat eiternde Wunden und die Erde ist verschorft", "Du hast dich daran gewöhnt, dass die Sonne nicht zu sehen ist", spricht die "Regiestimme". Das kann man ganz konkret auf die extremen Wetterlagen beziehen, aber auch als Metapher für eine sehr dunkle Zeit verstehen.
Parlieren mit dem "Paranormalen Phänomen"
Geschickt verbindet die Autorin mehrere "Sprechpositionen" miteinander. Da gibt es das Geplaudere und Gelästere der Angestellten Gruber, Noll, Weber und König, über deren Herkunft und Vergangenheit man so gut wie nichts erfährt und die genderneutral erzählt werden. Die vier hinterfragen nichts, weder die Unterdrückungsmechanismen oder die Angemessenheit der Repressionen des Staats, noch nehmen sie das bedrohliche Extremwetter wahr.
Andererseits sitzt dort an seinem Schreibtisch ein "Paranormales Phänomen", das sich gerne mal in die Gespräche der anderen einmischt, Kuchen mitbringt und auch mit der "Regiestimme" kommuniziert. Es stellt immer wieder seinen gediegenen Humor zur Schau, etwa wenn König Noll vorwirft, diese*r denke, man könne "Sex haben, ohne, dass irgendwann auch mal ein Problem auf den Tisch kommt". Das Paranormale Phänomen: "Ja, das hat die EU sich wohl auch so gedacht." Kutschkes Stück ist gespickt mit solchen Pointen, mit humoristischen Übertreibungen, Sprachwitz, Absurditäten und hintersinniger Metaphorik.
Der Bürokrat, der Deutschland datet
Das "Paranormale Phänomen" ist aber nicht nur witzig, sondern auch schlau und ein bisschen aufmüpfig. König petzt: "Das Paranormale Phänomen hat gesagt, die geschlossenen und militärisch abgesicherten Grenzen wären auch nicht das Gelbe vom Ei …" Zudem lässt es gerne auch mal eine Anzeige verschwinden. Es macht sich so seine Gedanken, ist besserwisserisch und den anderen deutlich überlegen: "Es gibt keine Katzen mehr, vor den Gewächshäusern und auch überall sonst Militär, als könne man noch irgendwas retten. Dabei war das schon 2010 klar, dass uns Energiesparlampen oder die Spülstopptaste nicht mehr retten können." Oder es kommentiert die eine oder andere Denunziation: "Da geht es direkt um die Geflüchteten und das Militär an den Grenzen, allerlei ganz übertriebene Behauptungen zu Erschießungen, ich sag mal so, das sieht nicht gut aus." Besserwisserei und Aufmüpfigkeit machen sich natürlich nicht gut in einer Meldestelle für Denunziationen. Das "Paranormale Phänomen", etwas selbstmitleidig, fühlt sich gemobbt.
Was verbirgt sich hinter dieser "Sprechposition"? Wer ist das "Paranormale Phänomen"? Das solle "unklar" bleiben, sagt Kutschke, sie arbeite in diesem Stück "grundsätzlich mit produktiver Verwirrung", "alle Zuschreibungen sind erst einmal Behauptungen". Es gehe ihr darum, "wie Verdrängung, Abgrenzung, Wahrnehmungsverschiebungen in Gruppen funktionieren".
Eine solche produktiv verwirrende "Behauptung" ist auch die von Weber gedatete Person, die von sich sagt, sie sei "Deutschland". Sie trägt Deutschlandfarben in Samt, Glitzer und Lack und arbeitet im Archiv der Verwaltung zwecks "Aufarbeitung". Eine ambivalente, unsinnliche, traurige Erscheinung, die für "eine regressive nationalistische Zurückgezogenheit" stehe, so Kutschke. Kommentar des "Paranormalen Phänomens": "Autokraten haben etwas sexuell Erregendes. Das ist ein bisschen so wie mit Beerdigungen."
Fisch auf dem Tisch und Wal vor dem Kopierer
Die "Regiestimme" ist dagegen eine Sprechposition mit moralischem Anspruch. Übt etwa Kritik an der Sprache der Politik, in der wir unsere heutige Zeit wiedererkennen: "Aber was wirklich furchterregend ist, ist die Absurdität der Sprache. Der Kanzler spricht wie ein Perpetuum Mobile, Nationalstaat, Grenzen, Flucht und Teufel, unablässig gehen Worte aus dem raus (…) Jeden Tag strömen vollkommen vereinsamte Worte aus dem raus, so viele, dass alle anderen verstummen." Die "Regiestimme" reflektiert auch immer wieder über die desolate Situation draußen in der Welt, über das Aussterben der Tiere, berichtet etwa von zynischen Doku-Filmer*innen, die einst das Verenden des letzten Eisbären aufnahmen: "Das verhungernde Eisbärbaby wurde eiskalt gefilmt. Und das hat GEDAUERT."
Doch die bedrohliche Außenwelt bricht dann doch ein in die abgeschottete, moralisch so immune Verwaltungszentrale: Aus einem kleinen Wasserfleck an der Wand entwickelt sich "ein deutschlandförmiger Ozean, aus dem Algen herauswuchern. Die Algen haben schon eine weitere Wand überwachsen, große Teile des Fußbodens und haben begonnen, auf die Tastaturen zu kriechen". Da liegen dann schon mal tote Fische auf dem Schreibtisch und Wale vor dem Kopierer. Eine surreale Metapher für das Verdrängte, das nun nicht mehr (ganz) ignoriert werden kann.
Verunsicherung macht sich breit, Untergang und Chaos liegen in der Luft. Das "Paranormale Phänomen“ wird verantwortlich gemacht: "Das ist sooooo typisch. Immer wenn ein Wal vor dem Drucker angespült wird, soll plötzlich ich schuld sein. Weil, das WETTER kann ja nicht schuld sein." Die Atmosphäre wird explosiv in der Zentrale für Denunziation. Man beginnt, sich gegenseitig zu beschuldigen, droht die anderen zu melden, um von sich selbst abzulenken. Am Schluss muss Weber dran glauben. Er/sie habe "mit Deutschland geschlafen und gesagt, Deutschland sei hässlich!", triumphiert das "Paranormale Phänomen".
Schnitt: Ein neuer Tag. Der Ozean ist verschwunden, ausgetrocknet, Risse in der Wand. Heitere Stimmung am Betriebspool auf dem Dach. Die Bürowelt ist wieder in Ordnung. Weber weg, das "Paranormale Phänomen" endlich integriert. Die "Regiestimme" aber hebt noch einmal an und sinniert übers Sterben der letzten Pinguinmutter.






