Autor*innenpreis
Sean Pfeiffer – Ein Kinderspiel
Ede und Len befinden sich in den Resten einer Wohnung. Um sie Zerstörung und Tod. Ede hat keine Augen mehr, Blut sickert aus beiden Körpern. Sie versuchen eine Bestandsaufnahme: "Gibt es noch die Bücher?" – "Seiten gibt es." Ein Soldat setzt Lens Leben ein Ende. Zeit vergeht. Und Vat, Mut, Kin tauchen auf, beziehen den zerstörten Raum, performen die Normalität eines Kleinfamilienlebens, essen, sprechen. Aber Ede ist noch immer anwesend, sichtbar nur für Kin. Das erlebte Grauen eines Krieges verbleibt in den Räumen, bleibt als Trauma erfahrbar, sickert langsam ein in die Wahrnehmung der Familie. Zurück bleiben Ede und die Sprache. Schmerzhaft, versehrt, unerlöst.
Sean Pfeiffer, geboren 2000 in Frankfurt am Main, schreibt Lyrik, Prosa und Drama sowie Essays über zeitgenössischen Tanz und Performance. Seit Herbst 2021 studiert er am Institut für Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst Wien.
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Das Stückporträt: Ein Kinderspiel – Sean Pfeiffer
von Falk Schreiber
27. Februar 2025. Man tritt Sean Pfeiffer nicht zu nahe, wenn man Samuel Beckett als wichtigen Einfluss auf den 2000 in Frankfurt geborenen, mittlerweile in Wien ansässigen Autor nennt. Sein Stück "Ein Kinderspiel" etwa beginnt mit einer nahezu mustergültigen Beckett-Situation: Die zwei geschlechtslosen Figuren EDE und LEN sind da in ein apokalyptisches Setting geworfen, "die Reste einer Wohnung". Beide scheinen schwer verletzt, "aus beiden Körpern sickert bei jeder Bewegung Blut" (und wie Schauspieler*innen das spielen sollen, darüber muss sich der Autor natürlich keine Gedanken machen). Außerdem ist EDE erblindet, LEN muss beschreiben, was er sieht. Wobei es da nicht viel zu beschreiben gibt: "Gibt es das Bücherregal noch? – Nein."
EDE und LEN sind Gestalten, wie man sie aus Becketts "Endspiel" (1957) oder aus "Glückliche Tage" (1961) kennt: Menschen, denen eine nicht genau beschriebene Katastrophe alles Menschliche genommen hat, deren Körper nicht mehr funktionieren, wie sie zwischen Ruinen dahinvegetieren. In "Endspiel" lässt sich Hamm, blind und gelähmt, von Clov bedienen, der ebenfalls nur noch schwer gehen und "auf keinen Fall sitzen" kann, dazu kommen Hamms Eltern Nagg und Nell, deren Beine amputiert wurden und die in Mülltonnen hausen. Nells Name erinnert nicht von ungefähr an Pfeiffers LEN, es gibt aber einen deutlichen Unterschied: Bei Beckett hassen die Protagonist*innen einander, sind aber in der lebensfeindlichen Umgebung aufeinander angewiesen. Bei Pfeiffer hingegen scheinen sie einander zugetan: LEN jedenfalls hilft EDE ohne Widerrede und auch durchaus mit Sympathie. Nur manchmal schleicht sich in den Dialog eine sachte Genervtheit: "Meinst du, bei den Nachbarn gibts noch Wasser? Oder Zigaretten? – Darf ich später nachsehen oder drängt es sehr? – Nicht sehr. Zu fragen hat schon ein wenig geholfen." EDE und LEN wissen, dass sie die Katastrophe nicht überleben werden, da müssen sie sich nicht auch noch die letzten Minuten schwer machen.
Es war normal
Und gerade, als man sich an die Figurenkonstellation gewöhnt hat, verändert Pfeiffer die Grundsituation. Schüsse fallen, etwas explodiert, ein Soldat tritt auf und beerdigt leblose Körper, anscheinend haben auch die beiden Protagonist*innen vom Anfang nicht überlebt. Anscheinend – nach einer Weile regt sich EDE wieder, LEN bleibt unbeweglich, anscheinend wirklich tot. Das Grauen und die Gewalt von draußen sind eingebrochen in den ohnehin schon beschädigten Alltag, und plötzlich denkt man nicht mehr an Beckett, man denkt an Sarah Kanes "Zerbombt", in dem ebenfalls ein Soldat die Realität des Krieges in einen zerstörten Schutzraum bringt. Dass Kane ebenfalls viel Beckett gelesen hat, weiß Pfeiffer natürlich – sein Verständnis von Theater ist eines, das seine inhaltliche Kraft auch aus Querlektüren zieht.
Und das sich darüber im klaren ist, dass es sich nicht in solchen Querlektüren erschöpfen darf. Weswegen Pfeiffer die Situation noch ein weiteres Mal verändert: Immer noch befinden wir uns in einer Ruine, die jetzt aber von neuen Figuren bevölkert wird. EDE ist zwar noch da, sitzt aber unbeweglich am Küchentisch und ist für die jetzt auftretende Familie nicht mehr interessant. Ja, Familie: Die neuen Figuren sind unterscheidbar, nach Funktion, Geschlecht und Alter, heißen VAT, MUT und KIN, eine schon im Namen deformierte, aber immer noch funktionsfähige Kleinfamilie. Und die macht, was eine Familie im Theater eben so macht: Sie spielt Keimzelle der Gesellschaft.
Das heißt dann also, dass MUT fragt, wie es bei KIN in der Schule gewesen sei, und KIN antwortet bockig "Es war normal".
Auch die Bühne verändert sich. Immer noch ist alles voller Schutt, immer noch sitzen die Figuren in Ruinen, aber nach und nach werden Details erneuert. "In derselben Wohnung noch derselbe Schutt, um den sich niemand sorgt. Noch immer die Toten unter der Gardine, noch immer der umgekippte Kühlschrank vor dem Tisch. Inmitten des Chaos aber eine nagelneue Küchenzeile in freundlicher Farbe, am liebsten mit freistehender Arbeitsfläche, Barhockern, amerikanisch", lautet die entsprechende Regieanweisung. Die Welt regeneriert sich, aber der Wiederaufbau passiert nur graduell. Und die Toten, die Zerstörung sind immer noch präsent. Gleichwohl, bei Beckett wäre so eine Entwicklung und Erneuerung nicht vorstellbar.
Keine Antwort
Wobei "Ein Kinderspiel" auch in dieser Erneuerung unzuverlässig bleibt. Ja, VAT, MUT, KIN, da denkt man natürlich an Vater, Mutter, Kind, aber hat man es hier tatsächlich mit einer Familie zu tun? Sind das Mann, Frau, Jugendliche*r? Wie alt ist KIN überhaupt? Wenn man mit Pfeiffer über sein Stück spricht, dann stellt man fest, dass er sich da nicht festlegen will, eine Herausforderung oder auch: Freiheit für künftige Inszenierungen von "Ein Kinderspiel". Selbst für die szenische Lesung beim Heidelberger Stückemarkt möchte Pfeiffer keine Vorgaben machen, die Anfrage der Dramaturgin, welche Schauspieler*innen die einzelnen Rollen übernehmen sollten, will er nicht beantworten.
"Ein Kinderspiel" bleibt nicht zu fassen, ein brüchiges Stück Text, geschrieben für eine Bühne, die nur noch Zerfall ist, staubig, gefährlich, ausgehöhlt. Und damit wieder näher an Becketts Theaterentwürfen als angenommen, nachdem die Handlung kurzzeitig in geregelte Bahnen eingebogen war. "Wie eine Beerdigung bringen wir alles in Ordnung", lauten die letzten Sätze von VAT. Aber dann tritt EDE noch einmal auf, mit einem langen Schlussmonolog, der die Ordnung endgültig auflöst, in dem alles zerfällt, die Sprache, die Logik, die Zusammenhänge. Nichts ist in Ordnung, wir stehen zwischen Ruinen.






