Autor*innenpreis
Yannic Han Biao Federer – Asiawochen
Die Lehramtsstudentin Vanessa verzweifelt an den blinden Flecken des deutschen Bildungssystems beim Thema Kolonialgeschichte. Gleichzeitig will sie unbedingt hinter die Geschichten der Geschichte kommen: dem Trauma hinter dem Schweigen des Vaters und dem Maß für die kollektive Schuld eines Lebens im Westen des 21. Jahrhunderts. Alle um sie herum sind von ihrer Obsession überfordert. Aber Vanessa kann nicht anders. Alles hängt für sie mit allem zusammen: der Kolonialismus mit dem Nationalsozialismus, der BND und Adenauers Angst vor einem mächtigen Asien mit dem Putsch gegen den ersten Präsidenten Indonesiens, die anschließenden Pogrome und Massenmorde. Yannic Han Biao Federer stellt in seinem Stück die Frage: Wie soll das Verdrängte, das Unaussprechbare konsumierbar gemacht werden?
Yannic Han Biao Federer ist Autor und lehrt Kreatives Schreiben. Für seine Texte erhielt er zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien. 2023 war sein Stück "Drive in" in der Auswahl für den Retzhofer Dramapreis, im gleichen Jahr ist er für "Asiawochen" mit dem Hans-Gratzer-Stipendium des Schauspielhauses Wien gefördert worden. Sein dritter Roman ist 2025 im Suhrkamp Verlag erschienen: "Für immer seh ich dich wieder".
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Das Stückporträt: Asiawochen – Yannic Han Biao Federer
Im fuckingnachtschwarzen Schatten des Lichts
Von Janis El-Bira
27. Februar 2025. "Weiß weiß ich." Ein kleiner Fehler, über viele Jahre eingeschliffen und nicht mehr wegzubekommen – "weiß weiß ich" statt "was weiß ich"!? Vanessa wird ärgerlich, wenn ihre Eltern es immer und immer wieder falsch machen. "Sok pintar", schleudert ihr die Mutter dann entgegen. Auf Indonesisch heißt das so viel wie Schlaumeierin. – Das Mitgeschleppte und nicht Ablegbare ist in Yannic Han Biao Federers "Asiawochen" das Thema. Viel ungeöffnetes Gepäck haben seine Figuren auf dem Rücken. Die Sprache gehorcht gerade in Momenten der Aufregung nicht immer der mühevoll eingeprägten Regel, und in Träumen und Erinnerungen wird das Unverdaute angeschwemmt wie Treibgut. Man kann es dann ignorieren oder wegräumen, wie es der Vater versucht, wenn er bei McDonald's die Chicken Nuggets zu Sechsergruppen sortiert und eine Süßsauer-Sauce dazulegt. Weiß weiß ich.
Oder man beginnt, die Wrackteile der Erinnerung zusammenzupuzzeln, Verbindungen zu suchen, Theorie und Geschichte zu studieren. Selbst um den Preis, sich darin zu verlieren, die Decke über den Kopf ziehen und das Handy auf stumm schalten zu wollen. Weil man sie nicht mehr aushält, die große, mit Blut geschriebene Geschichte von Entrechtung und Unterdrückung. Weil man irgendwann zu viel weiß, zu viel verstanden und verknüpft hat. Und dann gerade nicht mehr versteht, wie man überhaupt so leben kann, im Hier und Jetzt, als sei nichts gewesen, als hinge nicht so vieles mit so vielem zusammen. Das ist es, was Vanessa macht.
Deutsche Schlingen nach dem Osten
Vanessas Familie stammt aus Indonesien. Das heißt, eigentlich ist sie chinesischstämmig und damit doppelt markiert. Hier, in Deutschland, fallen Vanessa und ihre Verwandten wohl unter die politisch aufgeladene Kategorie der besonders gut Integrierten. Vorzeige-Ausländer in Festanstellung, auch wenn der Vater seinen kleinen Laden aufgeben musste und stattdessen nun bei McDonald's die Asiawochen bewirtschaftet. Einmal süßsauer extra? Kein Problem im Ausverkauf der Identitäten. Vanessa arbeitet als Lehrerin und hat in Johannes einen beschussfesten deutschen Freund, der sich mehr wundert über Vanessas Grübeleien und Traurigkeiten, als dass er sie nachvollziehen könnte.
In Indonesien allerdings – darf man es "zu Hause" nennen? – sind sie vor allem die Chinesen. "Cina! Cina!" hat man sie gerufen, als man an ihre Tür hämmerte und das Haus verwüstete bei einem der anti-chinesischen Pogrome in den 1990er Jahren unter Indonesiens Machthaber Suharto. Das ist das Trauma der Familie, die daraufhin nach Deutschland zurückkehrte, wo sie zuvor schon einmal gelebt hatte.
Alle, bis auf die Mutter.
Sie blieb zurück und ist die große Abwesende in Yannic Han Biao Federers Stücks, obwohl wir ihr oft begegnen. Eine Kundin aus der McDonald’s-Bestellschlange schlüpft auf Vanessas Bitten hin in ihre Rolle. Sie spielt die Mutter, die Vanessa mitnimmt zu den Verwandten und Ahnen, den Tempeln und buddhistischen Mönchen, den unerzählten Geschichten und dem unverarbeiteten Grauen. Und Vanessa? Liest weiter. Hannah Arendt und den belgischen Historiker und Indonesien-Experten David Van Reybrouck, die Klassiker des antikolonialistischen Denkens und der Globalisierungsgeschichte. Bis sie erkennt, wie auch unzählige deutsche Schlingen nach dem Osten griffen. Von der berüchtigten „Hunnenrede“ Wilhelms II. vor der Niederschlagung des Boxeraufstands ("Pardon wird nicht gegeben!") bis hin zur lange diskutierten Verwicklung deutscher Geheimdienste in die Massaker Suhartos in den 1960ern.
Theater als Verdrängungsmaschine
Yannic Han Biao Federer hat einen tief im Wissen stehenden Text geschrieben. Mehrere Seiten Quellenverzeichnis sind dem Stück angefügt. Wäre es ein Film, würde man von einem perfekten Beispiel für einen "second screen"-Stoff sprechen können: Immerzu will man Google aufrufen, nachschlagen, wie oder wer das nochmal war, welche Zusammenhänge man bisher nicht kannte, welche Andeutungen man vielleicht nicht sofort verstanden hat. Um das Heikle dieses Unterfangen weiß der 1986 selbst als Sohn eines chinesischen Indonesiers und einer Deutschen geborene Federer, der mit "Und alles wie aus Pappmaché" und "Tao" bereits zwei erfolgreiche Romane im Suhrkamp-Verlag vorgelegt hat. "Du hast ja versucht, diese ganze Information sozusagen zu verstecken, in der Handlung und so, und im Dialog. Aber das merkt man einfach", lässt er Vanessas Freund Johannes sagen, während er sich selbst als Autorfigur ins Geschehen montiert.
Federer begegnet der eigenen Methode mit jener reflektierten Skepsis, die er auch gegenüber dem Theater zeigt. Das Theater erscheint in "Asiawochen" als Verdrängungsmaschine, deren Scheinwerfer "immer nur Licht machen, indem sie Schatten werfen, tiefe, dunkle, fuckingnachtschwarze Schatten". Es steht für eine Dauerbeschäftigung mit Ibsen oder Schiller im Dienste der Selbstvergewisserung: "Damit wir nicht verstehen müssen, wie diese Ausbeutung immer noch anhält, immer noch vorhanden ist. Unser Interesse am Desinteresse."
Der Wutausbruch als Figurenrede erscheint belehrender, als "Asiawochen" sich glücklicherweise liest. Federer hält sein Thema in schnellen Dialogfolgen flüssig, präzise lauscht er dem Alltagssprachlichen das Hin und Her eines Ringens um Verständnis ab. Und immer wieder stehen da im Text lediglich drei kleine Punkte als Platzhalter für eine Antwort auf gerade Gesagtes. Eine Auslassung? Ein Moment des Nachdenkens oder der Suche nach der richtigen Formulierung? Am Ende tritt der Geist von Bandung auf. Dort, in der "Stadt der Blumen" im indonesischen Westjava, waren 1955 Vertreter von 29 asiatischen und afrikanischen Staaten zusammengekommen, viele von ihnen ehemals Kolonisierte oder gerade in der Unabhängigkeit Angekommene. Ein neues Selbstverständnis sollte bei der Bandung-Konferenz erarbeitet werden, ein Bund des Globalen Südens gegen Kolonialismus und Rassismus und für Selbstbestimmtheit und Menschenrechte. Es war ein utopischer Moment, an dem die Geschichte anders hätte abbiegen können. Wie die drei kleinen Punkte zwischen Federers Dialogen: Eine Lücke, die der Teufel ließ.






