Autor*innenpreis
Rebecca C. Schnyder – Flaschenkinder
Lia und Jonas lernen sich beim Altglascontainer kennen. Sie entsorgen die leeren Flaschen ihrer Eltern, jeden Tag, viele, zu viele. Denn Jonas’ Mutter und Lias Vater trinken. Langsam nähern sich die Kinder einander an und finden ein Gegenüber, dem man nichts erklären muss und nichts vorspielen. Beide träumen sich gemeinsam in eine Welt ohne Flaschen, mit weiten Reisen und gezähmten Drachen, mit Geschwistern, die sich gegenseitig beschützen. Ihre Schicksalsgemeinschaft wird auf die Probe gestellt, als Jonas schließlich in eine Pflegefamilie kommt und es schafft, sich zunehmend aus der von Gewalt und Unsicherheit geprägten Beziehung zu seiner Mutter zu lösen.
Rebecca C. Schnyder arbeitet als Autorin (Drama/Hörspiel/Prosa) und Performing Arts Manager. Für ihre Arbeiten erhielt sie unter anderem den "Preis für das Schreiben von Theaterstücken" der Schweizerischen Autorengesellschaft. Sie wurde mit "Alles trennt" zum Heidelberger Stückemarkt 2015 eingeladen. 2016 erschien ihr Debütroman "Alles ist besser in der Nacht". Schnyder betreut verschiedene Bühnenproduktionen der freien Szene und ist Co-Leiterin des von ihr mitgegründeten "Paula Interfestival".
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Das Stückporträt: Flaschenkinder – Rebecca C. Schnyder
Die Dämonen am Container vor unserem Haus
Von Sophie Diesselhorst
27. Februar 2025. Vor zehn Jahren war die Schweizer Autorin Rebecca C. Schnyder schon einmal zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen: mit dem Stück "Alles trennt", in dem eine alkoholkranke Mutter ihre (erwachsene) Tochter psychologisch manipuliert und zuhause gefangen hält. Die Tochter kann sich am Ende emanzipieren, aber es ist ein mühsamer Prozess mit gewaltigen Kollateralschäden. Schnyders zum diesjährigen Stückemarkt eingeladenes Stück "Flaschenkinder" handelt wieder von Alkoholismus – aber diesmal kommen die alkoholkranken Elternteile der zwei Figuren Jonas und Lia selbst gar nicht zu Wort, sondern erscheinen nur in der Beschreibung ihrer Kinder, die bei beiden zwischen Hass und Ekel und (zu) starker Identifikation und Mitleid schwankt.
Auch ist das Setting des Stücks nicht die klaustrophobische Situation der Wohnung, sondern der – zugegebenermaßen auf den ersten Blick recht ungastliche – Zufluchtsort "Flaschencontainer auf einem Parkplatz in einem Wohngebiet". Dort hat man aber immerhin Ruhe – oder man hat sogar das Glück, zufällig eine Person zu treffen, der es ähnlich geht und mit der man eine freundschaftliche Schicksalsgemeinschaft eingehen kann.
Langzeitstudie über Co-Abhängigkeit und Emanzipation
"Flaschenkinder" ist als Jugendstück (ab 12 Jahren) gekennzeichnet und steigt bestimmt auch deshalb weniger abgründig und verstörend in die Thematik ein als "Alles trennt". Was nicht bedeutet, dass die Misere nicht auch hier auf den Punkt gebracht wird: Was die Mutter von Jonas und der Vater von Lia trinken, erzählen die vielen, vielen Flaschen, die die beiden Kinder in die Container werfen. Wo die jeweils fehlenden zweiten Elternteile sind, wird sehr kurz zusammengefasst: "Lia: Meine Mutter ist tot. – Jonas: Mein Vater ist weg."
Für das Stück hat Rebecca C. Schnyder ausgiebig zum Thema Alkoholismus recherchiert und Gespräche mit Suchtexpert*innen, Sozialarbeiter*innen und Kindern von Süchtigen, den sogenannten "Flaschenkindern", geführt. Sie selbst sei keine Betroffene, stellt die Autorin auf Nachfrage klar: "Alkoholsucht ist in meiner ganzen Familie keine Problematik. Es ist auch nicht das vordergründige Thema der Alkoholsucht, das mich interessiert. Ich habe ein Interesse an dysfunktionalen Beziehungen innerhalb von Familiensystemen, Abhängigkeiten, verkehrten Dynamiken."
"Flaschenkinder" ist denn auch eine Art Langzeitstudie, in der wir den beiden größer werdenden Kindern und dann Jugendlichen dabei zuschauen, wie sie sich trotz der Beharrungskräfte der elterlichen Abhängigkeits-Teufelskreise entwickeln, wie sie über die Jahre öfter mal auseinanderdriften und sich dann aber immer wiederfinden.
Fantasie mit Bruchlandung
Das 60-seitige Stück ist eingeteilt in drei ungefähr gleich lange Teile. Im ersten Teil sind Lia und Jonas 9 Jahre alt, im zweiten 12, im dritten 16. Die beiden reden in ungeschnörkelter Sprache offen über ihr Leben und ihr Leiden, weil sie sich voreinander nicht schämen müssen wie vor dem Rest der Welt. Die Gespräche haben Tempo, denn viel Zeit haben sie nicht in der herbstlichen, dann winterlichen Kälte an den Containern (erst im dritten Teil kündigt sich am Ende der Frühling an).
Aber Lia und Jonas versuchen trotzdem auch immer mal wieder, aus der deprimierenden Realität auszubrechen und gemeinsam zu träumen. Dann reden sie zum Beispiel über Australien, wo Jonas' Vater sein könnte, oder spielen starke Drachen – wobei die Fantasie schnell bruchlandet und sie selbst als 9-Jährige rasch vom Drachen auf den Dämon und von da wieder auf die Abhängigkeit der Eltern kommen. Was altklug wirkt, erklärt sich durch die Notwendigkeit, zuhause die Erwachsenen zu spielen, den Haushalt zu schmeißen, sich um die lebensunfähigen Eltern zu kümmern. Eine Rolle, die vor allem in Lia ein ungesundes Verantwortungsgefühl schafft, das es ihr unmöglich macht, aus der Situation auszubrechen.
Jonas hingegen befreit sich mithilfe einer aufmerksamen Lehrerin und wird in eine Pflegefamilie vermittelt, in der er aufblüht. Flaschen muss er jetzt nicht mehr wegbringen. Trotzdem sucht er Lia irgendwann wieder bei den Containern. Seine Vergangenheit lässt ihn nicht los und er will Lia helfen – keine einfache Aufgabe, an der er dennoch so hartnäckig festhält, dass es manchmal beinahe ein bisschen unglaubwürdig wird. "Flaschenkinder" ist, wie schon "Alles trennt", geprägt von einem (sich in Aufbau und Figurensprache manifestierenden) Authentizitätsanspruch, der aber immer wieder eingefärbt wird vom beinahe zu starken, aber natürlich nachvollziehbaren Wunsch der Autorin, die jungen Protagonist*innen zu erlösen.
Chance, die Jugendlichen direkt zu erreichen
Im Falle von "Flaschenkinder" führt das sogar zu einer Art Happy End, das hier nicht verraten werden soll. "Darf/kann man Stücke für ein junges Publikum ohne positiven Schluss schreiben? Vielleicht bin ich auch einfach eine hoffnungslose Optimistin", bemerkt Rebecca C. Schnyder dazu. Für ein junges Publikum zu schreiben habe sich für sie wie Neuland angefühlt "und war auch eine Herausforderung. Eine, die mich ein paar Lieblingssätze gekostet hat, die ich aber gleichzeitig mochte". Dass der Verlag das Stück zusätzlich als Klassenzimmerstück labelt, findet sie passend. So habe das Thema die Chance, die Jugendlichen direkt zu erreichen.
Schnyder hat nun also zwei Stücke über Alkoholismus geschrieben, ein weiteres Jugendstück, in dem es um Anorexie geht – aber sie nehme sich als Autorin nicht vor, gesellschaftlich relevante Stücke zu schreiben, sagt sie: "Ich schreibe. Wenn das Stück eine gesellschaftliche Relevanz hat, umso besser. Meistens bleibt es sonst eh in der Schublade. Das ist dann vielleicht auch die Antwort auf die Frage, ob Theater eine gesellschaftliche Aufgabe hat."
Auffällig sind übrigens ihre genauen Regieanweisungen, die sich "aus dem sehr filmischen Vorgang in meinem Kopf beim Schreiben" ergäben. Das bedeute aber keine Erwartungshaltung, was die Inszenierung anbelangt: "Schmeißt die Regieanweisungen über Bord, würde ich der Regie sagen. Solang ihr die Figuren ernst nehmt, bin ich mit im Boot", entlässt Schnyder ihren Text in die (Theater-)Welt.






