Der Krieg ist eine Seuche

Im "Pfirsichblütenfächer", einem chinesischen Klassiker, gibt es 44 Auftritte. Lediglich 14 davon sind für die weibliche Protagonistin reserviert. Höchste Zeit, fand Regisseurin Xiao Jing, dem vielgespielten Stoff eine feministische Neuauflage zu verpassen.

von Verena Großkreutz

"Die Geschichte vom Pfirsichblütenfächer neu erzählt" © Cai Yuan "Die Geschichte vom Pfirsichblütenfächer neu erzählt" © Cai Yuan

5. Mai 2025. "Pfirsichblütenfächer" klingt so hübsch, so zart aquarellig, dabei besteht sein Muster eigentlich aus feinen Blutsprengseln. Es ist das Blut der Prostituierten Xiangjun, die ihren Kopf aus Verzweiflung mehrmals auf den Boden donnerte, als sie mit jemand anderem als ihrem Geliebten, dem Dichter Hou Fangyu, verheiratet werden sollte, nämlich mit dem Staatsbeamten Tian Yang. Xiangjun will Hou Fangyu auf Leben und Tod die Treue halten. Mit Erfolg. Ihre Kollegin Li Zhenli heiratet Tian Yang schließlich freiwillig. Doch Hou Fangyu wird vorerst nicht wiederkommen.

"Er ist längst mit den Truppen von General Gao Jie gezogen, um seine Heimat zu befreien", heißt es, er habe Frau und Kinder, Haus und Felder. "Wenn er jetzt fort ist, wird er nicht wiederkommen. Wo gibt es denn eine Kurtisane, die ihrem Klienten die Treue hält!" Xiangjun aber ist standhaft: "Ich warte! Und wenn es den Rest meines Lebens dauert, ich warte! In den Büchern steht es doch immer so geschrieben, in der Liebe darf man nicht wanken noch weichen!"

Eine Neufassung aus dem Geist der Pandemie

Bis es so weit ist, dass sich die beiden wieder in die Arme schließen können, vergehen in der "Geschichte vom Pfirsichblütenfächer neu erzählt" gut 90 Minuten voller Bühnenturbulenzen. Die vier Schauspieler*innen des chinesischen Routine Poems Institute, das gestern zu Gast war beim Stückemarkt, geben alles in dieser Neufassung des chinesischen Klassikers, den der Dichter Kong Shangren 1699 geschrieben hat und der in einer blutigen Zeit der Kriege und der Unterdrückung spielt.

Der "Pfirsichblütenfächer" diente chinesischen Künstler*innen schon oft als Vorlage für Romane, Theaterstücke, Filme, chinesische Opern, die Pekingoper. Ein alter, deshalb unverdächtiger Stoff, der immer dann interessant wird, wenn die Zeiten fürs Volk hart sind. So auch im Entstehungsjahr der Neufassung, 2022, als die Menschen im Schatten der Pandemie "genauso wenig Kontrolle hatten über ihr Schicksal und Leben wie in Kriegszeiten", liest man im Programmheft zur Aufführung.

Die Regisseurin des Stücks, Xiao Jing, hat die neue Fassung selbst geschrieben. Sie nimmt das Werk ins feministische Visier, geht in Distanz zu familiären und nationalen Traditionen. Ihre Protagonistin gewinnt an Stärke, Empowerment, Individualität. So werden die beiden Liebenden am Ende nicht in ein Kloster eintreten wie im Original, auch nicht zusammenkommen und eine Familie gründen. Nein, sie gehen erst einmal getrennte Wege. "Kann ich gehen, wohin ich will? Kann ich in Freiheit ich selbst sein?", formuliert Xiangjun ihre Bedürfnisse, die sich über die Jahre und angesichts der finsteren Zeiten verändert haben. Und der kriegstraumatisierte Hou Fangyu, der das Schreiben verlernt hat, offenbart sich als ganz moderner Mann: "Ich hoffe, wenn wir uns das nächste Mal sehen, werde auch ich ein anderer Mensch sein, ein neuer Mensch."

Kommentare und Songs wie bei Brecht

In ihrer Inszenierung beruft sich Xiao Jing auf Brechts episches Theater. Die Geste des Zeigens dominiert. Umbauten auf der recht kargen Bühne übernimmt das Ensemble selbst. Vor allem am Ende ist da viel zu tun, wenn der bunte Berg (Blechregal mit einem Haufen farbiger Plastikkästen, überdeckt von einer transparenten Plastikplane) abgebaut werden muss, um dunkel-gähnende Leere auf der Bühne herzustellen. Episch locker reihen sich die Szenen aneinander, werden „Alte Geschichten“ erzählt, dazwischen tummeln sich Kommentare, Songs, Erklärungen wie diese Statistik: "Kong Shangren nennt im 'Pfirsichblütenfächer' 30 Figuren beim Namen, im ganzen Stück gibt es 44 Auftritte, auf die Liebesgeschichte entfallen aber nur 15. Xiangjun ist sogar nur 14-mal auf der Bühne. Der Befehlshaber Shi Kefa bringt es immerhin in dem Kriegsdramenteil auf 13 Auftritte und holt damit fast die weibliche Hauptrolle ein usw."

Medea2 3837 c Juda Khatia FsuturiDie Geste des Zeigens dominiert – Regisseurin Xiao Jing arbeitet mit den Mitteln des epischen Theaters. © Liu Yixuan

Die vielen Figuren teilen sich die vier Schauspieler*innen auf. Der Multiinstrumentalist oo-khiat sorgt für die Live-Musik: mal traditionell, mal elektronisch. Es gibt aber auch Musik vom Band: Schostakowitschs berühmter Jazz-Walzer etwa grundiert eine Szene, in der vier Heeresführer in ordensbehängten Uniformen militärisch verwirrt mit Gewehren aufeinander losgehen. Ballernde Soundcollagen sorgen für Atmo in anderen Kriegsszenerien.

Namen, Orte, Schlachten

Deutschsprachige Sinnesorgane werden freilich an diesem textintensiven Abend oft überfordert. Es ist nicht immer einfach, dem zum Teil schnell gesprochenen Mandarin zu folgen, weil die drei- bis vierzeiligen Übertitel wegrattern, ehe man sie vollständig gelesen hat. Aber vielleicht ist es auch gar nicht so wichtig, die sehr vielen Namen, Ortsbezeichnungen, Schlachten in einen finalen Zusammenhang zu bringen. Die Körper und die Stimmen der Darsteller*innen sprechen Bände. Es ist ja klar, worum geht: um eine durch Gewalt und Krieg zersetzte Gesellschaft, in der das einzelne Menschenleben nicht viel zählt und in der es keinen Platz gibt für Gefühle und gemeinsame Zukunftspläne. "Der Krieg ist wie eine Seuche“, heißt es einmal, "sie holt dich immer auch an Orten ein, an denen du dich sicher wähntest".

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Die Geschichte vom Pfirsichblütenfächer neu erzählt
von Xiao Jing nach Kong Shangren
auf Hochchinesisch (Mandarin) mit deutschen Übertiteln
Regie: Xiao Jing, Musik: Yang Sitao, Bühne und Kostüme: Zhong Huizhen, Licht: Wang Shuzhen, Sounddesign: Tian Yulin, Schauspieltraining: Yang Yunke, Dramaturgie: Annie Wang, Übersetzung Übertitel: Sara Landa.
Mit Tang Ke, Li Kui, He Wenjun, Wang Xinyu, oo-khiat (Musiker)
Dauer 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
Eine Produktion des Routine Poems Institute