Erst kommt der Tod, dann die Moral

Wer möchte für immer leben? Von Körper zu Körper hüpfen, während die Zeit vergeht? Ah Q ist dieses Glück beschieden. Doch was heißt Glück, wenn man unentwegt scheitert, am eigenen Makel und jenem der anderen? "Die wahre Geschichte des Ah Q" der New Youth Group aus Peking ist ein großes Stück über individuelle und kollektive Moral, bei der auch Brecht grüßen lässt.

Von Verena Großkreutz

"Die wahre Geschichte des Ah Q" der New Youth Group © TASU

4. Mai 2025. Was für ein Pech: Da schafft es der gerade hingerichtete Ah Q, den beiden Seelenfängern und der Unterwelt zu entwischen, findet dann für seine rastlose Seele sogar einen neuen Körper, und dann gehört dieser Körper ausgerechnet einem Mann, der nur noch zwei Stunden zu leben hat. Das finden selbst die aufdringlichen Seelenfänger lustig. Ah Q ist halt der ewige Verlierer, an diesem Abend freilich einer mit einem wild aufbegehrenden Überlebenswillen.

Reichtum und Revolution

Es ist eine der schönsten Szenen in "Die wahre Geschichte des Ah Q", wenn der junge Schauspieler Wang Chenyang im Scheinwerferspot Ah Qs Willen zum Leben performt, expressiv, eine ungeheure Energie verströmend, während oben auf dem großen Monitor in Schwarzweiß sein Schatten sich geschmeidig verformt, sich ausdehnt und zusammenzieht.

Die Energie, die der charismatische, athletische Chenyang seinem Ah Q verleiht, trägt den ganzen Abend − bis zum Schlussapplaus: Da hüpft er euphorisch und wie ein Gummiball über die Bühne, einen der Verse aus dem Stück skandierend: "ABCDEFG, vor dem Q da kommt ein P." − natürlich auf Mandarin, denn es handelt sich bei diesem Stück ja um das mit Spannung erwartete erste Gastspiel des diesjährigen Stückemarkt-Gastlandes China. Auf der Bühne: die New Youth Group aus Peking und ihr 13-köpfiges Ensemble, in der Inszenierung ihres Gründers Li Jianjun. Gespielt wird eine Adaption (von Ma Wenqi) des Romans "Die wahre Geschichte des Ah Q", mit dem der Autor Lu Xun 1921 die literarische Moderne in China einläutete und international erfolgreich wurde.

Die wahre Geschichte 71Die Romanvorlage von Lu Xun aus dem Jahr 1921 thematisiert die Verfasstheit der chinesischen Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts. © TASU

Der Roman spielt in einem Dorf auf dem Lande, ein paar Jahre nach der Xinhai-Revolution, in deren Folge das über 2000-jährige Kaiserreich endete und China zur Republik wurde. Ah Q ist ein entrechteter Bauer, der Prügelknabe des Dorfs, in dem der Clan des Zaoh alles beherrscht. Ah Q ist ganz unten, wird von allen gedemütigt und geschlagen. Er ist nicht gerade der Hellste und übergriffig gegenüber Frauen. Seine Strategie: sich all das schön zu reden. Er ist ein verblendeter Selbstbetrüger, der sich sagt, nur wer sich schlagen lasse, sei ein echter Held. Revolutionär wäre er schon gerne, aber eben nur, um endlich reich und mächtig zu sein. Ah Q endet sehr traurig: Er wird unschuldig hingerichtet, glaubt dabei, vom Volk für seine Heldenhaftigkeit gefeiert zu werden. Dabei beklatschen die Gaffenden bloß seinen Tod. Klar, dass Lu Xun mit seinem Roman so etwas wie ein Psychogramm der damaligen chinesischen Gesellschaft im Sinn hatte.

Wieder ein krummes Ding

Li Jianjun und die Bearbeiterin Ma Wenqi haben Xuns Antihelden allerdings begnadigt. Der Theaterabend beginnt mit dem Ende des Romans. Mit der öffentlichen Erschießung von Ah Q. Ein riesiges Durchschussloch, wie von einer kleinen Kanonenkugel, schmückt nun (als Plastikimitat) seinen nackten Oberkörper. Es schockieren Projektionen alter, authentischer Fotos, die damals offenbar kurz vor öffentlichen Köpfungen geschossen wurden. Doch so bitterernst bleibt es nicht. Ah Qs Leben wird im Rückblick mit satirischer Note erzählt, während die Jahre vorrücken bis in unsere Zeit. Immer wieder kommt Ah Q ins Leben zurück, und immer wieder scheitert er. Er findet einfach nicht heraus aus dem Hamsterrad seines Unvermögens, macht nichts besser, ändert nicht die Laufrichtung oder seinen Charakter.

Am Ende, angekommen in unserer Zeit, sieht man ihn in einem Kurzfilm wieder mal ein krummes Ding drehen: Will einen übers Ohr hauen, der einen Heiler sucht für seine Leiden. Fährt ihn mit seinem Motorroller in eine eisige Winterlandschaft. Aber das Opfer hat die Masche durchschaut. Ein Jahr später sieht man Ah Q auf seinem Motorrad eine Landstraße entlangfahren, mit einem Song übers Glücklichsein auf den Lippen. Krachbumm, er kollidiert mit einem Laster.

Von Pekingoper bis Rap

Überraschend ist die Vielfalt ästhetischer Mittel, die Li Jianjun und sein Team zum Einsatz bringen und dem Publikum auch dadurch einen großartigen Theaterabend bescheren. Allein schon, was die Musik angeht, die von Klangeffekten der Pekingoper über Walzer und Cancan bis hin zum Rap und zu kommentierenden Songs reicht. Die Bühne ist zwar so gut wie leer zu Beginn, aber wenn’s um ein Bankett des Zhao im Heimatdorf geht, dem Ah Q als weiß geschminkter Geist erscheint und Schrecken bereitet ("Hilfe, die Revolution hat alles umgestürzt, auch die Welt der Geister!"), wird ordentlich aufgefahren. Viel läuft übers stets sinn- und wirkungsvoll zum Einsatz kommende Multimediale: Projektionen von Bildern, Filmen, dem Einsatz von Live-Kameras plus Greenscreen. Auch Brecht lässt hier und da grüßen. Und es gibt fantastische Choreografien zu sehen: Wirkungsvoll etwa, wie sich zur Hinrichtung Ah Qs acht Körper zum Gewehr formieren, durchladen − und Schuss.

Und auch gut, dass es im Fluss der mit großer Leichtigkeit und mit Witz erzählten Geschichte immer wieder ernste Widerhaken gibt: in Gestalt eines verzweifelnden Mannes etwa, eines Denkers, der die Gesellschaft als "menschenfressendes" System fürchtet, an dem er wiederum ungewollt beteiligt ist. Er wird eingesperrt von seinem Bruder, der ihn für völlig durchgeknallt hält.

So ergibt dann auch der etwas moralisierende Schlussrap − "Wie soll ich leben? Wohin soll ich gehen? Kann ich, bis der Menschen Vorhang fällt, diesem Dunkel noch entgehen?" − seinen Sinn. Auch in Erinnerung an die grausigen Hinrichtungsfotos des Beginns. Ja, der Mensch ist eben dem Menschen ein Wolf.

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Die wahre Geschichte des Ah Q
von Ma Wenqi nach dem Roman von Lu Xun
auf Hochchinesisch (Mandarin) mit deutschen Übertiteln
Regie: Li Jianjun, Bühne: Yang Kaiqiang, Kostüme: Wu Lei, Ai Sitong, Jiang Yiyao, Lichtdesign: Liu Hengzhi, Musik: Li Luka, Bewegungscoach: Wang Xuanqi, Video: Cao Chan, Sounddesign: Ke Xiaoyan.
Mit: Wang Chenyang, Li Gan, Cui Wei, Gao Jianwei, Zhou Yinming, Wu Youyou, Wang Yunhan, Kan Yueran, Li Chenyang, Wang Ruoxue, Wu Lanying, Wang Ziyang sowie Xu Yuxuan (Drums).
Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause.
Eine Produktion der New Youth Group, Peking.