Wenn Welten aufeinander treffen

März 2025. Als Autorin mit einem lange bestehenden und ausgiebig gepflegten Interesse an China und seiner Kultur hat Ulrike Syha die diesjährige Gastland-Auswahl beim Heidelberger Stückemarkt mitkuratiert. In ihrem Essay gibt sie einen Einblick in ihre Erfahrungen mit dem chinesischen Theater und blickt voraus auf die im April geplanten Lesungen, Inszenierungen und Gastspiele.

Von Ulrike Syha

Trailer zu Xu Hongchangs "Ein gutes Jahr (1. Akt)" © Xu Hongchang

März 2025. Ich bin keine Sinologin. Als Kind habe ich aber eine Zeitlang behauptet, dass ich später ganz sicher Sinologie studieren würde. Wie mein elfjähriges Ich darauf kam, kann ich nicht sagen. Ich wusste praktisch nichts über China. (Wie wohl die meisten anderen in Deutschland damals auch.) Lediglich von der Terracotta-Armee hatte ich schon mal gehört, denn mein zehnjähriges Ich hatte wiederum eine Zeitlang behauptet, dass ich später ganz sicher Archäologie studieren würde. Es kam jedoch anders, ich habe meine Liebe zum Theater entdeckt, Dramaturgie studiert und bin am Ende Theaterautorin und Übersetzerin geworden. Das Interesse an China ist geblieben.

Aus eigener Erfahrung

Anfang des 21. Jahrhunderts gab es eine Blütezeit des Kulturaustauschs zwischen Deutschland und China, und ich hatte das erste Mal die Möglichkeit, nach Beijing zu fahren. Daraufhin hat es mich erst recht nicht mehr losgelassen. Ich habe angefangen, Hochchinesisch zu lernen, das ich inzwischen (abhängig von der Tagesform und der Geduld meines Gegenübers) auf alltagstauglichem Niveau spreche. Ich habe in den Jahren danach praktisch jede Gelegenheit genutzt, um beruflich Zeit in China zu verbringen.

Jetzt kann ich aus eigener Erfahrung sagen, wie kalt der Winter in Beijing sein kann, wie heiß der Sommer in Hong Kong (und erst der in Taiwan) und wie wenig man auf der Straße sieht, wenn ein Sandsturm durch den Campus von Hohhot in der Inneren Mongolei tobt. Ich habe erlebt, wie hoch Wissen geschätzt wird und wie schwierig es in manchen Kontexten sein kann, direkt ins Gespräch zu kommen – und wie leicht wieder in anderen. Ich habe mit Studierenden in Nanjing Theatertexte über ihr Leben im Sechs-Bett-Zimmer im Wohnheim geschrieben und später gemeinsam mit ihnen einen Vortrag von Hans-Thies Lehmann über das Postdramatische Theater besucht. Dabei sind Welten aufeinandergeprallt, nicht nur theatertheoretisch. Und genau das brauchen wir ja in der Kunst: Dass Welten aufeinanderprallen.

Von Landschaftsspektakeln und historischen Kostümen

Ich bin keine Sinologin, und ich bin auch keine Theaterwissenschaftlerin oder Literaturkritikerin. Mit einer theoretischen Einschätzung von Texten und Inszenierungen tue ich mich schwer, selbst in meinem eigenen Sprachraum. Ich betrachte Theater immer aus der Autorinnen-Perspektive, aus der Perspektive der mir gerade erzählten Geschichte. Es kann hier also nur um punktuelle, sporadische Seheindrücke gehen, über viele Jahre verteilt, in der sprichwörtlichen, auch in der Realität ziemlich unermesslichen Weite Chinas.

Darunter fallen ganztägige Durational Performances in inzwischen wahrscheinlich leider abgerissenen, traditionellen Hutongs in Beijing, bei denen viel Blut ausgekippt, Karaoke gesungen und Spiegelei gebraten wurde. Ein junges, schrilles und kreatives China, eine gewisse Aufbruchsstimmung, die heute nicht mehr so leicht zu finden ist. Darunter fallen aber auch dokumentarische Arbeiten mit einem Fokus auf gesellschaftlich virulenten Themen oder mit Laiendarsteller:innen, wie sie zum Beispiel in Beijing im Penghao Theatre gezeigt wurden, und gigantomanisch anmutende Landschaftsspektakel aus der Feder des weltbekannten Regisseurs Zhang Yimou,, deren Ausmaße die Produzent*innen der Karl-May-Festspiele und ähnlicher Outdoor-Events wohl vor Neid erblassen lassen würden.

A good year Canton CXuHongchangAufnahme aus Kanton von Autor Xu Hongchang, der für "Ein gutes Jahr" dokumentarisch gearbeitet hat © Xu Hongchang

Und darunter fallen auch gar nicht wenige Adaptionen westlicher Stoffe in manchmal stark historisierten Kostümen, was andersherum ja nun wirklich eher selten der Fall ist. Gut, die historisierten Kostüme können wir im Notfall auch weglassen, aber wann sieht man in Deutschland schon mal ein Stück eines chinesischen Autors oder einer chinesischen Autorin auf der Bühne, in deutscher Übersetzung?

Tendenz zum Philosophischen

Noch maßgeblicher als über die gesehenen Produktionen ist mein Blick auf China und sein Theater aber über die Begegnung mit chinesischen Künstler*innen geprägt. Menschen, die ich bei Schreibresidenzen, Workshops und Konferenzen kennengelernt und mit denen ich teilweise über viele Jahre den Kontakt gehalten habe. Und wie empfindet mein Autorinnen-Ich nun deren Stoffe und Geschichten, im Unterschied zur europäischen Tradition? Puh. Dazu ein paar Rechenspiele. Nehmen wir mal an, stark vereinfacht gesagt, dass wir im deutschen (postdramatischen) Sprachraum Theater im angelsächsischen Sprachraum oft als psychologisch und handlungsorientiert empfinden und dem Theater im französischen Sprachraum gerne einen deutlichen Fokus auf die Sprache attestieren. Dann würde ich im Umkehrschluss sagen: Viele Texte aus dem chinesischen Sprachraum haben für mich eine Tendenz zum Philosophischen und Existentialistischen.

Nicht im Sinne eines Diskurstextes oder Thesen-Dramas, vielleicht eher im Sinne dessen, dass es den Figuren Raum lässt, ihre Gedanken zu entwickeln, auch wenn diese abstrakterer Natur sind. Außerdem ein gewisser Mut zur Poesie, zu allegorischen Bildern. "Dandelion Addicted to Heroin" von Wong Ching-yan wäre vielleicht ein Beispiel für Ersteres; der auch hierzulande bekannte, aus Hong Kong stammende Autor Pat To Yan mit seinem magischen Realismus vielleicht ein Beispiel für Letzteres. Aber im selben Moment fallen mir genauso viele Stücke ein, auf die diese Beschreibung nicht oder nur teilweise passt. Texte wie "May 35th" von Candace Chong oder die Arbeiten von Chen Si'an über Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder Wohnungslose. Die Grenzen sind fließend – ganz wie im deutschen, französischen und angelsächsischen Sprachraum auch.

Ah Q 1 CTASU"Die wahre Geschichte des Ah Q" der New Youth Group nach der Novelle von Lu Xun, der 1921 mit seiner Geschichte über einen Underdog ein Psychogramm der chinesischen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeichnete © TASU

Vielleicht müssen wir das chinesische und das deutsche Theater auch gar nicht vergleichen. Förderstrukturen, Produktionsbedingungen und politische Situation sind ohnehin grundliegend andere. Und auch Hong Kong und Mainland China unterscheiden sich stark, nicht nur in den jeweiligen Theaterhandschriften. Wenn ich in China bin, genieße ich es am meisten, mich von dem selbstauferlegten intellektuellen Druck der Künstlerin zu befreien, alles beschreiben, erklären und einordnen zu müssen – weil ich es, anderes als in Deutschland, ohnehin gar nicht kann (und es zum Glück auch meist niemand von mir erwartet). Ich erlaube mir, die Dinge auch mal nicht zu verstehen. Und glauben Sie mir: Das tut durchaus gut.

Einblick in die Vielfalt

Ich bin sehr dankbar, meine Begeisterung für China und seine Menschen im Rahmen des Heidelberger Stückemarkts als kuratorische Beraterin mit dem Publikum vor Ort teilen zu können. Unser Ziel ist es gewesen, mit der Auswahl einen kleinen Einblick in die Vielfalt Chinas und seiner Theaterlandschaft zu geben.

Bei den Szenischen Lesungen beispielsweise kann man drei Stücke zum ersten Mal in deutscher Übersetzung erleben, darunter ein großes Familienepos ("24 Stunden vor Neujahr werden wir des Lebens müde" von Han Jing, Übersetzung: Zhang Deng), eine märchenhafte Allegorie über Macht ("Schattenfangen" von Chu Xia, Übersetzung: Johannes Fiederling) und ein Porträt der politisch bedingten Hong-Kong-Diaspora ("Zugvögel" von Chan Ping Chiu, Übersetzung: Sara Landa, Suk Man Yip).

Ah Q 4 CTASU"Die wahre Geschichte des Ah Q", inszeniert von Li Jianjun mit der New Youth Group © TASU

Die Gastspiele wiederum reichen von der bildgewaltigen Adaption eines modernen Klassikers ("Die wahre Geschichte des Ah Q" von Lu Xun – ein Roman, der vielleicht auch in Europa einigen bekannt sein dürfte) über die poetische Neuerzählung eines historisch-mythologischen Stoffes bis hin zur Weltpremiere eines mehrsprachigen Textes über das unterschiedliche Lebensverständnis der Generationen, der in China so nicht produziert werden kann.

Es liegt ein Zauber darin, die eigene Welt zu verlassen und Neuland zu betreten. Kulturaustausch basiert in meinen Augen unter anderem auf der Bereitschaft, auch das Nicht-Verstehen und das Nicht-Alles-Verstehen zuzulassen. Wir können uns trotzdem in den Dialog begeben und dabei unsere Ansichten vertreten, ohne sie zwingend für universell zu halten. Wir können neugierig bleiben aufeinander. Die politische Weltlage möchte, dass wir uns trennen; wir möchten, dass wir zusammenkommen, aller Widrigkeiten zum Trotz.

Ulrike Syha lebt, nach einem Studium der Dramaturgie in Leipzig und einer längeren Assistenz-Zeit am Schauspiel Leipzig, heute als freie Autorin und Übersetzerin von englischsprachiger Dramatik (unter anderem Martin Crimp, Alice Birch, Pat To Yan) in Hamburg. Sie war Hausautorin am Nationaltheater Mannheim und Writer-in-Residence in Nanjing (China), Vilnius (Litauen) und anderen Städten. 2015 erhielt sie für ihre Kurzgeschichte "Jin Mao" den Walter-Serner-Preis und für »Drift« den Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts, 2023 wurde sie für »Der analoge Mensch« mit einem der Hamburger Literaturpreise ausgezeichnet. 2019 war sie Gründungsmitglied des Verbandes der Theaterautor:innen (VTheA). 2022 und 2023 gehörte Ulrike Syha der Jury des Heidelberger Stückemarkts an. 2025 ist sie kuratorische Beraterin für das Gastland China.

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