Melange der Melancholie

Schon wieder Tristesse pur beim Heidelberger Stückemarkt! Als traurige Clowns schickt Martin Gruber sein aktionstheater ensemble in "All about me. No life after me" auf die Bühne. Aber dann: Wirkt die Kraft des Theaters. Und der Gemeinschaft.

 von Elena Philipp

"All about me. No life after me" vom aktionstheater ensemble © Anja Köhler "All about me. No life after me" vom aktionstheater ensemble © Anja Köhler

27. April 2025. "Wir könnten auch alle gehen. Es macht keinen Unterschied, ob man da ist oder nicht." – Was ist das denn? Theater oder eine Selbsthilfegruppe für Stimmungsverstörte? Was hängen die so rum, die Sechs vom aktionstheater ensemble? Benni bekommt kaum die schwarz umrandeten Augen auf. Schlaff hängen Isabellas Schultern. Nur Thomas hat die gute Laune in seinen Habitus integriert. Hände vors Gesicht, wegziehen: Strahlen!

Leben, das ist selbstgemacht

Schwierig, wenn man auf sich selbst zurückgeworfen ist. Tamara: allein. Andreas auch. Kirstin: allein. Isabella: hat jetzt ein Kind, aber allein. Nur gut, dass es das Theater gibt! "Ich habe euch, das Publikum", lässt Kirstin ihr Gesicht aufleuchten wie Thomas. "Das gibt mir immer wieder die Kraft, die ich brauche." Als "kleine Künstlerin", die in der freien Szene "die Fugen des freien Kulturmarktes zuschmiert", und dabei bestenfalls ein bisschen Staub aufwirbelt, gibt’s Halt nur in der temporären Gemeinschaft des Ensembles. Oder? "Es vermisst uns ja auch niemand hier am Theater", klagt Benni. Da hilft nur schlafen, die prompte Universallösung seiner Kindheitstage.

Eine Bande trauriger Clowns hat Martin Gruber mit seinem aktionstheater ensemble auf die Bühne gestellt. Betont ungelenk kreisen sie um den leeren Kern ihrer eigenen Existenz. Rote Nasen, an denen sie kaum vorbeischauen können. Nervöses Zucken der Arme, wenn sie, zu den Postrockbluespunk-Klängen der hier unverzichtbaren Band um Andreas Dauböck, hospitalistisch die Geraden und Diagonalen ihres Habitats abschreiten. Hochgekrempelt sind die Hosenbeine ihrer Overalls, denn Leben ist DIY. Sooo langweilig, das alles, findet Isabella.

Widersprüche auszuhalten üben

Immerhin backt Benni für sie und die anderen Kuchen. Und lädt sie gern zu sich nachhause ein. Nur nicht Tamara, denn die ist anstrengend mit ihren "Themen" – dem Krieg in Israel etwa, dort, wo die Schauspielerin aufgewachsen ist. Einmal schreit sich Tamara Stern die Wut und die Trauer über das Leben, das Universum und den ganzen Rest aus dem Unterleib. Den Oberkörper nach vorn gebeugt, brüllend und weinend. Hilft, die Theaterübung. Danach kann’s weitergehen. Vielleicht mit Death Positivity? Heiter bis verwundert erzählt sie von einer alkoholseligen Party rund um den Sarg der bei einem Attentat getöteten Schwester einer Freundin. Und Benni stopft sich die mit Sahne vermischten Reste seines Kuchens in den Mund, den Thomas vor seinen Augen brutal zerbröselt hat.

All about me c Anja Koehler 9Zusammen mag es nicht einfach sein, aber immerhin ist man nicht allein. © Anja Köhler

Aus "All about me. No life after me", das im Titel mit der Zeitdiagnose narzisstisch gefärbter Ichsucht lockt und gemeinsam mit dem Ensemble entstand, ist da längst eine Meditation über Melancholie, das Miteinander und die Magie des Theaters geworden. Außerdem eine Einübung in Ambiguitätstoleranz – Widersprüche auszuhalten, das wäre ja mal eine Theaterübung für die ganze Gesellschaft. "Es stimmt beides", wiederholt Kirstin wie ein Mantra, bevor die Überforderung aus ihr herausbricht: "Mir ist das alles viel zu viel. Klimakatastrophe. Faschismus. Der Rechtsruck jetzt." Tu Infelix Austria.

Schön komplizierte Beziehungen

Regression wäre ein Ausweg, so wie Bennis Flucht in den Schlaf. Zurück in die Vergangenheit, wieder Kind sein. An den fast zwei Köpfe größeren Ensemblekollegen gelehnt erzählt Kirstin, dass sie sich gern bekochen und dann ins Bett tragen lässt wie eine Einjährige. Nur dass das "Punkti, Punkti, Strichi, Strichi, fertig ist das Mondgesichti", das sie sich, noch immer mit infantiler Stimme, auf ihren Po malt, nicht mehr jugendfrei, sondern sexuell aufgeladen wirkt. Ensemblekolleg*innen, Freund*innen, Bettgenoss*innen: Die Grenzen sind hier fließend. Andreas preist die eigenen poetischen Fähigkeiten – und balzt damit Isabella an wie ein Affenmännchen. Und Benni, der Sensible, erstellt ein Ranking seiner Zuneigung zu den Anwesenden, in dem ausgerechnet Thomas nicht vorkommt, mit dem er wild herumknutscht.

Zusammen mag’s nicht viel einfacher sein, aber immerhin ist man nicht allein. Isabella, die bis dato vor allem dabei war und das auch explizit so wollte, verdichtet am Schluss die Themen der Inszenierung zu einer anrührenden Szene. Man könnte ja mal jemanden umarmen. Also Blickkontakt suchen, lächeln, und "wenn man dann merkt, man ist da auf einer Ebene, kann man näher hingehen und dann kann man die Person einfach umarmen". Stocksteif und missmutig lässt Kirstin den ungewollten Beweis von Isabellas Zuneigung geschehen. "Und das muss man auch aushalten diese Umarmung und nicht gleich auflösen", erklärt Isabella, während ihr Tränen in die kajalverschmierten Augen treten. Vielleicht umarmt sie ja gar nicht Kirstin, sondern die abwesende Person, an die sie in der vorherigen Übung dachte? Kompliziert, diese Beziehungen. Und aberwitzig schön. Es macht eben doch einen Unterschied, ob man da ist oder nicht.

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All about me. No life after me
Von Martin Gruber, aktionstheater ensemble und Wolfgang Mörth
Inszenierung und Konzept: Martin Gruber, Dramaturgie: Martin Ojster, Musik: Andreas Dauböck, Bühne und Kostüme: Valerie Lutz, Videoinstallation: Resa Lut, Regieassistenz: Sanna Hufsky.
Mit: Isabella Jeschke, Andreas Jähnert, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Tamara Stern, Benjamin Vanyek sowie Live-Musik: Andreas Dauböck, Ernst Tiefenthaler, Emanuel Preuschl, Jean Philipp Viol.
In Koproduktion mit dem Bregenzer Frühling, Kulturservice, der Stadt Bregenz und dem Vorarlberger Landestheater. in Kooperation mit Theater am Werk, Wien.
Uraufführung am 16. Mai 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

aktionstheater.at
landestheater.org