Träumen KIs von der Revolution?

Tax the Rich! Das wäre das Wenigste, was die fünf Pilzköpfe in Kay Voges und Sibylle Baschungs Adaption von Sibylle Bergs Roman "RCE #REMOTECODEEXECUTION" erreichen wollen. Es geht um viel mehr: die Umprogrammierung des globalen Wirtschaftssystems. Aber Moment. Sind die fünf Anzugträger dort vorne tatsächlich echt?

Von Georg Kasch

"RCE" von Sibylle Berg. © Moritz Haase "RCE" von Sibylle Berg. © Moritz Haase

26. April 2025. Wie bekämpft man Konzerne, Oligarchien, Banken, korrupte Systeme? Mit ihren eigenen Mitteln. Also hacken sich die fünf Nerd-Freunde Rachel, Maggy, Ben, Pavel (der auf der Bühne zu Pjotr wird) und Kemal in die Systeme der anderen ein und bauen zugleich ein eigenes dezentrales Netzwerk auf. Über ihre "RCE"-App spülen sie zudem massenhaft Fake News ins Netz (die die Wahrheit allerdings eher zuspitzen als sie komplett zu erfinden) und lösen so am Ende eine Revolution aus. Ihr Ziel: ein kompletter Neustart.

Davon erzählt Sibylle Berg in ihrem 2022 erschienenen Roman "RCE", einer sarkastischen Bestandsaufnahme der Gegenwart, gekleidet ins Gewand der nahen Zukunft. Der Titel bezieht sich auf die Remote Code Execution, eine Sicherheitsschwachstelle in Server-Systemen, über die man sich Zugang zu Rechnern und Systemen verschaffen kann. Regisseur Kay Voges, Gründungsdirektor der Akademie für Theater und Digitalität, liebt ja solchen Technik- und Nerd-Kram. 2018, zwei Jahre, bevor während der Pandemie das gesamte Theater vorübergehend ins Netz wanderte, inszenierte er in Dortmund und am Berliner Ensemble "Die Parallelwelt" mit mehreren Handlungssträngen und Geschichten, die an zwei Orten gleichzeitig stattfanden und via Hochleistungsdatenströmen live ineinander verzahnt waren.

Das war vor allem ein interessanter Versuch. Mit "RCE" ist Voges nun etwas Seltenes gelungen: aus einem nicht besonders guten Roman einen guten Theaterabend zu machen. Denn Bergs 700-Seiten-Schinken liest sich wie ein wütend-sarkastischer Essay zu den alltagswahnsinnigen Auswüchsen eines enthemmten globalen (Post-)Kapitalismus mit ein bisschen Plot und hölzernen Dialogen. Immer wieder trifft sie in dieser Dystopie-Utopie die Abgründe unserer Gegenwart – allerdings um den Preis, dass der Roman sich recht zäh liest und man zu den Protagonist*innen keine Beziehung aufbaut.

Was das KI-Prompten so hergibt

Voges aber schert sich wenig um Plot und Charaktere, sondern nimmt das Grundgerüst und den bissigen Berg-Sound, um daraus in seiner mit Sibylle Baschung für das Berliner Ensemble erstellten Fassung (vermutlich rechtfertigt sie die Einladung zu einem Stücke-Festival) einen temporeichen Netzschnipsel-Fiebertraum zu machen. Auf Daniel Roskamps Bühne – eine sich nach hinten verjüngende Wabe, die an einstige Zukunftsvisionen wie "2001 – Odyssee im Weltraum" oder "Star Trek" erinnert – lassen sich die fünf Protagonist*innen kaum unterscheiden: schwarze Anzüge, weiße Hemden, Pilzkopfperücken. Avatare sind’s oder Hologramme, die sich ein wenig ungelenk bewegen, englische Wörter falsch aussprechen und sich an manchen Sätzen aufhängen. Maximilian Diehle, Max Gindorff, Pauline Knof, Amelie Willberg und Paul Zichner performen diese Künstlichkeit hinreißend. Nur selten lassen sie eine Art menschlichen Ton durchschimmern, als wollten sie uns kurz aufs Glatteis locken.

28 RCE foto Marcel UrlaubMonster, Avatare, Hologramme? In dieser hochtourigen SciFi-Schleuder ist alles möglich. © Moritz Haase

Glitches bevölkern auch die große Screen-Fläche um die Wabe herum, auf der sich tummelt, was das KI-Prompten hergibt: Stadtschluchten, Machtgesichter, Social-Media-Ablenkungsstrategien – und schließlich Spiegelungen jener Fake News, mit denen die Fünf alles umkrempeln. Einmal kommen die Spieler*innen aus diesem Bildgewitter auf die Vorderbühne. Die Nähe wirkt wie ein Schock.

Wenn Maschinen Märchen erzählen

"Es braucht eine Revolution, zu der man tanzen kann", heißt der Schlüsselsatz des Abends, und entsprechend wird das alles fein choreografiert und von Tommy Finke musikalisiert. Als nach 75 Minuten die Welt vorläufig gerettet ist, beschleicht einen kurz das Unbehagen: Darf das so fluffig und oberflächenglänzend vor sich hinswingen, wenn’s doch um die große Revolution geht? Aber vielleicht glaubt Voges selbst nicht so recht an die Möglichkeit eines friedlichen Umsturzes, der alle Probleme löst. Kann es sein, dass uns hier – Stichwort Avatare, Glitches, Ablenkung – eine sich verselbstständigende Technik ein Märchen erzählt, damit wir weiter stillsitzen und keine falschen Fragen stellen? Hinter der Oberfläche lauern die Abgründe.

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RCE #Remotecodeexecution
von Sibylle Berg in einer Bearbeitung von Kay Voges und Sibylle Baschung
Uraufführung
Regie: Kay Voges, Bühne: Daniel Roskamp, Kostüme: Mona Ulrich, Musik: Tommy Finke, Dramaturgie: Sibylle Baschung, Videodesign: Andrea Schumacher, Licht: Hans Fründt, Digital Artists: Voxi Bärenklau, Stefano DiBuduo, Andrea Familari, Max Hammel, Michael Klein, Arne Körner, Julius Pösselt, Max Schweder, Mario Simon, Jan Isaak Voges, Robi Voigt.
Mit: Maximilian Diehle, Max Gindorff, Pauline Knof, Amelie Willberg, Paul Zichner.
Premiere am 25. April 2024
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

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