Lacht kaputt, was Euch kaputt macht

Ein Science-Fiction-Alptraum der besonderen Art, den Rosa von Praunheim in diesem "deutschen Singspiel" da in grellen Farben ausmalt: Alice Weidel und Sahra Wagenknecht haben die Regierung übernommen. Wer nicht ins Bild passt, wurde auf eine Insel verbannt. Ein toller Abend, der zeigt, dass im Wort "Unterhaltung" auch der Begriff "Haltung" steckt.

Von Georg Kasch

28. April 2025. Darf man gerade über den Verbrecher Vladimir Putin lachen? Man muss! Wenn Božidar Kocevski als russischer Diktator halbnackt seine Brustmuskeln spazieren führt, dabei auf einem Bären reitet und allen Ernstes erzählt, er wolle ein Musical über sich, aber niemand dürfe es so nennen, denn das sei schwul, deshalb heiße es jetzt – in Anlehnung an einen gewissen Krieg, der in Russland nicht so heißen darf – musicalna spezoperazija, dann ist das zum Schreien! All die "Männer, Bullen, Pferdezüchter" allerdings haben nichts zu lachen: Im Deutschen Reich von Alice und Sahra machen die Scheren schnippschnapp.

"Die Insel der Perversen" von Rosa von Praunheim © Eike Walkenhorst

Was wäre, wenn Alice Weidel und Sahra Wagenknecht das Land regieren würden? Rosa von Praunheims Antwort ist eine enthemmte Hans-Wurstiade über die unheimliche Ehe zwischen Links- und Rechtspopulismus und gleicht einem hochnotkomischen Fiebertraum. Da werden alle Männer kastriert, während in den Theatern Komödien über Hitler und Stalin laufen. Derweil verschanzen sich die exilierten Theaterleute auf der titelgebenden "Insel der Perversen" und ergötzen sich daran, wie wahnsinnig links sie sind und wie unglaublich ihre Stücke und Filme einst die Welt verändert hätten (die sich mittlerweile um Weidel und Wagenknecht dreht).

Böse Reverenzen

"Die Insel der Perversen" ist bereits der dritte Abend, den Praunheim an den Kammerspielen des Deutschen Theaters zwischen explodierendem Kabarett und Bachtin’schem Karneval entfacht – nach "Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht" 2018 und "Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs" 2020. Erneut lebt der Abend vom Schauspieler-Dreamteam Božidar Kocevski und Heiner Bomhard, wobei Bomhard diesmal neben der Musik auch gleich die Regie übernommen hat.

Ein Unterschied zum wilden Praunheim-Stilmix der Vorgängerstücke fällt überhaupt nicht auf. Wieder gibt es wenige Bühnenelemente – diesmal eine kleine Auftrittsgelegenheit mit selbstgemalter Insel-Rückseite, dazu ein Wurst-Kühlschrank – und viel Requisiten-Krimskrams (selbst die Holz-Ziege hat’s aus dem Hitler-Stück herübergeschafft). Carlotta Weiß hat zudem sprechende Kostüme geschaffen: hier die Strenge, die Kocevski und Bomhard als Sahra und Alice in ihren figurbetonten Halbkostümen verströmen, da die Flamboyanz der pinken Robe (samt Federschmuck), mit der Florian Köhler als Rosa von Praunheim über die Bühne wallt. Und Komi Mizrajim Togbonou trägt Gehrock und über den Rasta-Zöpfen eine weiße Perücke, als Goethe-Zitat.

DT Presse Die Insel der Perversen c Walkenhorst A5A6389Zwischen Goethe und dem Wurst-Kühlschrank: Heiner Bomhard, Božidar Kocevski und Komi Mizrajim Togbonou © Eike Walkenhorst

Aber eben auch als böse Reverenz an den real existierenden schwarzen AfD-Politiker Achille Demago, der in einem Video davon schwafelt, dass "wir Deutschland nicht mit Afrikanern überfluten" dürften, "weil es einfach zu viele davon gibt". Später tanzen Penis-Pickelhauben, ertönt eine "Erlkönig"-Schrumpfversion, und weil alle talentierten Theaterdichter*innen entweder tot oder im Exil sind, muss Nena ran fürs Hitmusical "88 Luftballons".

Theater mit Haltung

Die vier Spieler würzen das "deutsche Singspiel" mit kurzen fiesen Songs, von Komponist Bomhard ins Klavier gehämmert, mit langen feuchten Männerküssen und einer großen Freude am Diktatorinnen-Drag. Praunheims Text wirkt dabei oft, als würde ein Kind wild in Farbtöpfen panschen: alles drüber, alles dreckig, aber man spürt die Lust dabei, aus dem Chaos etwas Neues zu schaffen. Das wirkt ungeheuer erfrischend, insbesondere auf einem Festival, auf dem sich so viele Autor*innen bemühen, Theater mit Haltung zu machen. Die Überforderungen der Gegenwart bildet "Insel der Perversen" jedenfalls gut ab, und auch eine mögliche Lösung: Lacht kaputt, was euch kaputtmacht.

Einmal hält der Abend kurz inne. Da erklärt der mittlerweile 82 Jahre alte Autor im Video, dass es letztlich doch vor allem um Liebe gehe. Von der ist dann allerdings auf der Bühne wenig zu spüren, wo die Mesalliance zwischen Alice und Sahra erst Deutschland und dann die beiden abschafft. Am Ende also ist das Krokodil tot. Aber keine Sorge: Der, die nächste Volksverführer*in kommt bestimmt.

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Die Insel der Perversen
von Rosa von Praunheim
Regie, Komposition und Live-Musik: Heiner Bomhard, Bühne: Arite Löcher, Kostüme: Carlotta Weiß, Licht: Kristina Jedelsky, Dramaturgie: Johann Otten, Bernd Isele.
Mit: Heiner Bomhard, Božidar Kocevski, Florian Köhler, Komi Mizrajim Togbonou.
Premiere am 4. Dezember 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de