Wer blickt denn noch durch in dieser Welt!

2. Mai 2025. Lukas Rietzschel, der gefeierte Romanautor und Dramatiker des Jahrgangs 1994, hat ein Stück geschrieben, in dem er ostdeutsche Erfahrungen und Gemengelagen erkundet. Und den Rechtsruck. In seiner Uraufführung kleidet Ingo Putz das Drama in Unschuldsweiß.

Von Georg Kasch

Was hat der Osten bloß mit der AfD? So wurde und wird ja gefragt, selbst jetzt noch, da sich die Sehnsucht nach einer politischen Alternative rechts der gerade ohnehin ziemlich nach rechts rückenden Mitte als gesamtdeutsches Phänomen erweist. Lukas Rietzschel hat darauf im Auftrag des Gehart-Hauptmann-Theaters eine Antwort gewagt: "Das beispielhafte Leben des Samuel W." Sein Stück schildert die (fiktive, wiewohl von der Realität inspirierte) Lebensgeschichte eines in den 1980er Jahren in der DDR geborenen, sich nach der Wende radikalisierenden Mannes, der – nach Stationen bei der Bundeswehr, der Polizei, der FDP – bei der AfD landet. Nun will er Oberbürgermeister der Stadt werden, hinter der man Görlitz vermuten darf.

"Das beispielhafte Leben des Samuel W." von Lukas Rietzschel © Pawel Sosnowski

"Die wollen, dass wir Wessis werden!"

Diesen aufhaltsamen Aufstieg erzählt Rietzschel, indem er ihn mit Aussagen aus selbst geführten Interviews verbindet. Als Rahmen dient ein Moment während der Oberbürgermeister-Wahl, kurz vor einer Diskussionsveranstaltung, in der der CDU-Konkurrent in Filmeinspielungen etwas müde fragt, wofür er das eigentlich mache: "Für eine Stadt, für einen Landkreis, für ein Land? Für die Demokratie?"

Während also die Demokraten zweifeln (und dennoch im Hinterzimmer Strategien verhandeln, die an die Brünings, Papens und Schleichers von einst denken lassen), drängt Samuel W. voran. Allerdings hören wir ihn nie. Samuel W.‘s Biografie wird allmählich von allen zusammengesetzt, die dabei einander auch noch widersprechen. Beim Gang durch die Jahrzehnte kommen all die Demütigungen zur Sprache, die Massenarbeitslosigkeit der 1990er, "Das Leben der Anderen" als kulturelle Aneignung des Westens, das Gefühl: "Die wollen, dass wir Wessis werden."

Sonnenschirm, Rasenmäher, Grill

Wunden sind's, die großen Raum erhalten (und vermutlich auch den meisten Raum in den Interviews einnahmen – ihre traumatischen Folgen bis heute können kaum überschätzt werden). Die Abgründe der DDR-Vergangenheit hingegen werden eher angedeutet, der Mythos vom entnazifizierten Staat oder was es bedeutete, wenn man sich als Schüler für zehn Jahre für die Nationale Volksarmee verpflichtete. Und dann kommen all die Verwerfungen der Gegenwart: "Blicken Sie denn noch durch in dieser Welt?" Es gibt eine große Sehnsucht nach Normalität in den Texten, auch nach Norm.

Während bei Rietzschel viel von Arbeit und Arbeitslosigkeit die Rede ist, wuseln die fünf Schauspieler*innen in Ingo Putz' Uraufführungs-Inszenierung tatsächlich nahezu unablässig über die Bühne, bauen auf, richten ein, braten an. Ausstatter Sven Hansen hat dafür eine Bühne aus Ein-Familien-Häuschen und Gartenzaun entworfen, mit Pool, Sonnenschirm, Rasenmäher, Grill. Der Clou: Alles ist so weiß wie die Westen hier, wie die Gesichter – und im Kontrast mit dem Boden und dem Bühnenportal so schwarzweiß wie die einfachen Wahrheiten, die hier auch produziert werden.

Das beispielhafte Leben Samuel W 2 CPawelSosnowski uWeiß wie der Westen! © Pawel Sosnowski

Martha Pohla, Sabine Krug, Paul-Antoine Nörpel, David Thomas Pawlak und Marc Schützenhofer finden, indem sie all die Details über Samuel W. und zugleich über das Leben im Osten zusammentragen, feine Töne zwischen Ironie und Empörung, zwischen einem So-war-es-eben und einem So-kann-es-doch-nicht-weitergehen. Währenddessen etablieren sie szenisch eine nahezu unabhängige Parallelhandlung der Harmlosigkeiten: gemeinsames Grillen, Tischtennisspielen, der Klatsch übern Gartenzaun.

Kraft der Parabel

Der Rückzug ins Private, hier wird er Ereignis. Immer wieder ergeben sich Bezüge zum Text, oft überraschend, um die Ecke gedacht. Das Tempo sitzt, die Pointen auch. Allerdings hat man in Heidelberg den Eindruck, dass die bei den meisten westdeutsch sozialisierten Zuschauer*innen nicht so richtig zünden. Vielleicht, weil die Wiedererkennungseffekte ausbleiben. Vielleicht aber auch, weil "Das beispielhafte Leben des Samuel W." keine Lösungen bietet und selbst in der Bestandsaufnahme lückenhaft bleibt.

Die allerdings entwickelt eine große, lakonische Kraft, was ebenso am herrlich umstandslosen Text wie an der überzeugenden Inszenierung und am genauen Spiel liegt. Manches hätte es vielleicht nicht gebraucht, die etwas wackelnden Songs oder auch die stumme Anwesenheit Samuel W.'s, der – in Gestalt der Tänzerin Elise de Heer im Hintergrund – schon mal nach grotesken Posen sucht für die weitere Politkarriere, wie ein Arturo Ui.

Aber gerade in seiner Parabelhaftigkeit, die an Bertolt Brecht, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt erinnert, und in der hypnotischen Souveränität, in der die Schauspieler*innen durch die weiße Bühnenlandschaft gleiten, ist in Görlitz ein starker Abend gelungen, der uns mit einem Coup de théâtre entlässt und damit auch die Verantwortung an uns zurückspielt. "So was hätt' einmal fast die Welt regiert"?

So was schickt sich gerade wieder an.

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Das beispielhafte Leben des Samuel W.
von Lukas Rietzschel
Uraufführung
Regie: Ingo Putz, Ausstattung und Videos: Sven Hansen, Dramaturgie: Martin Stefke.
Mit: Martha Pohla, Sabine Krug, Paul-Antoine Nörpel, David Thomas Pawlak, Marc Schützenhofer und Elise de Heer.
Premiere am 20. Januar 2024
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause 

www.g-h-t.de