Gastspiel Münchner Kammerspiele – Doping
Zerfickt vom Stress
Aussichten auf einen kommunalen Posten hat der Spitzenkandidat eines Sylter FDP-Ortsverbandes nur dann, wenn er sein Inkontinenzproblem in den Griff bekommt. Also landet er in einer Klinik. Und trifft dort in Nora Abdel-Maksouds Komödie auf Personal, das nicht nur seine Krankheit, sondern auch seine politische Einstellung bekämpft.
Von Verena Großkreutz
2. Mai 2025. Der junge, ehrgeizige Lütje Wesel, Spitzenkandidat des FDP-Ortsverbands Wenningstedt Braderup, befindet sich im Wahlkampfrausch für die nächsten Kommunalwahlen auf Sylt, dem Reichen-Eiland, der Lindner-Hochzeitsinsel. Ausgerechnet! In gepflegtem Dreiteiler flirtet er mit dem Publikum, predigt die Gesetze des freien Marktes. Ja, reden kann er. Rechtfertigt die Schließung öffentlicher Kliniken und lobt die schöne Marathonstrecke an der Küste. Und dann plötzlich das: Er pisst sich in die Hose und klappt zusammen. Vor laufender Kamera. Wie tief kann man fallen? Lütjes Inkontinenz ist Treibstoff der Handlung in Nora Abdel-Maksouds aktueller Komödie an den Münchner Kammerspielen, die, in der Regie der Autorin, gestern zu Gast war beim Stückemarkt.
"Doping" von Nora Abdel-Maksoud © Judith Buss
Denn der alte Ole Hagenfels-Jefsen-Bohn, Parteikämmerer und Lütjes Mentor, und dessen schwangere Tochter Jagoda, umtriebigste Mitarbeiterin im Wahl-Team, wollen nun endlich Lütjes Problem mangelnder Urinkontrolle in Angriff nehmen und schleppen ihn in eine Privatklinik zum flugsen Gesundspritzen.
Krankenhaus zur Kapitalismuskritik
Doch sie haben nicht die Rechnung mit dem kapitalismuskritischen, skurrilen Duo Dr. Bob und Krankenschwester Gesine gemacht, die in ihrer Klinik – einem ausrangierten schrottigen U-Boot – ein ganz eigenes Projekt verfolgen: nämlich die Versorgung armer Kassenpatient*innen, die auf Sylt keine Lobby mehr haben. Das Bühnenbild von Moïra Gilliéron zeigt zunächst ein offenes Rondell, ausgekleidet in edlem Samtrot, beleuchtet von einer opulenten Designerpendelleuchte, später dreht sich die Scheibe und zeigt das rostlaubige Äußere der Räumlichkeit.
Versorgen nicht nur körperliche, sondern auch ideologische Gebrechen: Eva Bay als Krankenschwester Gesine und Wiebke Puls als Dr. Bob (v.l.) © Judith Buss
Dr. Bob steckt im Outfit eines schmuddeligen Piraten (Kostüme: Cleo Niemeyer-Nasser), Gesine, weil sie als Sturzgeburt ihrer in der Steiff-Fabrik arbeitenden Mutter in einen Teddyhaufen fiel, trägt einen nicht entfernbaren Knopf im Ohr, und ihre Haut besitzt einige Fellanteile. Auch die Behandlungspraktiken der beiden muten äußerst merkwürdig an. Etwa das (sich später als Fake herausstellende) Prinzip, Krankheiten den Körper wechseln zu lassen: ein*e Krankheitsgeber*in kann gegen Bezahlung ihr Leiden an eine*n Krankheitnehmer*in übertragen. Gesine demonstriert das an Oles steifer Schulter, die sie übernimmt, aber Lütje verweigert sich einer solchen Behandlung und entweicht Gesines Fängen stets wendig – ein mitreißender Slapstick von Vincent Redetzki alias Lütje Wesel.
Pointenquote bis zum Anschlag
Aus dieser Konstellation heraus erwachsen bei einer Pointenquote bis zum Anschlag die irrwitzigsten Dialoge, Körperkomiken und Battles, die auch mal in den Wettbewerb, wer die schlimmste Krankheit hat, münden können. Hier Stefan Merki als alter, jovialer Ole, der als junger Mann mit der Produktion "animierter Penisfrösche" viel Geld (am Finanzamt vorbei-)gescheffelt hat und dem beim Wort "Markt" stets ein erotischer Schauer durch den Körper fährt. Außerdem seine emsig-aufgedrehte Tochter (Şafak Şengül), die sich bald als Lütjes schärfste Konkurrentin outet. Ihre große Liebe ist nicht der Vater ihrer Leibesfrucht, sondern "das kommunalpolitische Wahlprogramm der FDP, obwohl ich eine Frau bin". Sie ist halt keine Feministin. Statt das Thema Gleichberechtigung anzugehen, erfand sie lieber den "Mohnzutzler", einen in Opium getränkten Babyschnuller, der karrierebewussten Muttis die ungestörte Arbeit ermöglichen soll.
Auf der anderen Seite steht Gesine, die Eva Bay zunächst als forsche Klischeekrankenschwester mit Hang zur Selbstausbeutung gibt, die sich dann aber Stück für Stück als Feministin und engagierte Verfechterin einer angemessenen Bezahlung und Anerkennung der Care-Arbeit von Frauen inklusive Hausarbeit offenbart. Der Einstellung der drei Liberalen, für die Leistung zählt, Krankheit aber Schwäche zeigt, setzt Dr. Bob (Wiebke Puls), Ex-Chefarzt, der einst am eingeforderten Zeitdruck der Privatisierungsmaßnahmen an seiner Klinik zerbrach, das Statement „ein guter Arzt muss Zeit verschenken“ entgegen und sieht den Pudelskern der Krankheit darin, dass nicht nur Lütje, sondern alle Anwesenden "zerfickt von Stress" seien.
Präzise komisches Quintett
Ende gut, alles gut? Nee, aber irgendwie haben alle am Schluss ein bisschen was voneinander gelernt. Die Begeisterung des Publikums ist jedenfalls verständlich. Was wäre eine Komödie ohne ihre Komödiant*innen? Es gibt nichts im Theater, das mehr Präzision verlangt als die Komik. Und das gelingt dem quirligen Quintett ganz fantastisch. Auch musikalisch: Wie Eva Bay als Gesine den Dylan-Song "All the tired horses in the sun" in stimmbandgefährdender Cholerik zum Besten gibt oder Jagoda alias Şafak Şengül nach dem Platzen ihrer Fruchtblase und kurz vor der Geburt "I am no mother, I am no bride, I am king" singt, ist mitreißend. Und ganz groß Wiebke Puls als friesisch schnackender Dr. Bob, außen hart, innen ganz weich. Wie sie mit der Zunge imaginative Kleidermotten aus der Luft fischt oder Seemannslieder auf Gromolotexte anstimmt: einfach grandios!
von Nora Abdel-Maksoud
Regie: Nora Abdel-Maksoud, Bühne: Moïra Gilliéron, Kostüme: Cleo Niemeyer-Nasser, Musik: Tobias Schwencke, Licht: Maximilian Kraußmüller, Dramaturgie: Olivia Ebert, Dramaturgische Beratung: Nora Haakh, Künstlerische Mitarbeit: Eva Bay.
Mit: Eva Bay, Stefan Merki, Wiebke Puls, Vincent Redetzki, Şafak Şengül.
Uraufführung am 5. April 2024
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause
www.muenchner-kammerspiele.de
Programm
Zwinger 1
Theater und Orchester Heidelberg
2×241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger
Regie: FX Mayr
Marguerre-Saal
Gastspiel Berliner Ensemble
RCE #REMOTECODEEXECUTION
von Sibylle Berg
in einer Bearbeitung von Kay Voges und Sibylle Baschung
Regie: Kay Voges
Uraufführung
Zwinger 3 und online
Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb I
13:30 Uhr
Flaschenkinder von Rebecca C. Schnyder
14:30 Uhr
OTA von Lisa Danulat
16:00 Uhr
Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert von Svealena Kutschke
Zwinger 1
Gastspiel aktionstheater ensemble
ALL ABOUT ME
KEIN LEBEN NACH MIR
von Martin Gruber, aktionstheater ensemble und Wolfgang Mörth
Regie: Martin Gruber
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Berliner Ensemble
RCE #REMOTECODEEXECUTION
von Sibylle Berg
in einer Bearbeitung von Kay Voges und Sibylle Baschung
Regie: Kay Voges
Uraufführung
Alter Saal
Stückemarktparty
mit Diana Ezerex & Band und Byusa (DJ)
präsentiert von Zwinger x
Rahmenprogramm
Eintritt frei
Sprechzimmer
Matinee des DFG-Netzwerks
"Untersuchungen zur Gegenwartsdramatik"
Gegenwartsdramatik verstehen
Einblicke in Analyse und Forschung
Eintritt frei
Zwinger 3 und online
Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb Teil II
13:30 Uhr
16GB: Tischtennisplattenpolitik von Zehra Sönmez
14:30 Uhr
Ein Kinderspiel von Sean Pfeiffer
16:00 Uhr
Asiawochen von Yannic Han Biao Federer
Alter Saal
Gastspiel Deutsches Theater Berlin
Die Insel der Perversen
Ein deutsches Singspiel
von Rosa von Praunheim
Regie: Heiner Bomhard
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Schauspielhaus Wien in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Graz und dem steirischen herbst
Chronik der laufenden Entgleisungen
(austria revisted)
von Thomas Köck
Regie: Marie Bues
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Junges Theater Bremen
Aurora
von sputnic
Regie: Nils Voges
Grün & Gold
Gastspiel Theater Bielefeld
Nicht mein 🔥
von Laura Naumann
Regie: Jette Büshel
Zwinger 1
Gastspiel Schauspiel Leipzig
Goldie
Ein digitales Requiem
von Emre Akal
Regie: Emre Akal
Uraufführung
Alter Saal
Gastspiel Theater Konstanz
Nice
von Kristo Šagor
Regie: Sergej Gößner
Maguerre-Saal
Gastspiel Theater Magdeburg
Blutbuch
Roman von Kim de l’Horizon
in einer Fassung von Jan Friedrich
Regie: Jan Friedrich
Zwinger 1
Gastspiel Schauspiel Hannover
Betonklotz 2000
von Jona Rausch
Regie: Goldie Röll
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel COMEDIA Köln
Synapsen
in Koproduktion mit performing:group Köln
Choreographie: Julia Mota Carvalho und Marcela Ruiz Quintero
Alter Saal
Gastspiel Theater Oberhausen
Oratorium: Doyçland
Eine Discographie des Lebens
von Caner Akdeniz
Regie: Caner Akdeniz
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau
Das beispielhafte Leben des Samuel W.
Theaterstück aus Interviewsequenzen
von Lukas Rietzschel
Regie: Ingo Putz
Uraufführung
Zwinger 1
Gastspiel Deutsches Nationaltheater Weimar
dumme jahre
von Thomas Freyer
Regie: Tilmann Köhler
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Münchner Kammerspiele
Doping
von Nora Abdel-Maksoud
Regie: Nora Abdel-Maksoud
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Stadttheater Gießen
Gelbes Gold
von Fabienne Dür
Regie: Malin Lamparter
Alter Saal
Gastspiel Schauspiel Frankfurt
Leaks. Von Mölln bis Hanau
von Nuran David Calis
Regie: Nuran David Calis
Uraufführung
Zwinger 1
Gastspiel Theaterhaus Jena
Die Entführung der Amygdala
von Anna Gschnitzer
Regie: Pina Bergemann und Babett Grube
Uraufführung
Zwinger 3 und online
Eröffnung Gastland-Programm China
Zwinger 3 und online
Internationaler Autor*innenwettbewerb
13:30 Uhr
Vierundzwanzig Stunden vor Neujahr werden wir lebensmüde von Han Jing
14:30 Uhr
Zugvögel von Chan Ping Chu
16:00 Uhr
Schattenfangen von Chu Xia
Maguerre-Saal
Gastspiel New Youth Group
Die wahre Geschichte des Ah Q
von Ma Wenqi nach Lu Xun
Regie: Li Jianjun
Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Stückemarktparty
mit Musik aus dem Gastland China
Eintritt frei
Zwinger 3
Theater und Orchester Heidelberg
südpol.windstill
von Armela Madreiter
Regie: Yvonne Kespohl
Zwinger 1
Ein gutes Jahr (1. Akt)
von Hongchang Xu
Regie: Hongchang Xu
Szenische Lesung auf Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Gastspiel Routine Poems Institute
Die Geschichte vom Pfirsichblütenfächer neu erzählt
von Jing Xiao nach Kong Sharem
Regie: Jing Xiao
Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Preisverleihung
Eintritt frei
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