Gastspiel Schauspiel Frankfurt − Leaks. Von Mölln bis Hanau
Die Wut in mir
Nuran David Calis macht die Bühne wie kaum ein anderer zum politischen Raum. In "Leaks. Von Mölln bis Hanau" zeigt er die Unterwanderung der Gesellschaft durch Rassismus und Rechtsextremismus seit Gründung der BRD auf. Grundlage ist auch hier eine akribische Dokumentation der Fakten – mit einem überraschenden Bogen.
Von Verena Großkreutz
3. Mai 2025. Wenn jemand den Titel "politischer Theatermacher" verdient, dann ist das Nuran David Calis. Unermüdlich macht er die Bühne zum politischen Raum und analysiert dort in bester Aufklärermanier unsere Gesellschaft und ihre Vergiftung durch Rassismus und Rechtsextremismus. Nie vereinfachend, sondern immer ihre Komplexität ausleuchtend, was etwa seine großartige, Lessing überschreibende Inszenierung "Nathan" für das Mannheimer Nationaltheater zeigte, in deren Mittelpunkt Opfer rassistischer und antisemitischer Gewalt standen. Sein aktuelles Stück, "Leaks. Von Mölln bis Hanau", das er am Frankfurter Schauspiel inszeniert hat und das als Gastspiel im Uraufführungsprogramm des Stückemarkts zu sehen war, beschäftigt sich in diesen Dingen gleich mit der gesamten Nachkriegsgeschichte bis in unsere Zeit: in Gestalt einer TV-"Enthüllungsschau", die mit dokumentarischen Mitteln die "totale Wahrheit" über Deutschland aufdecken will.
Nuran David Calis' "Leaks" vom Schauspiel Frankfurt © Laura Nickel
Die zweckgestaltete Bühne von Anna Ehrlich steht ganz im Licht der Recherche: ein paar Stellwände für diverse Projektionen, ein Sprechpult, ein E-Piano für Musikeinlagen. Umso schriller gibt sich das Quartett aus vier hochtourig performenden, tanzenden, singenden clownesken Figuren namens Coco (Katharina Linder), Donatella (Viktoria Miknevich), Roberto (Christoph Bornmüller) und Tom (Wolfgang Vogler), die anprangern, darstellen, diskutieren. Sie ziehen übers Clowns-Outfit (bestehend aus Horrorclownbemalung, gestreiften Hosen und Röcken, bunten Perücken) gerne mal NS-Uniformen oder graue Anzüge, setzen sich Glubschaugenbrillen auf und karikieren alte Nazi-Ekel, die nach dem Krieg in der BRD wieder hohe Ämter bekleideten, unterstützt erst von der US-Besatzung, später von Adenauer. Denn wer wäre geeigneter im Kampf gegen den Kommunismus als Wehrmachtsoffiziere und SS-Schergen. Später werden diese sich beschweren, dass die heutigen Rechten sich neue Führer suchen und selbst die Kontrolle im Netzwerk übernommen haben.
Licht auf dunkle Schatten
Die Bilder der Bundeskanzler*innen an der Wand wechseln, die "Schatten-Nazis" bleiben, gemäß dem Motto: "Alles fliegt auf, aber die Karrieren gehen weiter!" Es geht in die 1990er Jahre, der Zeit der Brandanschläge in Hoyerswerda, Rostock, Mölln oder Solingen, als die Medien lieber über die WM berichteten oder die Wiedervereinigungseuphorie als über die rassistisch motivierten Morde, und Bundeskanzler Kohl nicht zur Trauerfeier für die Opfer der Brandanschläge in Mölln fuhr, weil er nicht Teil eines "Beileidstourismus" sein wollte.
Karikaturen derer, die nach dem Krieg in der BRD wieder hohe Ämter bekleideten; in Nuran David Calis' "Leaks" © Laura Nickel
Klar: Im Fokus von "Leaks" steht vor allem das Bundesamt für Verfassungsschutz und seine unseligen, kontinuierlichen Verbindungen in die rechte Szene. Eine Institution, die einst gegründet wurde, um die junge Demokratie zu schützen, die sie dann mehr und mehr gefährdete.
Was wird nicht alles durchs projizierte und performte Dokumaterial – Interviewausschnitte, Prozessakten, Ermittler-Protokolle, Chats von rechtsextremen Polizisten, Statements von Politikwissenschaftler*innen und investigativen Journalist*innen – bewiesen, wenn es um Täter wie Richard Gerken (Ex-SS-Sturmbannführer, später Leiter der Spionageabwehr) geht, um Hans Globke (einst Mitverfasser der Nürnberger Rassengesetze, dann Chef des Bundeskanzleramts unter Adenauer) oder den Neonazi und V-Mann Tino Brandt. Oder um Komplizen und Mitwisser, die die Verfolgung rechter Straftäter regelmäßig einschlafen ließen. Bilanz: andauerndes Behördenversagen, aktive Verschleierung, Aktenschreddern, Stigmatisierung der Opfer – vor allem, was das skandalöse Versagen und Vertuschen bei der Aufklärung der Morde des NSU angeht.
Emotionales Schlusswort
Man kann dem Abend vorwerfen, dass er sehr ausführlich viel Bekanntes reproduziert. Gerade über die Morde des NSU gibt es ja bereits einige Theaterstücke. Nuran David Calis hat mit "Die Lücke" über den Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße selbst eines geschrieben. Man kann an "Leaks" auch kritisieren, dass die Umsetzung zu emotional, zu wütend ist. Man kann aber auch beides als seine Stärke loben.
Denn Calis braucht die akribische Dokumentation der Tatsachen, um am Ende die monströse Diskrepanz zwischen Wissen und Untätigkeit ganz klar herauszumeißeln. Ist die TV-Show beendet, schminken sich die vier Clowns ab und switchen ins emotional befeuerte, über die Zustände wütende Diskurstheater: diskutieren über die Schwäche der Demokratie, die sich per se selbst gefährdet. Es gebe sie doch, die Institutionen, die Thinktanks, das Expert*innenwissen, die zu einer besseren Welt führen könnten. Aber das geschehe nicht. Unsere Erkenntnisse änderten nichts. Stattdessen sitzt jetzt eine rechtsextreme, legal gewählte Partei im Bundestag. Sollen wir uns also von der demokratischen Idee, von Freiheit, Gleichheit, Toleranz verabschieden? Nein, ist das klare, aber sehr emotionale Schlusswort des Abends, wir müssen daran glauben, bis zur "Selbstauslöschung".
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von Nuran David Calis
Regie: Nuran David Calis, Bühne: Anna Ehrlich, Kostüme: Anna Sünkel, Musik: Vian Bhatti, Video und Recherche: Karnik Gregorian, Licht: Marcel Heyne.
Mit: Katharina Linder, Viktoria Miknevich, Christoph Bornmüller, Wolfgang Vogler.
Premiere am 14. Dezember 2024
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.schauspielfrankfurt.de
Programm
Zwinger 1
Theater und Orchester Heidelberg
2×241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger
Regie: FX Mayr
Marguerre-Saal
Gastspiel Berliner Ensemble
RCE #REMOTECODEEXECUTION
von Sibylle Berg
in einer Bearbeitung von Kay Voges und Sibylle Baschung
Regie: Kay Voges
Uraufführung
Zwinger 3 und online
Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb I
13:30 Uhr
Flaschenkinder von Rebecca C. Schnyder
14:30 Uhr
OTA von Lisa Danulat
16:00 Uhr
Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert von Svealena Kutschke
Zwinger 1
Gastspiel aktionstheater ensemble
ALL ABOUT ME
KEIN LEBEN NACH MIR
von Martin Gruber, aktionstheater ensemble und Wolfgang Mörth
Regie: Martin Gruber
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Berliner Ensemble
RCE #REMOTECODEEXECUTION
von Sibylle Berg
in einer Bearbeitung von Kay Voges und Sibylle Baschung
Regie: Kay Voges
Uraufführung
Alter Saal
Stückemarktparty
mit Diana Ezerex & Band und Byusa (DJ)
präsentiert von Zwinger x
Rahmenprogramm
Eintritt frei
Sprechzimmer
Matinee des DFG-Netzwerks
"Untersuchungen zur Gegenwartsdramatik"
Gegenwartsdramatik verstehen
Einblicke in Analyse und Forschung
Eintritt frei
Zwinger 3 und online
Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb Teil II
13:30 Uhr
16GB: Tischtennisplattenpolitik von Zehra Sönmez
14:30 Uhr
Ein Kinderspiel von Sean Pfeiffer
16:00 Uhr
Asiawochen von Yannic Han Biao Federer
Alter Saal
Gastspiel Deutsches Theater Berlin
Die Insel der Perversen
Ein deutsches Singspiel
von Rosa von Praunheim
Regie: Heiner Bomhard
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Schauspielhaus Wien in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Graz und dem steirischen herbst
Chronik der laufenden Entgleisungen
(austria revisted)
von Thomas Köck
Regie: Marie Bues
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Junges Theater Bremen
Aurora
von sputnic
Regie: Nils Voges
Grün & Gold
Gastspiel Theater Bielefeld
Nicht mein 🔥
von Laura Naumann
Regie: Jette Büshel
Zwinger 1
Gastspiel Schauspiel Leipzig
Goldie
Ein digitales Requiem
von Emre Akal
Regie: Emre Akal
Uraufführung
Alter Saal
Gastspiel Theater Konstanz
Nice
von Kristo Šagor
Regie: Sergej Gößner
Maguerre-Saal
Gastspiel Theater Magdeburg
Blutbuch
Roman von Kim de l’Horizon
in einer Fassung von Jan Friedrich
Regie: Jan Friedrich
Zwinger 1
Gastspiel Schauspiel Hannover
Betonklotz 2000
von Jona Rausch
Regie: Goldie Röll
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel COMEDIA Köln
Synapsen
in Koproduktion mit performing:group Köln
Choreographie: Julia Mota Carvalho und Marcela Ruiz Quintero
Alter Saal
Gastspiel Theater Oberhausen
Oratorium: Doyçland
Eine Discographie des Lebens
von Caner Akdeniz
Regie: Caner Akdeniz
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau
Das beispielhafte Leben des Samuel W.
Theaterstück aus Interviewsequenzen
von Lukas Rietzschel
Regie: Ingo Putz
Uraufführung
Zwinger 1
Gastspiel Deutsches Nationaltheater Weimar
dumme jahre
von Thomas Freyer
Regie: Tilmann Köhler
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Münchner Kammerspiele
Doping
von Nora Abdel-Maksoud
Regie: Nora Abdel-Maksoud
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Stadttheater Gießen
Gelbes Gold
von Fabienne Dür
Regie: Malin Lamparter
Alter Saal
Gastspiel Schauspiel Frankfurt
Leaks. Von Mölln bis Hanau
von Nuran David Calis
Regie: Nuran David Calis
Uraufführung
Zwinger 1
Gastspiel Theaterhaus Jena
Die Entführung der Amygdala
von Anna Gschnitzer
Regie: Pina Bergemann und Babett Grube
Uraufführung
Zwinger 3 und online
Eröffnung Gastland-Programm China
Zwinger 3 und online
Internationaler Autor*innenwettbewerb
13:30 Uhr
Vierundzwanzig Stunden vor Neujahr werden wir lebensmüde von Han Jing
14:30 Uhr
Zugvögel von Chan Ping Chu
16:00 Uhr
Schattenfangen von Chu Xia
Maguerre-Saal
Gastspiel New Youth Group
Die wahre Geschichte des Ah Q
von Ma Wenqi nach Lu Xun
Regie: Li Jianjun
Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Stückemarktparty
mit Musik aus dem Gastland China
Eintritt frei
Zwinger 3
Theater und Orchester Heidelberg
südpol.windstill
von Armela Madreiter
Regie: Yvonne Kespohl
Zwinger 1
Ein gutes Jahr (1. Akt)
von Hongchang Xu
Regie: Hongchang Xu
Szenische Lesung auf Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Gastspiel Routine Poems Institute
Die Geschichte vom Pfirsichblütenfächer neu erzählt
von Jing Xiao nach Kong Sharem
Regie: Jing Xiao
Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Preisverleihung
Eintritt frei
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