Schandfleck mit Herz

30. April 2025. Im Hannoveraner Ihme-Zentrum spielt das Stück von Jona Rausch: einem brutalistischen Betonklotz aus den 1970er Jahren, der eine Modellstadt in der Stadt sein sollte und, wie viele seiner Art, zum Sinnbild für soziale Ungleichheit wurde. Vier junge Bewohner*innen erzählen in Goldie Rölls Inszenierung für alle ab 14 Jahren ungeschönt aus ihrem Leben – auch der Koloss hat etwas zu sagen.

Von Elena Philipp 

"Betonklotz 2000" von Jona Rausch © Katrin Ribbe

"Woher du bist / das kannst du nicht abschütteln“: Für die vier Figuren in Jona Rauschs "Betonklotz 2000“ ist Klassismus eine alltägliche Erfahrung. Abdi, Bele, Mascha und Maxim wohnen im Ihme-Zentrum – dem titelgebenden Betonklotz und real existierenden Wohn-, Büro und ehemaligen Einkaufskomplex mitten in Hannover. "Gewaltiger Koloss / Eine Stadt in einer Stadt“. Idealer (Theater-)Stoff, denn in diesen Häusern sind "viele Geschichten übereinandergestapelt“. Und einige von ihnen erzählt Jona Rausch.

Dünne Wände, dünne Haut

Mascha (Alrun Hofert) und Bele (Aniela Ebel) etwa sind Schwestern. Die eine bereitet ihr Entkommen aus den geduckten Verhältnissen durch ein Einser-Abitur vor, die andere will vor allem durch Schönheit bestechen und klaut Kosmetika. Hunger haben sie beide, und richtig warm wird ihnen nur, wenn sich Mascha im Bett an Bele schmiegt. Maxim (Max Koch), der Künstler werden wollte, aber als Maler und Lackierer arbeitet, hat Angst vor seinem Vater, einem ebenfalls "massiven Koloss“, durch dessen Adern der Zorn pumpt: "Du bist nicht mein Sohn / Hallt durch das eine Ohr zum anderen“. Zusammengekrümmt sitzt Koch bei diesem Bericht in einem der kleinen Regalfächer, die das raumgreifende lila-rosa Bühnenmöbel von Naomi Kean als Wohnungen im Betonklotz vorstellt. Wie im Privatfernsehen halten die anderen drei mit der Kamera direkt auf sein Elend; das Mikrofon, mit dem Aniela Ebel den Ton angelt, berührt aufdringlich seine Wange.

Dicht dran an der Unterschicht – diesen Voyeurismus bedient "Betonklotz 2000“ nur als mediales Zitat. Jona Rausch (*2002), die in Leipzig literarisches Schreiben studiert, ist selbst im Ihme-Zentrum aufgewachsen, erzählen die Regisseurin Goldie Röll und die Dramaturgin Saskia Jabłońska im Nachgespräch. Wenn Rausch in ihrem Text Nutellabrot statt Vollkorn, Obst und Aufstrich in die Brotboxen ihrer Figuren packt, durch die dünnen Wände jede Regung der Nachbar*innen schildern kann oder einen Ladendiebstahl in Polizeigewalt münden lässt, weiß sie wohl, wovon sie schreibt. Und das Inszenierungsteam achtete laut eigenem Bekunden darauf, möglichst keine Stereotype zu reproduzieren, sondern, wie Jona Rausch, die Figuren aus ihrer eigenen Perspektive sprechen zu lassen.

Im Betonklotz leben, lebender Betonklotz © Katrin Ribbe

Abdi, Bele, Mascha und Maxim, die Tom Scherer, Aniela Ebel, Alrun Hofert und Max Koch als unverbrüchliche Freund*innen spielen, erzählen also von sich selbst: von nach Chlorreiniger riechenden, aufgrund der Arbeit abwesenden Müttern, von Scham in der Schule oder exzessivem Feiern, das Augustin Zimmer mit poppigem Techno unterlegt hat. Die Vier reden recht schriftsprachlich, vielleicht, weil Rausch einen künstlichen oder pseudo-naturalistischen Slang vermeiden möchte, der in Jugendstücken so anbiedernd klingen kann.

Armut und Auusschluss

Für Max Koch scheint der Text dabei nicht ganz zielgruppengenau zu funktionieren: Wieso sollte er Jugendlichen in Hannover, die vielleicht selbst im Ihme-Zentrum wohnen, tadelnd als "Ihr Klassismus-ist-voll-wichtig-drüber-zu-reden-Menschen“ adressieren?, fragt er sich als Schauspieler, der vor Schulklassen auftritt. Diese Passagen richten sich wohl eher an das erwachsene Publikum, das bei dieser in der Sparte Jung am Schauspiel Hannover herausgekommenen Inszenierung immer mit gemeint ist.

Zur Freundschaftsstory und der Klassismusthematik fügt Jona Rausch in ihrem Text, der das noch immer unterrepräsentierte Thema soziale Ungleichheit fürs Theater aufgreift, eine weitere Ebene. Neben den vier von Armut und Ausschluss betroffenen 16-Jährigen konzipiert sie den Betonklotz als Figur, auch wenn dessen Gedanken stets in der 3. Person geschildert werden – vielleicht hört ihn das anonyme "Klotzkind“, als das manchmal eine*r der Spieler*innen im Regencape mit dem Koloss kommuniziert. Als Lautsprecherpräsenz aus den übereinander gelegten Stimmen der vier Spieler*innen reflektiert der Betonklotz das Geschehen.

Auch der Klotz sieht schwarz

"Woher du bist / das kannst du nicht abschütteln“: Ändern dürfte sich daran wenig unter der zu erwartenden Regierung von Kanzler Merz, der materielle Ungleichheit als Grundlage der Marktwirtschaft preist. Diese Ahnung plagt auch das personifizierte Ihme-Zentrum, das bei Rausch einen Schutzinstinkt für seine Bewohner*innen entwickelt hat: "Der Betonklotz sieht angesichts der politischen Zustände schwarz für die, die er in sich beherbergt“. Mit Jona Rausch haben sie eine starke Fürsprecherin auf ihrer Seite.

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Betonklotz 2000
Von Jona Rausch
Regie: Goldie Röll, Bühne und Kostüme: Naomi Kean, Musik: Augustin Zimmer, Licht: Uwe Wegner, Dramaturgie: Saskia Jabłońska.
Mit: Aniela Ebel, Alrun Hofert, Max Koch, Tom Scherer.
Uraufführung am 20. September 2024
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

staatstheater-hannover.de