Bis dass der Tod euch nicht scheidet

Was wäre, wenn man einer geliebten, verstorbenen Person noch einmal begegnen könnte? Virtuelle Realität macht es möglich, auch in Emre Akals von KI unterstützter Dramödie "Goldie", die nach dem Schein und Sein in Beziehungen fragt. Wer ist ein Trugbild, der digitale Avatar oder der eigene Partner?

Von Elena Philipp

Emre Akals "Goldie" vom Schauspiel Leipzig © Rolf Arnold

29. April 2025. ChatGPT rät: "Entwickeln Sie eine Bezugsperson. Am besten ein süßes Fabelwesen oder ein Tier, damit die Zuschauenden sich verbinden können." Und Emre Akal ist dem Rat gefolgt. Die Titelfigur seines Theatertexts "Goldie" ist ein Hamster. Goldie, der bei Niklas Wetzel cute an Möhren nagt und sich niedlich die Nase rubbelt, der eine etwas weirde Vokuhila-Frisur trägt und dessen Shirt einen süßen kleinen Bauch enthüllt, beobachtet und kommentiert seine Besitzer*innen. SIE, die das Tier kaum beachtet, und IHN, der eine Nagetier-Allergie hat und sowieso nur um seine Arbeit als Theaterautor kreist. Nun ist ER tödlich verunfallt, ausgerechnet nach einem heftigen Streit, und SIE hat seinen digitalen "Nachbau" in Auftrag gegeben, bei einem Unternehmen, das, dem Greenscreen vor der Bühne folgend, "Eternity" heißen könnte. Mittels VR-Brille will SIE ihm noch einmal begegnen.

Was als Ausgangslage für Emre Akals von KI unterstütztes Schreibprojekt wie ein dramaturgischer Kniff klingt, hat laut Programmheft einen realen Hintergrund: Im Jahr 2020 machte eine südkoreanische Fernsehdokumentation Schlagzeilen, die die Begegnungen von Hinterbliebenen mit dem digitalen Avatar ihrer verstorbenen Liebsten zeigten. Herzzerreißend, wie eine Mutter mit VR-Brille auf dem Kopf ihre im Alter von sieben Jahren gestorbene Tochter zu berühren versucht, die im rosa Kleid und mit blitzenden Augen virtuell vor ihr steht.

Trügerische Beziehung

Bei Akal geht es nun nicht um tränenselige Trauer, auch nicht um philosophische Fragen von Tod und Endgültigkeit, sondern der Autor und Regisseur entwickelt aus dem Material eine technisch unterstützte, Sitcom-artige Versuchsanordnung über Beziehungen. Ist das WIR in einer Paarbeziehung nicht auch nur eine virtuelle Entität, die die Beteiligten sehr unterschiedlich beurteilen mögen? In die Falle vorausgesetzter Einhelligkeit tappt SIE (Emmeline Puntsch), die in den VR-Szenen, welche sie bei Eternity zu immer höheren Preisen bucht, versöhnlich ihren Trauerprozess abschließen möchte – obgleich sie an der Beziehung zweifelte und von der Trennung erzählt, die sie am Abend seines Unfalls initiiert haben will.

Nun erfährt SIE, in der aus SEINEN Aufzeichnungen rekonstruierten virtuellen Realität, dass auch ER Vorbehalte hatte, seine Arbeit wohl wichtiger nahm als die Partnerschaft und gemeinsame Unternehmungen ganz anders bewertete als sie. Der romantische Spaziergang im Wald, den das Publikum im Digitalbild mitverfolgen kann, ist für ihn eine Zumutung: "Weil unter dem lebendigen Schein, den er vortäuscht, das modernde Tote auf der Pirsch liegt. Ich hasse die perfekte Symbiose", hört sie seine Sprachnachricht an einen Freund. IHR Partner war schon zu seinen Lebzeiten ein Trugbild. Und Paris, das war kein Paradies der Liebe. Sondern die Hölle, die der*die andere ist.

Hamsters schonungslose Kommentare

Vor allem des Hamsters schonungslos offene Kommentare über die partnerschaftlichen Verblendungszusammenhänge machen "Goldie" zu einem witzigen "digitalen Requiem", wie der Untertitel lautet. Nur hat sich das Prinzip der Überlagerung oder vielmehr Korrektur geschönter Erinnerungen rasch auserzählt und als Zuschauerin hängt man in der Schleife ewiger Wiederholung fest. Aber gut, es geht in "Goldie" ja auch um ein Fegefeuer der Unwahrheiten und Lebenslügen.

Späte Wiederbegegnung und tolles technisches Setting: Emre Akals "Goldie" © Rolf Arnold

Aufwändig ist die technische Umgebung für dieses theatrale Experiment, dem Emre Akal als Autor wie als Regisseur vorsteht. Neben den Projektionen und den publikumsnahen Auftritten von Niklas Wetzel vor dem Screen gibt es auch noch eine dritte Spielebene, hinter dem Bildschirm. Dort irrt Emmeline Puntschs SIE mit ihrer riesigen VR-Brille herum, während ER von zwei Schauspieler*innen verkörpert wird: Wenzel Banneyer leiht IHM die Stimme und seine Mimik. Statt Puntsch spielt er eine Handkamera mit Mikrofon an, die sein Gesicht an die Technik übermittelt. Dort werden die Daten auf SEIN digitales Abbild übertragen, das die Zuschauer*innen auf dem bühnengroßen Screen sehen. Nicole Widera wiederum trägt nicht nur einen Ganzkörper-Greensuit wie Banneyer, auch ihr Gesicht ist grün verhüllt. An ihren Armen und Beinen sind Motion-Capture-Marker befestigt, denn sie verleiht IHM ihre Bewegungen und ist die stumme Anspielpartnerin für Puntsch. Trennung von Körper und Stimme: ein zum Thema passendes dramatisches Verfahren, das Unmittelbarkeit verhindert – SIE und ER kommen sich, trotz aller Versuche, nicht wirklich nahe.

ChatGPT rät: Suchen Sie einen Paarberater auf oder beenden Sie die technische Wiedergabe der toxischen Beziehung.

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Goldie. Ein digitales Requiem
von Emre Akal
Regie: Emre Akal, Bühne & Kostüme: Sabine Born, VR-Design & Programmierung: Paul Schengber, Emma Chapuy, Musik: Sophie Constanze Polheim, Henrik Rohde, Dramaturgie: Marleen Ilg, Licht: Mattheo Fehse, Video: Robert Gotthardt, Ton: André Rauch, Inspizienz: Ute Neas, Soufflage: Philine von Engelhardt, Regieassistenz: Lukas Leon Krüger, Maske: Astrid Storch, Requisite: Johanna Frederike Koenitz, Bühnenmeister: Mattheo Fehse, Thomas Kalz, Regie- & Dramaturgiehospitanz: Lina-Marieke Wegner, Ausstattungshospitanz: Frida Schadeberg, Theaterpädagogische Betreuung: Rosa Preiß.
Mit: Wenzel Banneyer, Emmeline Puntsch, Niklas Wetzel, Nicole Widera.
Uraufführung am 13. Januar 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

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