Gastspiel Schauspielhaus Graz / Wien − Chronik der laufenden Entgleisungen (austria revisited)
Im freien Fall
Harter Stoff! Als Chronist hat Thomas Köck im Auftrag der Schauspielhäuser in Graz und Wien für ein knappes Jahr die innenpolitische Lage Österreichs sowie die Zeitläufte verfolgt. In seinem Höllenritt für sechs Schauspieler*innen rutscht die Welt unaufhaltsam nach rechts. Doch das Theater: stemmt sich dagegen.
Von Elena Philipp
28. April 2025. Niemand wird sagen können, nichts gewusst zu haben: Diesem Grundsatz folgt die "Chronik der laufenden Entgleisungen", das Theaterprojekt von Autor Thomas Köck, Regisseurin Marie Bues und den Schauspielhäusern in Graz und Wien. Rund ein Jahr lang hat Köck notiert, wie Österreich nach rechts rückt. "Wer wissen möchte, was in Europa möglich gewesen sein wird, sollte Österreich sehr genau im Blick behalten", benennt der Autor sein politisches Programm. "Denn es wird rutschen, es rutscht schon, es ist schon gerutscht.
"Chronik der laufenden Entgleisungen (austria revisited)" von Thomas Köck und Marie Bues © Lex Karelly
Von einer "Gesellschaft im freien Fall voran" kündet die Materialsammlung. Mal tagebuchartig oder die Schlagzeilen aufgreifend, mal in analytischen oder kommentierenden Passagen reflektiert Köck die aktuelle Weltlage und verknüpft sie mit (s)einer persönlichen Historie. Die Narben des Vaters, eines ehemals selbständigen Tischlers, der nun in der Fabrik am Fließband zuarbeitet, zeigen, wo die neoliberalen Kämpfe ausgetragen werden: am Leib des Einzelnen.
Runtertreten, abschieben, rauswerfen
Als eine Razzia bei einem Rechtsrocker-Ring Waffen aus dem Bundesheer zutage fördert, bleibt es ruhig im Land, "das alles schulterzuckend akzeptiert". Doch als die Justizministerin in einem Gesetzestext das generische Femininum verwendet, Männer mit gemeint, tritt sogleich ein Funktionär an die Mikros – "das sei nix, keine Geschlechtergerechtigkeit, das sagt ihm sein Hausverstand".
In Österreich, wo alles "so wunderbar unterm Teppich" steckt, herrscht eben eine klare Ordnung, die oben von unten sondert und alles Nicht-Österreichische ausschließt, nach dem Motto "noch tiefer runtertreten, abschieben, rauswerfen". Frontmann dieses patriarchalautoritären Größenwahns, der für seinen Gesellschaftumbau auch "hässliche Bilder" in Kauf nimmt: Herbert Kickl, ehemaliger Redenschreiber und drohender FPÖ-Kanzler, der Köck zufolge seit Jahrzehnten an der begrifflichen Zersetzung der Öffentlichkeit und ihrer Diskurse mitwirke.
Harter Stoff. Für die knapp 60-seitige Bühnenfassung haben die Beteiligten das Material gemeinsam bearbeitet oder vielmehr: verdaut. Schon vor den Proben 500 Seiten lesen zu müssen, habe sie wütend gemacht, sagt die Schauspielerin Tala Al-Deen beim Nachgespräch, dem, wie in Heidelberg üblich, auch nach dem langen Theaterabend eine große Zahl Interessierter bis Mitternacht folgt. Erst die choreographische Arbeit mit Mason Manning, die körperliche Aneignung des Textes, habe sie vom verkopften Herangehen "erlöst", so Al-Deen.
Körperliche Aneignung - das von Manson Mannin choreografierte Ensemble © Lex Karelly
Auf der Bühne setzen sich die sechs Schauspieler*innen, ein gemischtes Ensemble aus Graz und Wien, dem Text aus, mit all seinen Schrecken – den Wahlprognosen von Anfang September 2023, die die FPÖ nah an die Ergebnisse der NSDAP vor der Machtübernahme 1933 heranrücken, oder dem 7. Oktober 2023, der für eine schockartige Pause in der Chronik sorgt, aber auch unterbelichtet bleibt: nicht ein einziges Mal seien im Köck’schen Konvolut die Worte "palästinensisch" oder "Gaza" vorgekommen, merkt Tala Al-Deen kritisch, aber zugewandt an. Ihre Haltung überträgt sich auf das Nachgespräch, das respektvoll, aber dringlich den Stoff bewegt, den Thomas Köck, Marie Bues und das Ensemble in knapp zwei Stunden ausgebreitet haben.
Ein drehbarer Kubus ist das zentrale Element auf der Bühne von Heike Mondschein. Als WG-Zimmer dient er politischen Debatten, dann wieder versinnbildlicht er, von drei Spieler*innen in rasches Kreisen gebracht, die gesellschaftlichen Fliehkräfte. Wenn vom Gesinde-Status des Großvaters die Rede ist, tragen die Spieler*innen steife rote Jacken, von Kostümbildner Amit Epstein vorgeformt wie die gesellschaftlichen Rollen. "Eine erste Zwischenbilanz von einer täglichen Nahtoderfahrung mit der österreichischen Innenpolitik"?, fragt Mervan Ürkmez an der Rampe und mimt einen Würgereiz. "Nein, lieber nicht."
Warnung vor Kommendem
Eng folgt die Inszenierung dem Text, über weite Strecken illustrierend. Die aufrüttelnden Inhalte sollen unmittelbar wirken, verstärkt durch heftige Beleuchtungswechsel (Licht: Oliver Mathias Kratochwill) und drastische emotionale Umschwünge. Live-Musikerin Lila-Zoé Krauß sendet von ihrem Pult aus herzschlagartige Beats oder kommentiert die beispielhaften Biographien von Waffenhersteller Gregor Glock und Kaufhauserbin Heidi Horten mit erst seligen, dann verzerrten Walzerklängen.
Die "Chronik" ist ein Höllenritt durch die Zeitläufte. In Heidelberg mahnt die Inszenierung bei ihrem ersten Auslandsgastspiel, das zugleich die letzte Vorstellung ist, vor wohl Kommendem, das in Österreich längst politische Realität ist. Am Vorstellungs-Sonntag haben die Wiener*innen gewählt und noch einmal die Sozialdemokraten gestärkt. Aber in ihrem Schatten hat die FPÖ auch in Österreichs Hauptstadt zugelegt: um bald das Dreifache. Niemand wird sagen können, nichts mitbekommen zu haben.
Von Thomas Köck
Fassung von Marie Bues, Martina Grohmann und Male Günther
Regie: Marie Bues, Bühne: Heike Mondschein, Kostüme: Amit Epstein, Live-Musik: Lila-Zoé Krauß, Choreografie und Bewegung: Mason Manning, Chordirektion: Claudia Sendlinger, Dramaturgie: Male Günther, Martina Grohmann, Licht: Oliver Mathias Kratochwill.
Mit: Tala Al-Deen, Otiti Engelhardt, Kaspar Locher, Sophia Löffler, Karola Niederhuber, Mervan Ürkmez.
Uraufführung am 22. September 2024 am Schauspielhaus Graz
Wiener Premiere am 26. September 2024
In Kooperation mit dem steirischen herbst
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
schauspielhaus-graz.buehnen-graz.com
www.schauspielhaus.at
www.steirischerherbst.at
Programm
Zwinger 1
Theater und Orchester Heidelberg
2×241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger
Regie: FX Mayr
Marguerre-Saal
Gastspiel Berliner Ensemble
RCE #REMOTECODEEXECUTION
von Sibylle Berg
in einer Bearbeitung von Kay Voges und Sibylle Baschung
Regie: Kay Voges
Uraufführung
Zwinger 3 und online
Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb I
13:30 Uhr
Flaschenkinder von Rebecca C. Schnyder
14:30 Uhr
OTA von Lisa Danulat
16:00 Uhr
Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert von Svealena Kutschke
Zwinger 1
Gastspiel aktionstheater ensemble
ALL ABOUT ME
KEIN LEBEN NACH MIR
von Martin Gruber, aktionstheater ensemble und Wolfgang Mörth
Regie: Martin Gruber
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Berliner Ensemble
RCE #REMOTECODEEXECUTION
von Sibylle Berg
in einer Bearbeitung von Kay Voges und Sibylle Baschung
Regie: Kay Voges
Uraufführung
Alter Saal
Stückemarktparty
mit Diana Ezerex & Band und Byusa (DJ)
präsentiert von Zwinger x
Rahmenprogramm
Eintritt frei
Sprechzimmer
Matinee des DFG-Netzwerks
"Untersuchungen zur Gegenwartsdramatik"
Gegenwartsdramatik verstehen
Einblicke in Analyse und Forschung
Eintritt frei
Zwinger 3 und online
Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb Teil II
13:30 Uhr
16GB: Tischtennisplattenpolitik von Zehra Sönmez
14:30 Uhr
Ein Kinderspiel von Sean Pfeiffer
16:00 Uhr
Asiawochen von Yannic Han Biao Federer
Alter Saal
Gastspiel Deutsches Theater Berlin
Die Insel der Perversen
Ein deutsches Singspiel
von Rosa von Praunheim
Regie: Heiner Bomhard
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Schauspielhaus Wien in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Graz und dem steirischen herbst
Chronik der laufenden Entgleisungen
(austria revisted)
von Thomas Köck
Regie: Marie Bues
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Junges Theater Bremen
Aurora
von sputnic
Regie: Nils Voges
Grün & Gold
Gastspiel Theater Bielefeld
Nicht mein 🔥
von Laura Naumann
Regie: Jette Büshel
Zwinger 1
Gastspiel Schauspiel Leipzig
Goldie
Ein digitales Requiem
von Emre Akal
Regie: Emre Akal
Uraufführung
Alter Saal
Gastspiel Theater Konstanz
Nice
von Kristo Šagor
Regie: Sergej Gößner
Maguerre-Saal
Gastspiel Theater Magdeburg
Blutbuch
Roman von Kim de l’Horizon
in einer Fassung von Jan Friedrich
Regie: Jan Friedrich
Zwinger 1
Gastspiel Schauspiel Hannover
Betonklotz 2000
von Jona Rausch
Regie: Goldie Röll
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel COMEDIA Köln
Synapsen
in Koproduktion mit performing:group Köln
Choreographie: Julia Mota Carvalho und Marcela Ruiz Quintero
Alter Saal
Gastspiel Theater Oberhausen
Oratorium: Doyçland
Eine Discographie des Lebens
von Caner Akdeniz
Regie: Caner Akdeniz
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau
Das beispielhafte Leben des Samuel W.
Theaterstück aus Interviewsequenzen
von Lukas Rietzschel
Regie: Ingo Putz
Uraufführung
Zwinger 1
Gastspiel Deutsches Nationaltheater Weimar
dumme jahre
von Thomas Freyer
Regie: Tilmann Köhler
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Münchner Kammerspiele
Doping
von Nora Abdel-Maksoud
Regie: Nora Abdel-Maksoud
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Stadttheater Gießen
Gelbes Gold
von Fabienne Dür
Regie: Malin Lamparter
Alter Saal
Gastspiel Schauspiel Frankfurt
Leaks. Von Mölln bis Hanau
von Nuran David Calis
Regie: Nuran David Calis
Uraufführung
Zwinger 1
Gastspiel Theaterhaus Jena
Die Entführung der Amygdala
von Anna Gschnitzer
Regie: Pina Bergemann und Babett Grube
Uraufführung
Zwinger 3 und online
Eröffnung Gastland-Programm China
Zwinger 3 und online
Internationaler Autor*innenwettbewerb
13:30 Uhr
Vierundzwanzig Stunden vor Neujahr werden wir lebensmüde von Han Jing
14:30 Uhr
Zugvögel von Chan Ping Chu
16:00 Uhr
Schattenfangen von Chu Xia
Maguerre-Saal
Gastspiel New Youth Group
Die wahre Geschichte des Ah Q
von Ma Wenqi nach Lu Xun
Regie: Li Jianjun
Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Stückemarktparty
mit Musik aus dem Gastland China
Eintritt frei
Zwinger 3
Theater und Orchester Heidelberg
südpol.windstill
von Armela Madreiter
Regie: Yvonne Kespohl
Zwinger 1
Ein gutes Jahr (1. Akt)
von Hongchang Xu
Regie: Hongchang Xu
Szenische Lesung auf Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Gastspiel Routine Poems Institute
Die Geschichte vom Pfirsichblütenfächer neu erzählt
von Jing Xiao nach Kong Sharem
Regie: Jing Xiao
Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Preisverleihung
Eintritt frei
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