Deutschland, deine Lieder

Zum Mitklatschen verführt der Liederabend "Oratorium: Doyçland" von Caner Akdeniz, der, wie eine bekannte Compilation, die Songs von Gastarbeiter*innen würdigt. Mittelpunkt auf der Bühne: ein alter Mercedes-Benz. Aber begeistertes Mitmachen ist womöglich gar nicht die richtige Reaktion.

Von Elena Philipp

1. Mai 2025. "Almanya acı vatan – Deutschland bittere Heimat": Vielen Gastarbeiter*innen, die ab den 60ern in Frankfurt, Stuttgart oder Hamburg malochten, sprach dieses von Ruhi Su interpretierte Lied aus dem gebrochenen Herzen. "Türkisch Mann noch weißt du nicht / Dass du eintauschst Menschlichkeit / Gegen eine Fließbandschicht", heißt es etwa auch in Cem Karacas "Mein deutscher Freund“, das von Fremdheit, Kontaktlosigkeit und enttäuschten Hoffnungen kündet.

Caner Akdeniz' "Oratorium: Doyçland" vom Theater Oberhausen © Axel J. Scherer

Den Songs der Gastarbeiter*innen und ihrer Sicht auf die neue Heimat, die ihnen keine sein wollte, widmet Caner Akdeniz sein "Oratorium: Doyçland", einen konzertanten Abend mit Musik von Künstler*innen wie Aysel Şeker und Gülcan Opel, Juan Molina oder Prosechòs. Mitten auf der Bühne des Alten Saals steht der Erzähler des Abends: ein silberner Mercedes-Benz. Genauer: "Ein Mercedes W123. Das Modell, das für seine Robustheit und Langlebigkeit bekannt war", erklärt des Autos fiktive Tonbandstimme aus dem Off. Geliebt von den "Gästen" aus Griechenland oder Anatolien, sei er deren "treuer Gefährte" geworden, bei den Fahrten auf der "Gastarbeiterroute" nach Deutschland vollgepackt bis unters Dach. 

Auf der Leinwand im Hintergrund ist ein Werbefilm aus den 70ern zu sehen; ein Mercedes braust, perfekt gefedert, über eine staubige Bergpiste. Und Regina Leenders, die mit ihrem Oberhausener Ensemblekollegen Khalil Fahed Aassy als Leadsängerin durch den Abend führt, umarmt innig das glänzende Gefährt. Deutsche Wertarbeit, ein (Konsum-)Traum; erkauft mit wenig wertgeschätzter Arbeitskraft.

Bittere Heimat

Etliche der Lieder, die Aassy, Leenders und die vom Musikalischen Leiter und Schlagzeuger Marc-Rainer Kamp für die Produktion zusammengestellte Band interpretieren, finden sich auf den Compilations "Songs of Gastarbeiter", die Imran Ayata und Bülent Kullukcu 2013 und 2022 beim Label Trikont herausgegeben haben. In den Übertiteln zu "Oratorium: Doyçland" entnimmt man den aus dem Türkischen, Serbischen oder Griechischen übersetzten Texten die ohnmächtige Wut der Angeworbenen: Während Karaca in "Willkommen" "fast schon integriert" gallig auf "wer Dackel dressiert" reimt, werden Riblja Čorba explizit: "Oh, Frankfurt, fick deinen Main". Und Aysel Şeker wünscht sich: "möge Deutschland zerstört werden".

OratoriumDoycland1 Axel J SchererFrontduo mit Liedern reich an Botschaften: Regina Leenders und Khalil Fahed Aassy in "Oratorium: Doyçland" © Axel J. Scherer

Woher die Wut kommt? "Helmut Kohl und auch Strauss le le liebe Gabi / Wollen Ausländer raus le le liebe Gabi", heißt es im sarkastisch um Verständnis werbenden Song von Derdiyoklar aus dem Jahr 1981, den Khalil Fahed Aassy und Regina Leenders schmissig interpretieren. Und das Theater tanzt, verführt vom charmanten Frontduo, das das Publikum von Anfang an erfolgreich zum Mitklatschen animiert.

Alternative Musikgeschichte

Aber zu was klatschen wir da? Zu einer mitreißenden Montage einer alternativen Musikgeschichte? Eigentlich applaudieren wir ja einer allzu lang marginalisierten Geschichte der kalt kalkulierten kapitalistischen Ausbeutung von Menschen, die als Müllmänner, Putzfrauen oder Fabrikarbeiter erwünscht waren, aber nicht als gleichberechtigte Mitbürger*innen akzeptiert wurden.

Ein einziges ‚biodeutsches Lied‘ macht schlagartig den versteckten (west-)deutschen Alltagsrassismus klar – Conny Froboess’ "Zwei kleine Italiener". Und dann folgen die Bilder der rechtsextremen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992. Stille herrscht im eben noch feierseligen Theatersaal. Das ist Deutschland, bitterböse.

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Oratorium: Doyçland
Eine Discographie des Lebens
Von Caner Akdeniz
Regie und Bühne: Caner Akdeniz, Musikalische Leitung: Marc-Rainer Kamp, Kostüme: Emir Medi, Dramaturgie: Jascha Fendel.
Mit: Khalil Fahed Aassy, Regina Leenders, Musik: Marc-Rainer Kamp, Hafizh Walisno, Renda Pangestu, Gökhan Kimverdi, Leo Richartz.
Uraufführung am 7. September 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-oberhausen.de