Gastspiel Theaterhaus Jena – Die Entführung der Amygdala
I Don't Care No More
Ein Unfall. Und im Schwebezustand zwischen Tod und Leben hat frau Zeit und Raum für Wesentliches: Warum ist familiäre Sorgearbeit so ungleich verteilt? Im Solo für Pina Bergemann richtet Anna Gschnitzer einen schrägen Blick auf die vermeintliche Kleinfamilien-Normalität. Ist es das limbische System, das entgleist? Oder liegt das Problem woanders?
Von Georg Kasch
3. Mai 2025. Da kann man sich auch Schöneres denken: Kaum ist die Radlerin mit einem SUV kollidiert, melden sich nicht etwa die himmlischen Heerscharen oder die Sanitäter*innen, sondern die Amygdala. Also jener Bereich im Gehirn, der für emotionale Reaktionen und fürs Speichern von Gedächtnisinhalten zuständig ist. Diese Amygdala quasselt ziemlich frech drauflos. Was das überhaupt sollte, ohne Helm loszurasen, den Kopf randvoll: Kinder, Kerl, Kredit. Und überhaupt: Was erlaubst du dir eigentlich, hier so faul rumzuliegen, wo doch Kernfamilie, Eltern, Job und Eheglück an dir hängen?
"Die Entführung der Amygdala" von Anna Gschnitzer © Joachim Dette
Schön ironisch und mit Wumms beginnt Anna Gschnitzers "Die Entführung der Amygdala". Rasant geht es durch die Hölle der Care-Arbeit, die rätselhafter Weise immer an den Frauen kleben bleibt, während die Meetings der Männer zu wichtig sind, um unterbrochen zu werden, allenfalls durch eine SMS: "Kannst du sie bitte abholen? Bitte? Herz-Emoji, Gefaltete-Hände-Emoji." Aber dann streikt die Amygdala, und das ist – zusammen mit Gschnitzers herrlich respektloser Sprache – der Clou des Stücks: Ohne Erinnerung, ohne emotionale Bindung erscheint das Konzept Familie, für das frau sich aufopfern soll, absurd.
Schon als Text ist das ziemlich großartig. Aber was Pina Bergemann und Babett Grube am Theaterhaus Jena daraus gemacht haben, wirkt preisverdächtig. Gemeinsam inszenierten sie 2022 dort bereits Gschnitzers "Leaving Carthago"; 2024 legten sie mit diesem kleinen, aber äußerst genauen Abend nach.
Aufführung ohne Amygdala
Auf der Bühne stehen mehrere Mikros, große und kleine, einige Ständer sind mit Fell umwickelt. Rechts sitzt Musiker Moritz Bossmann an Keyboard, Mischpult und E-Gitarre und webt leise an atmosphärischen Klangräumen. Eigentlich müsste da auch noch Carolin Pflügers stark vergrößerte Nachbau einer Amygdala stehen oder schweben, aber den gibt es nicht mehr. Die Inszenierung war längst abgespielt. Das Theaterhaus Jena, wie es im vergangenen Jahr zu plötzlichem Ruhm aufgestiegen ist dank der "Hundekotattacke" (die auch beim Stückemarkt zu sehen war), hat seit dem Sommer 2024 eine neue Leitung, ein neues Team (dass beide alle sechs Jahre wechseln, gehört zur DNA des kleinen Hauses).
Hier mit Bühnenbild: Moritz Bossmann und Pina Bergemann © Joachim Dette
Aber Pina Bergemann gibt es noch, und das ist die Hauptsache. Denn von Beginn an, als sie sich verdreht auf der Bühne drapiert wie ein Mord- oder Unfallopfer, wickelt sie uns um den Finger. Und zwar allein. Manchmal spielt sie den Musiker Bossmann an, der wie sie in einem flexiblen Panzeranzug steckt, der wirkt wie einer Weltraummission entliehen. Meist aber genügt sie sich selbst, springt zwischen den Rollen der Frau, der Amygdala und der Sanitäterin hin und her – eine staunende, durch und durch ironische Person, die den Eindruck vermittelt, als würde sie eine durchaus interessante Szenerie besichtigen und kommentieren.
Equal Care im zentralen Nervensystem
Bergemann spricht die Leute in der ersten Reihe an, beschleunigt und retardiert, treibt die Erzählung auch dank der verzerrenden Mikros in die Komik, kann sich aber auch abrupt zurückziehen. Dann bebt ihr Kinn, spürt man die Anspannung in ihrem Körper. Manchmal gleicht es Hypnose, wie Bergemann das Publikum durch den Text führt, schlafwandlerisch sicher, so dass man immer wieder vergisst (oder weglacht), dass die Frau, die sie spielt, sich gerade an der Schwelle zwischen Leben und Tod befindet. Ablenkungsstrategien sind’s, von der Frage aller Fragen: Warum ist die Last hier so verdammt ungleich verteilt?
Eine Antwort: Es gibt durchaus Equal Care im zentralen Nervensystem – bei gleichgeschlechtlichen Eltern zum Beispiel oder in anderen Konstellationen, in denen sich die Amygdalas die Sorge-Arbeit fairer teilen. Nur in der heterosexuellen Kernfamilie nicht. Bis zu jenem Moment, in dem die Frau ihr Gedächtnis verliert und die Amygdala ihr qua Abwesenheit zeigt, wie man bei sich bleiben kann mitten im Chaos. Man folgt diesem schrägen Blick auf die vermeintliche Kleinfamilien-Normalität mit diebischer Freude und Spaß am Absurden, und erst die Vollbremsung im Finale erinnert daran: Nichts ist gelöst, niemand ist erlöst. Und nein, nicht die Amygdala hat ein Problem. Sondern die Gesellschaft.
von Anna Gschnitzer
Regie: Pina Bergemann, Babett Grube, Komposition und Live-Musik: Moritz Bossmann, Bühne und Kostüme: Carolin Pflüger, Licht: Maarten van Otterdijk, Dramaturgie: Hannah Baumann.
Von und mit: Pina Bergemann.
Uraufführung am 19. Januar 2024
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause
www.theaterhaus-jena.de
Programm
Zwinger 1
Theater und Orchester Heidelberg
2×241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger
Regie: FX Mayr
Marguerre-Saal
Gastspiel Berliner Ensemble
RCE #REMOTECODEEXECUTION
von Sibylle Berg
in einer Bearbeitung von Kay Voges und Sibylle Baschung
Regie: Kay Voges
Uraufführung
Zwinger 3 und online
Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb I
13:30 Uhr
Flaschenkinder von Rebecca C. Schnyder
14:30 Uhr
OTA von Lisa Danulat
16:00 Uhr
Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert von Svealena Kutschke
Zwinger 1
Gastspiel aktionstheater ensemble
ALL ABOUT ME
KEIN LEBEN NACH MIR
von Martin Gruber, aktionstheater ensemble und Wolfgang Mörth
Regie: Martin Gruber
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Berliner Ensemble
RCE #REMOTECODEEXECUTION
von Sibylle Berg
in einer Bearbeitung von Kay Voges und Sibylle Baschung
Regie: Kay Voges
Uraufführung
Alter Saal
Stückemarktparty
mit Diana Ezerex & Band und Byusa (DJ)
präsentiert von Zwinger x
Rahmenprogramm
Eintritt frei
Sprechzimmer
Matinee des DFG-Netzwerks
"Untersuchungen zur Gegenwartsdramatik"
Gegenwartsdramatik verstehen
Einblicke in Analyse und Forschung
Eintritt frei
Zwinger 3 und online
Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb Teil II
13:30 Uhr
16GB: Tischtennisplattenpolitik von Zehra Sönmez
14:30 Uhr
Ein Kinderspiel von Sean Pfeiffer
16:00 Uhr
Asiawochen von Yannic Han Biao Federer
Alter Saal
Gastspiel Deutsches Theater Berlin
Die Insel der Perversen
Ein deutsches Singspiel
von Rosa von Praunheim
Regie: Heiner Bomhard
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Schauspielhaus Wien in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Graz und dem steirischen herbst
Chronik der laufenden Entgleisungen
(austria revisted)
von Thomas Köck
Regie: Marie Bues
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Junges Theater Bremen
Aurora
von sputnic
Regie: Nils Voges
Grün & Gold
Gastspiel Theater Bielefeld
Nicht mein 🔥
von Laura Naumann
Regie: Jette Büshel
Zwinger 1
Gastspiel Schauspiel Leipzig
Goldie
Ein digitales Requiem
von Emre Akal
Regie: Emre Akal
Uraufführung
Alter Saal
Gastspiel Theater Konstanz
Nice
von Kristo Šagor
Regie: Sergej Gößner
Maguerre-Saal
Gastspiel Theater Magdeburg
Blutbuch
Roman von Kim de l’Horizon
in einer Fassung von Jan Friedrich
Regie: Jan Friedrich
Zwinger 1
Gastspiel Schauspiel Hannover
Betonklotz 2000
von Jona Rausch
Regie: Goldie Röll
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel COMEDIA Köln
Synapsen
in Koproduktion mit performing:group Köln
Choreographie: Julia Mota Carvalho und Marcela Ruiz Quintero
Alter Saal
Gastspiel Theater Oberhausen
Oratorium: Doyçland
Eine Discographie des Lebens
von Caner Akdeniz
Regie: Caner Akdeniz
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau
Das beispielhafte Leben des Samuel W.
Theaterstück aus Interviewsequenzen
von Lukas Rietzschel
Regie: Ingo Putz
Uraufführung
Zwinger 1
Gastspiel Deutsches Nationaltheater Weimar
dumme jahre
von Thomas Freyer
Regie: Tilmann Köhler
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Münchner Kammerspiele
Doping
von Nora Abdel-Maksoud
Regie: Nora Abdel-Maksoud
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Stadttheater Gießen
Gelbes Gold
von Fabienne Dür
Regie: Malin Lamparter
Alter Saal
Gastspiel Schauspiel Frankfurt
Leaks. Von Mölln bis Hanau
von Nuran David Calis
Regie: Nuran David Calis
Uraufführung
Zwinger 1
Gastspiel Theaterhaus Jena
Die Entführung der Amygdala
von Anna Gschnitzer
Regie: Pina Bergemann und Babett Grube
Uraufführung
Zwinger 3 und online
Eröffnung Gastland-Programm China
Zwinger 3 und online
Internationaler Autor*innenwettbewerb
13:30 Uhr
Vierundzwanzig Stunden vor Neujahr werden wir lebensmüde von Han Jing
14:30 Uhr
Zugvögel von Chan Ping Chu
16:00 Uhr
Schattenfangen von Chu Xia
Maguerre-Saal
Gastspiel New Youth Group
Die wahre Geschichte des Ah Q
von Ma Wenqi nach Lu Xun
Regie: Li Jianjun
Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Stückemarktparty
mit Musik aus dem Gastland China
Eintritt frei
Zwinger 3
Theater und Orchester Heidelberg
südpol.windstill
von Armela Madreiter
Regie: Yvonne Kespohl
Zwinger 1
Ein gutes Jahr (1. Akt)
von Hongchang Xu
Regie: Hongchang Xu
Szenische Lesung auf Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Gastspiel Routine Poems Institute
Die Geschichte vom Pfirsichblütenfächer neu erzählt
von Jing Xiao nach Kong Sharem
Regie: Jing Xiao
Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Preisverleihung
Eintritt frei
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