Gewinn für beide Seiten

17. März 2025. Das Hörspiel ist zwar dem Theater verwandt, aber doch eine eigene Gattung. Beim Heidelberger Stückemarkt wird die Nähe der ihnen zugrunde liegenden dramatischen Texte mit dem SWR-Hörspielpreis betont. Aber es gibt auch gravierende Unterschiede.

Von Stefan Fischer

Schritte auf Asphalt, kleinen Steinchen knirschen unter den Sohlen. Ein kurzer Dialog mit dem Türsteher, dann sind die Gäste im Club. Wir hören gemeinsam mit ihnen einen gut tanzbaren Technosound. So beginnt das Hörspiel "Exzess (Eine Techno-Oper)" von Noam Brusilovsky, der den Text geschrieben hat, und Tobias Purfürst, der die Musik beisteuerte. Die beiden werden gleichberechtigt genannt im Vorspann.

Im Regieraum der Hörspiel-Aufnahme von "Exzess (Eine Techno-Oper)" von Noam Brusilovsky und Tobias Purfürst © rbb / Anke Beims

Dieses Beispiel macht deutlich: Hörspiele sind elektro-akustische Kunstwerke und damit eine eigene künstlerische Gattung. Also kein literarisches Genre. Erst in der Montage von Sprache, Geräuschen, Sound, Musik entsteht das Werk. Ein zugrunde liegender Text – sofern es überhaupt einen gibt – ist ein Manuskript. Nicht mehr, nicht weniger. Wie das Drehbuch beim Film.

Andererseits: Ohne die Literatur wäre das Hörspiel ärmer. Womöglich gar nicht denkbar. Weshalb der Umstand, dass der öffentliche-rechtliche SWR beim Heidelberger Stückemarkt, diesem Festival für neue Theatertexte, einen Hörspielpreis vergibt, weitaus weniger paradox ist, als das auf den ersten Blick erscheinen mag. Der Stücke- ist ein Talentmarkt der Autorinnen und Autoren fiktionaler Stoffe, von dem auch das Hörspiel profitieren möchte und kann.

Wirkmächtige Details

Neben den sogenannten Original-Hörspielen – Stoffen, die speziell für diese Gattung geschrieben und entwickelt werden – ist in der mehr als hundertjährigen Geschichte des Hörspiels schon immer viel und gerne aus der Literatur adaptiert worden: Romane, Dramen, auch Lyrik. In den schlechteren Fällen hängt sich das Hörspiel und damit der öffentlich-rechtliche Rundfunk als maßgeblicher Produzent an Bestseller-Erfolge oder aber er kocht einen 400-Seiten-Roman auf einen Radio-Zweiteiler ein, der durch die Kerngeschichte hetzt und auf alles verzichtet, was die Vielschichtigkeit, den Rhythmus und die Tonalität der Vorlage ausmacht. Kurz: ihren Resonanzraum.

In den geglückten Fällen jedoch nimmt das Hörspiel die Literatur nicht als Steinbruch, sondern ernst. Und fügt dem bereits Etablierten eine neue Lesart hinzu, durch die ihm eigenen Mittel: Indem es durch Sound, Raumklang und die Tonalität der Sprecher*innen – oft ist das im Hörspiel die erste Garde der Bühnen-Schauspieler*innen – Atmosphären schafft und damit ganze Welten. Indem auch Geräusche etwas erzählen und nicht nur die Sprache. Zuletzt sind fulminante vielstündige, gesellschaftliche überaus relevante Adaptionen entstanden von John Steinbecks "Früchte des Zorns" (NDR), Bernardine Evaristos "Mädchen, Frau etc." (HR) und ganz aktuell von "1001 Nacht" (Deutschlandradio Kultur). Ein Detail bei "Mädchen, Frau etc.", jedoch ein sehr wirkmächtiges: Sebastian Purfürst hat eine in sich stimmige Musik für das Hörspiel komponiert, die jedoch stets nach dem Jahrzehnt klingt, in dem die jeweilige Episode angesiedelt ist.

Wo sich neue Assoziationsräume öffnen

Vermeintlich noch näher als die Prosa sind dem Hörspiel Theatertexte, durch ihre oftmals dialogische Form. Und auch, weil das Hörspiel hier nicht notwendigerweise als Zweitverwerter in Erscheinung tritt. Sondern sich früh schon in Schreib- und Entwicklungsprozesse einklinken und nicht zuletzt Autorinnen und Autoren für sich gewinnen, an sich binden kann. Ein fruchtbares Beispiel ist der genannte SWR Hörspielpreis beim Heidelberger Stückemarkt: ein Preis an ein – noch nicht uraufgeführtes – Theaterstück.

Das ist ein Gewinn für beide Seiten. Den jungen Autor*innen bringt die Auszeichnung 5.000 Euro Preisgeld aka Honorar sowie Publikum, denn wesentlicher Bestandteil des Preises ist eine Hörspiel-Inszenierung des Dramentextes. Und eine solche darf man nicht unterschätzen in ihrer Öffentlichkeitswirksamkeit: Für Radioverhältnisse bedienen Hörspiele zwar ein Nischenpublikum, die Hörerschaft geht jedoch bei jedem Stück mindestens in die Zehntausende. Von 30.000 oder gar 70.000 Besucher*innen einer Inszenierung indessen können Theater oft nur träumen, gleiches gilt für Verkaufsauflagen ambitionierterer literarischer Werke und selbst für die Zahl verkaufter Tickets bei der Mehrzahl deutscher Kinofilm-Produktionen.

Radio Peeling Oranges CSWRPatriciaNeligan uProben im SWR-Hörspielstudio für "Peeling Oranges“ von Patty Kim Hamilton: Marisa Wojtkowiak, Regisseurin Mia Spengler, Kotti Jun und Jing Xiang (v.l.n.r.) © SWR / Patricia Neligan

Seit 2021 gibt es diese SWR-Auszeichnung beim Heidelberger Stückemarkt, seither wurden Patty Kim Hamiltons "Peeling Oranges", Leo Meiers "Zwei Herren von Real Madrid" und Lamin Leroy Gibbas "Doppeltreppe zum Wald" realisiert. Leonie Ziems "Kind aus Seide", das Gewinnerstück 2024, wird derzeit noch beim SWR produziert. Es sind Stoffe, bei denen eine Transformation ins rein Akustische nicht eine Beschneidung bedeutet, sondern vielmehr einen neuen Assoziationsraum öffnet. So spielt "Zwei Herren von Real Madrid" im Profifußball-Milieu, das akustisch aber nahezu komplett ausgeblendet bleibt und stattdessen – und zwar allein auf der Tonebene – in einen künstlerischen Kontext gerückt wird.

Ein neues Interesse der Autor*innen

Die Allianz von Autor*innen und Rundfunkanstalten hat eine lange Tradition. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie besonders intensiv: Die Schriftsteller Alfred Andersch, Helmuth Heißenbüttel oder Ror Wolf etwa waren allesamt einmal Hörfunk-Redakteure, für viele ihrer Kollegen wie Günter Eich und phasenweise auch Bertolt Brecht war das Radio eine lukrativere und stabilere Einkommensquelle als die Verlags- und die Bühnenbranche. Das hat sich mit der Zeit verändert, und zwischendurch sah es einmal so aus, als würden Autor*innen das Geld der Rundfunkanstalten gerne mitnehmen – auch mitnehmen müssen, um sich über Mehrfachverwertungen ihrer Stoffe leidlich finanzieren zu können –, aber im Grunde kein rechtes Interesse daran haben, sich auf die Erfordernisse und auch den Reiz eines Erzählens ohne optische Konkretion wirklich einzulassen.

Eine Ausnahme bildet das Kollektiv Rimini Protokoll, das einerseits zwar von Anbeginn an ein geschickter Mehrfachverwerter seiner künstlerischen Prozesse ist, sich andererseits aber stets interessiert daran zeigt, die Produktionen für das jeweilige Medium so zu justieren, dass es sich dessen jeweiligen Spezifika anpasst. Eine vergleichsweise neue Entwicklung, die zugleich eine Besinnung auf frühere Ambitionen ist, zielt auf die Gewinnung erstklassiger Autor*innen, die das Hörspiel als das erkennen, was es ist – eben eine eigene Gattung. Und denen nicht so sehr daran gelegen ist, ihre Prosa- oder Dramentext dort bequem zweitzuverwerten, sondern originäre Hörstücke zu kreieren. Sowie sie eben zugleich Lyriker*innen und Dramatiker*innen sind oder Romanciers und Essayisten, sind sie auch, unter anderem: Hörspielautor*innen.

Radio Brusilovsky Eichmann 2 CThomas ErnstBei den Aufnahmen zu "Adolf Eichmann: Ein Hörprozess" von Noam Brusilovsky © Thomas Ernst

Ein Coup des SWR war es im vergangenen Jahr, den inzwischen 64-jährigen Maxim Biller gewonnen zu haben für dessen erstes Original-Hörspiel "Kein König in Israel". Von Dana von Suffrin gibt es bereits drei Hörspiele – zwei basieren auf ihren bisherigen Romanen, ein drittes jedoch hat sie explizit für den Bayerischen Rundfunk entwickelt. Ähnlich agieren Noam Brusilovsky, Björn SC Deigner und Luise Voigt, sie alle sind Dramatiker*innen und Hörspielautor*innen, arbeiten für die Bühne ebenso wie für Audio. Je nachdem, welches Medium das adäquate ist für einen Stoff. Gemessen an Preisen und Auszeichnungen, ist Brusilovskys Renommée als Hörspielautor inzwischen das wichtigere: Drei seiner Arbeiten – er ist stets Autor und Regisseur – wurden von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste als Hörspiele des Monats ausgezeichnet, zwei haben den Deutschen Hörspielpreis der ARD gewonnen, eines den renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden. Und im vergangenen Jahr hat Brusilovsky für "Exzess (Eine Techno-Oper)" den international wichtigen Prix Italia bekommen.

Wie das Theater profitiert

Vor allem "Adolf Eichmann: Ein Hörprozess" wird bleiben, weil das Hörspiel so klug wie emotional nicht nur vom Prozess gegen den Organisator des Holocaust Eichmann, sondern auch von der kathartischen Funktion dieses Gerichtsverfahrens für die israelische Gesellschaft erzählt, die sich über das Radio vermittelt hat. Magda Woitzuck, Michaela Falkner, Ruth Johanna Benrath, Christine Wunnike sind weitere Schriftstellerinnen, die dezidiert fürs Hörspiel arbeiten.

Radio Doppeltreppe zum Wald CSWRNoor CellaBena uSchauspieler Komi Mizrajim Togbonou bei den Aufnahmen von Lamin Leroy Gibbas "Doppeltreppe zum Wald" © SWR / Noor-Cella Bena

Davon profitiert nicht zuletzt auch das Theater und die Literatur insgesamt. Weil es nicht allein dafür verantwortlich ist, seine Autor*innen zu ernähren, seine Nachwuchstalente zu fördern, eine Öffentlichkeit zu schaffen für dramatische Erzählformen. Zwar hat die Hörspielbranche zu kämpfen: Da ist der Spardruck, der auf den öffentlich-rechtlichen Sendern lastet. Der interne Rechtfertigungsdruck, dem diese für Radioverhältnisse teuren Produktionen in einem hochkulturfeindlicher werdenden System ausgesetzt sind. Der Wegfall von Preisen und Förderstrukturen. Die Streichung von Sendeplätzen bei den Kulturwellen. Die wachsende Konkurrenz durch günstiger produzierte, Qualitätsmaßstäbe senkende Hörspiele privater Anbieter wie Audible.

Ungeachtet all dieser Schwierigkeiten boomen Hörspiele beim Publikum. Zusammen mit Lesungen – diese beiden Formate werden als eine Kategorie erfasst – bilden sie das beliebteste Genre in der ARD-Audiothek. Deutlich vor beispielsweise Politik, Sport oder Comedy. In Minuten gerechnet, entfällt knapp ein Drittel der Nutzung auf diese Kategorie, während der Bestand nur etwa ein Sechstel des gesamten Audiotheken-Inhalts ausmacht. Hörspiele profitieren insofern überdurchschnittlich vom anhaltenden Audioboom. Für Dramatiker*innen ist das eine gute Nachricht.

Stefan Fischer ist Kulturjournalist mit Schwerpunkt auf der Berichterstattung über Hörspiele, Podcasts und den öffentlich-rechtlichen Hörfunk. Er hat Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaft an der LMU München studiert und den Ergänzungsstudiengang Theater-, Film- und Fernsehkritik an der Bayerischen Theaterakademie/Hochschule für Fernsehen und Film München abgeschlossen. Seit 1999 ist Mitarbeiter und Autor der Süddeutschen Zeitung. Außerdem Dozent in der Kulturjournalist*innenausbildung an der Bayerischen Theaterakademie/Hochschule für Musik und Theater München.