Hä? Uh!

Wenn das Leben Haken schlägt wie ein Cyber-Hase im Online-Game, kann Freundschaft die letzte Rettung sein. Kristo Šagor beschreibt in seinem Jugendstück „Nice“, nominiert für den Jugendstückepreis, multiple Hochs und Tiefs im Alltag seiner beiden jungen Protagonisten Malte und Mark. Am Ende … Ach nein, das lässt sich so nicht sagen. Denn wie jede gute Geschichte hat auch diese keinen Schluss.

Von Georg Kasch

"Nice" von Kristo Šagor.© Milena Schilling

29. April 2025. Wie viele Themen passen in ein Jugendtheaterstück? Kristo Šagor findet: sehr viele. Pornos und Flirtversuche, Gaming und nervige Eltern, Abhängigkeit und Freiheit, all die Krisen da draußen und die Abgründe in einem drinnen. Es sind noch viel, viel mehr, natürlich, und doch gibt es zwei gemeinsame Nenner: die Sucht. Und die Liebe.

Das Wunder: Es funktioniert! Šagor, der 2001 beim Heidelberger Autor*innenwettbewerb den Publikumspreis erhielt und 2019 für "Iason" den Jugendstückepreis, hat mit "Nice" ein Stück über zwei junge Erwachsene geschrieben, die sich als Jugendliche nicht leiden konnten, sich mit um die 20 aber in derselben WG wiederfinden. Mark verheddert sich dabei in seinem Online-Spiel und verliert die Kontrolle über Zeit und Geld, Malte kifft zu viel und erlebt immer öfter psychotische Zustände.

Ein Klettergerüst für Seelenzustände

Šagors Stück ist ein wilder Ritt um immer neue Kurven, führt von testosteronschwangeren Jungs im Game-Wahn rüber zu den Themen Sucht, Lebenssinn, Liebe, Verzweiflung. Und doch hat Šagor das Steuerrad fest im Griff. Immer, wenn man kurz denkt: Uff, wie soll man das glauben, etabliert er die neue Situation derart geschickt und lässig, dass man nach wenigen Zweifelssekunden angekommen ist.

Nice 2 CMilenaSchillingEine Annäherung in kleinen Schritten – Tobias Amoriello und Julius Engelbach in "Nice" © Milena Schilling

Übrigens auch im Ton. Denn Šagor macht keine Kompromisse, mutet dem jugendlichen Publikum sowohl gedanklich wie sprachlich einiges zu. Zum Glück! Denn das folgt gebannt. Was auch an dieser Konstanzer Produktion liegt. Allein die Ausstattung von Lukas Fries: ein Stahlkubus als Klettergerüst, das klug beleuchtet und bespielt wird, sodass Orts-, Rollen- und Situationswechsel, aber auch Seelenzustände höchst sinnfällig wirken. Dazu gibt‘s Jogginganzüge in Blau und Pink, deren Farben mit sich entwickelnder Freundschaft und Liebe irgendwann ineinander übergehen (am Ende tragen sie sogar entsprechend gesprenkelte Schuhe).

Der erste Sex

Sergej Gößner, als Autor selbst Stückemarkt-Alumni (2016 im Autor*innenwettbewerb, 2018 Gewinner des Jugendstückewettbewerbs), nutzt als Regisseur geschickt Valentin Schroetelers zurückhaltende Musik für neue Atmosphären und hat mit seinen zwei Spielern offenbar intensiv an der Glaubwürdigkeit all der Handlungs-Volten gefeilt. Allein den Heidelberger Alten Saal voller (vermutlich nicht ganz freiwillig dort sitzender) junger Menschen mit Energie zu füllen, ist ja eine Herausforderung. Und dann noch mit einem Stoff, der einem öfter ein Hä? entlockt oder ein Uh!, wenn aus den – Achtung, Spoiler! – Mitbewohnern und Freunden überraschend ein Paar wird. Allein, wie Gößner den ersten Sex der beiden als großes Gerüstgeschiebe inszeniert, ist komisch und treffend und befreiend zugleich – und nimmt sofort den Druck aus der neuen Situation.

Tobias Amoriello und Julius Engelbach locken das jugendliche (und auch das erwachsene) Publikum so souverän und sympathisch durch den hakenschlagenden Plot, dass man ihnen alles glaubt: ihre Coolness zu Beginn, ihre emotionale Verletzlichkeit später, ihre Freundschaft, ihre Liebe, ihre Angst, ihren Kampf mit- und umeinander.

Der Engel im Apple-Store

Amoriello hat mit Malte den komplexeren Part erwischt, weil er auch noch ein paar Nebenrollen skizzieren muss und es natürlich immer heikel ist, eine Psychose klischeefrei auf die Bühne zu bringen. Wie herzzerreißend er an Mikro und Pult singt, wie traurig und emotional durchlässig er werden kann, wie er – ausgebreitete Arme, seliges Grinsen – im Rausch über die Bühne fliegt oder mephistophelisch in der Demontage der Wirklichkeit brilliert, ist hinreißend.

Julius Engelbach braucht als Mark rollengemäß länger, um vom Gamer mit Tunnelblick zum Liebenden und Fürsorgenden zu werden, ein Widerständler gegen alles, was da plötzlich auf ihn einbrandet, einer, der zum Fels wird und dabei seine eigene Sucht, wenn nicht besiegt (auch am Ende hockt er noch einmal vorm Bildschirm und gönnt sich die Lüge, Malte habe ihn geweckt), so doch halbwegs im Griff zu haben scheint. Aber dann übernimmt er mit Maltes voranschreitender psychischer Erkrankung die Führung. Schließlich gehört ihm der berührende Moment, als er vom geduldigen Applestore-Verkäufer erzählt, ein "Engel" voll Verständnis und Wärme in einem Moment, wo es beides dringend braucht. Warum ist er so freundlich, fragt Mark. Die lakonische Antwort: "Jeder macht mal Sachen durch."

Das sitzt, weil es stimmt. Einfach wird hier ohnehin nichts mehr, auch nicht am Ende. Dass Geschichten Lügen sind, weil sie einen Anfang und einen Schluss setzen, die das Leben so nicht vorsieht, auch davon erzählt dieser kraftvolle Abend, der ganz sicher nicht "nett" ist, wie der Titel suggeriert. Aber wahr.

 

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Nice (14+)
von Kristo Šagor
Regie: Sergej Gößner, Bühne & Kostüme: Lukas Fries, Musikalische Leitung: Valentin Schroeteler, Dramaturgie: Romana Lautner.
Mit: Tobias Amoriello, Julius Engelbach.
Uraufführung am 12. Oktober 2024
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

www.theaterkonstanz.de