Das schwierigste Spiel der Welt

Von Lena Riemer

27. Februar 2025. Veränderungen, kleine und große, bestimmen nicht nur unsere Gegenwart, sondern auch die Auswahl der Jugendstück-Nominierungen beim Heidelberger Stückemarkt. "Synapsen" vom Comedia Theater Köln in Koproduktion mit der performing:group erforscht tänzerisch die Umbauprozesse im Gehirn während der Pubertät. Wie man als junge*r Erwachsene*r dann zwischen Lebensentwurf und Lebenskrise balanciert, demonstriert "Nice" von Kristo Šagor am Theater Konstanz. Und "Aurora" vom sputnic-Kollektiv am Theater Bremen nimmt mit auf die Reise durch eine Welt, in der die Klimakatastrophe schon passiert ist. In einer Zeit, in der Jugendliche und junge Erwachsene vielleicht hoffnungsloser denn je auf die Welt blicken, widmet sich das Theater voll und ganz ihren Problemen. Im Lösungsansatz sind sich auffälliger Weise alle drei Stücke einig: Es braucht mehr Zusammenhalt.

"Synapsen": Wie tanzt man Pubertät?

Anfangs ist alles eigentlich noch ganz harmonisch: Hinter einer Wand aus Plexiglasteilen schimmert eine Kette leuchtender Synapsen. Doch so soll es nicht bleiben. Immer öfter mischen sich ein störendes Knistern und Stimmen in die Musik. Die Synapsen verändern ihre Position, leuchten auf und verschwinden wieder. Es herrscht Stress im Gehirn, denn da bahnt sich nichts geringeres an als die Pubertät! Und ehe man es realisiert hat, zerbrechen auch schon drei Performerinnen (Nona Munnix, Viktoria Lesch und YeoJin Kim) mit einem Schlag die Wand und stürmen auf die Bühne. Sie posieren voller Entschlossenheit. Ab jetzt wird das Hirn zur Großbaustelle! Und so dauert es auch nicht lange, bis die Performerinnen die Plexiglasteile komplett auseinander gebaut und im Raum verteilt haben.

Was in den Synapsen beginnt, weitet sich auf den ganzen Körper aus. Erstaunt und auch ein bisschen angeekelt werden die körperlichen Veränderungen Stück für Stück erkundet. Im Rausch der Hormone tanzen die Performerinnen ausgelassen zu "Perfect (Exceeder)" von Mason, üben selbstbewusste Posen zu Songzeilen wie "watch me work it, I’m perfect". Doch das Gefühl von Perfektion hält nicht an, schnell wird es durch Scham und Zweifel abgelöst. So stolpert eine Performerin irgendwann nur noch unbeholfen herum, hat ihre Gliedmaßen kaum unter Kontrolle. Mit jeder Bewegung wirft sie ein Plexiglasteil um, das die anderen beiden wieder mühsam aufheben müssen. Die letzte Rettung in dieser Situation: Ein grauer Hoodie als Versteck vor der Außenwelt.

Synapsen 4 CChristopher HorneVersteckt im Kapuzenpulli: Nona Munnix, Viktoria Lesch und YeoJin Kim in "Synapsen" © Christopher Horne

In große Kapuzenpullover gehüllt liegen die Performerinnen von da an auf der Bühne rum. Für jegliche Bewegung fehlt die Energie und eigentlich ist sowieso alles nur zum Heulen. Einen Wutausbruch später sieht die Welt aber schon wieder ganz anders aus. Hormonschwankungen sind leider unergründlich, doch ein kleiner Trost ist, dass alle sie gut kennen. So können auch die Performerinnen sich gegenseitig Halt geben und schließlich wieder aufrichten. Sie wenden sich direkt ans Publikum, berichten gleichzeitig und durcheinander eigene Erlebnisse aus der Pubertät. Alles wird vollkommen wertungsfrei erzählt. Hier offenbart die Inszenierung der performing:group ihr empowerndes Potenzial: Denn auch wenn Pubertierende sich manchmal fühlen, als würde niemand ihre Probleme verstehen, so gibt es doch eigentlich ganz viele, denen es ähnlich geht wie ihnen.

Wo Erwachsene gerne immer wieder auf das herablassende Narrativ vom anstrengenden "Pubertier" zurückfallen, schlägt "Synapsen" zum Glück einen anderen Weg ein. Hier wird den Teenager*innen nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe begegnet. In der musikalischen Mischung aus Pop, Elektro, Klassik und Metal findet sich wahrscheinlich jede*r irgendwo wieder. Den Choreographinnen Julia Mota Cavalho und Marcela Ruiz Quintero ist es gelungen, eine zugängliche Bildsprache zu kreieren, ohne dabei in Klischees abzurutschen. Dafür wurde die Inszenierung verdientermaßen bereits mit dem Kölner Theaterpreis 2024 ausgezeichnet. "Synapsen" ist im besten Sinne authentisch. Das macht es nicht nur zu einem tollen Mutmacher für Jugendliche, sondern auch zum perfekten Denkanstoß für Eltern und Lehrkräfte.

"Nice": Der Endgegner heißt Alltag

"Über das Spiel bin ich bei Youtube gestolpert. Das war so eine Werbung, die ploppte immer, immer und immer wieder auf und irgendwann dachte ich dann: Ja, gut, warum denn eigentlich nicht?", berichtet Mark (Julius Engelbach) dem Publikum. Was als Zeitvertreib während des zweiten Corona-Lockdowns beginnt, wird schnell zum Mittelpunkt seines Lebens. "Ein Jahr und mehrere tausend Euro später war dann klar, ich hatte die Kontrolle verloren." Mark verbringt Tage und Nächte im Online-Game, um der beste Spieler zu werden. Das Ansehen, das er dort von der weltweiten Community genießt, scheint zunehmend sein Bedürfnis nach Sozialkontakt im echten Leben zu ersetzen. Und so hangelt sich Mark unbekümmert durch das würfelförmige Gerüst aus Eisenstangen auf der Bühne und merkt nicht, dass sein Spielplatz auch eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Gefängnis aufweist.

Marks Abwesenheit entgeht seinem Mitbewohner Malte (Tobias Amoriello) nicht – und das nicht nur, weil Mark den Putzplan nicht mehr einhält. Wer erwartet, dass Malte nun seinen Mitbewohner heldenhaft vor der Spielsucht rettet, irrt sich gewaltig. Denn auch Malte hat sein eigenes Problem und das ist nichts Geringeres als die komplette Weltlage. Rechtsruck, Klimakrise, Krieg und dann auch noch die erdrückende Frage nach der eigenen Existenz – wie soll man da nachts noch Ruhe finden? Maltes Ängste wachsen unter Einfluss unterschiedlicher Drogen zur Angstpsychose an. Jetzt ist er es, der dringend die Hilfe eines Freundes braucht. Mark ist für ihn da, kümmert sich, überredet ihn zum Entzug, lässt sich von keinem Rückfall abschrecken. Malte und Mark kommen sich immer näher: Aus einer Freundschaft wird eine Beziehung.

Nice 1 CMilenaSchillingHinter tausend Stäben ihre Welt: Tobias Amoriello und Julius Engelbach in "Nice" © MilenaSchilling

Aber auch hinter dieser Wendung wartet kein utopisches Happy End, sondern der Alltag. Denn das schwierigste Spiel der Welt ist das echte Leben, da sind sich die Protagonisten einig. Kristo Šagor hat mit "Nice" ein Theaterstück geschrieben, dem es immer wieder gelingt, sein Publikum zu überraschen. So begleitet man Marks und Maltes Geschichte gespannt bis zum Schluss und darüber hinaus. Denn am Ende ist schließlich nur das Stück vorbei, das Leben hingegen geht weiter. Der Inszenierung in der Regie von Sergej Gößner gelingt es, genau das richtige Tempo für die Geschichte zu finden. Den rasanten Chat-Dialogen in Marks Online-Game stehen zu Beginn Maltes teilweise quälend lange Monologe über den Nihilismus gegenüber. Erst als beide sich einander annähern, scheint sich das Erzähltempo auszubalancieren. Auch wenn die Liebe nicht die Universallösung für alle Probleme ist, so bringt sie doch alles ein wenig mehr ins Gleichgewicht.

Ähnlich wie "Synapsen" Pubertierende nicht zu Pubertieren erklärt, will auch "Nice" die persönlichen Probleme seiner Protagonisten nicht verurteilen. Marks Spielsucht begann während der Corona-Pandemie, Maltes Ängste werden durch die Omnipräsenz der globalen Krisen befeuert. Das Stück trifft den Nagel auf den Kopf, schließlich spürt man fast fünf Jahre nach dem ersten Lockdown immer noch die sozialen Folgen der Pandemie; die Zahl einsamer und psychisch kranker Kinder und Jugendlicher ist alarmierend hoch. Es bleibt nur zu hoffen, dass "Nice" viele Räume öffnet, in denen sich das Publikum austauschen und einander die eigenen Konflikte mitteilen kann.

"Aurora": Von der Kraft der Liebe

"Live Animation Cinema" nennt sich die außergewöhnliche Theaterform, die das Kollektiv sputnic visual arts begründet und bereits in seinen vergangenen Inszenierungen angewandt hat. Wer angeleuchtete Folien bisher nur vom uralten Overhead-Projekter in der Schule kannte, wird hier staunen. Das Publikum sieht live dabei zu, wie die Darsteller*innen Bilder an die Leinwände auf der Bühne projizieren und ihnen gleichzeitig mit dem Einsatz von Folien, Pappe und Kameras Leben einhauchen. Dabei sind die Schauspieler*innen jedoch viel mehr als nur die Sprechblasen für einen Comic. Illustration und Darstellendes Spiel gehen hier Hand in Hand und erschaffen so einen Animationsfilm der ganz eigenen Art. Einer solchen Innovationskraft möchte man am liebsten viel öfter im Theater für junges Publikum begegnen.

Doch nicht nur auf der Formebene beeindruckt die Inszenierung. "Aurora" spielt im Jahr 2125, die Welt ist nicht mehr dieselbe. Als Folge der Klimakatastrophen gibt es keine Staaten und Regierungen mehr, die Menschen leben in patriarchalen Familienverbünden zusammen. Ihr Leben von männlichen Familienmitgliedern kontrollieren zu lassen, kommt für die beiden Freundinnen Kris (Barbara Krebs) und Sasika (Larissa Pfau) jedoch nicht in Frage und so laufen sie davon – vor allem vor der Zwangsheirat, die Sasika zu Hause bevorstünde. Ihr Ziel: Anarchia, die Stadt der Freundschaft, in der andere Formen des Zusammenlebens möglich scheinen.

Aurora 2 CJoerg LandsbergTheater als Live Animation Cinema: "Aurora" © Jörg Landsberg

Beim Durchsuchen eines verlassenen Sperrgebiets finden die Freundinnen zufällig AURORA (Kerstin Pohle), einen Roboter aus den 2020er Jahren. Mit der Unterstützung von Kris' Cousin Kev (Frederik Gora) bringen die beiden den Roboter wieder zum Laufen. AURORA kann nicht nur sprechen, sie hat auch ein simuliertes Bewusstsein. Während Kris begeistert von der neuen Begleiterin ist und ihr schnell näher kommt, bleibt Sasika skeptisch. Ist der Roboter auf der Reise nach Anarchia nicht eher eine Bürde? Sasikas Ängste sind nicht unbegründet, denn den beiden ist bereits Nathanael auf den Fersen, beauftragt von Sasikas Familie. Der drohenden Gefahr zum Trotz schaffen es die Freundinnen an ihr so lang ersehntes Ziel. Dort trifft Kris eine große Entscheidung: Sie möchte mit AURORA zusammen leben. Sasika ist verwirrt und verletzt, für sie ist eine Beziehung zu einem Roboter völlig undenkbar.

Dann überschlagen sich die Ereignisse: Nathanael findet die Freundinnen wieder und wird prompt von AURORA angeschossen. Dass diese als Kampfroboter diente, war Kris nicht bewusst. Sie setzt ihre Geliebte auf Werkseinstellung zurück. Ein heftiger Vertrauensbruch. Kaum ist AURORA wieder bei Bewusstsein, droht ein Tsunami die Stadt zu treffen. Die einzige Rettung: AURORA. Sie muss sich an den Stromkreislauf von Anarchia anschließen lassen – und damit ihre eigene Zerstörung riskieren. Sie hat keinen rationalen Grund, sich für die Menschen zu opfern, die sie einfach so zurückgesetzt haben. Doch sie tut es, aus Liebe.

"Die alles vereinende Urkraft", das ist die Liebe. Und so ist auch "Aurora", dessen Handlung der Science Fiction nahe steht, ein Plädoyer für die Liebe, selbst in dystopischen Zeiten. Dem unterdrückenden Patriarchat steht mit Anarchia das Konzept einer Stadt gegenüber, in der alle Bewohner*innen friedlich zusammenleben und alles teilen. Wer einmal dort angekommen ist, möchte nie wieder woanders leben.

Mit den drei Inszenierungen, die 2025 um den Jugendstückepreis konkurrieren, zeigt sich einmal mehr: Theater ist und bleibt ein Ort, an dem die großen Menschheitsfragen verhandelt werden. Auch und gerade für das junge Publikum, das an diesen Verhandlungen über die eigene Zukunft unbedingt beteiligt werden muss.

Strukturell setzen die drei Inszenierungen dabei auf Erzählweisen, die man aus der Jugendliteratur kennt. Junge Hauptfiguren meistern (größtenteils ohne erwachsene Hilfe) ihre Probleme und finden unterwegs nicht nur Freundschaft, sondern vor allem eins: Liebe, die alles besiegt. Wem das zu einfach ist, sollte sich daran erinnern, wie viel harte Arbeit Liebe erfordert. Auch hier sind sich die Stücke einig. Es liegt an uns, unseren Mitmenschen immer wieder aufs Neue mit Solidarität zu begegnen. Eine starke Botschaft, besonders in Zeiten, in denen andere öffentlich den Hass schüren.

Aurora (14+)
von sputnic visual arts
Regie: Nils Voges, Illustration: Karl Uhlenbrock, Bühne und Kostüme: Michael Konstantin Wolke, Musik: Kerstin Pohle, Holger Brandt, Leitung Animationswerkstatt: Michael Dölle, Licht: Jörg Hartenstein, Dramaturgie: Saskia Scheffel.
Mit: Frederik Gora, Barbara Krebs, Larissa Pfau, Kerstin Pohle.
Uraufführung am 19. August 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, kein ePause
www.theaterbremen.de

Nice (14+)
von Kristo Šagor
Regie: Sergej Gößner, Bühne & Kostüme: Lukas Fries, Musikalische Leitung: Valentin Schroeteler, Dramaturgie: Romana Lautner.
Mit: Tobias Amoriello, Julius Engelbach.
Uraufführung am 12. Oktober 2024
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause
www.theaterkonstanz.de

Synapsen (13+)
Eine Tanzproduktion der COMEDIA in Koproduktion mit performing:group, Köln
Regie & Choreographie: Julia Mota Cavalho, Marcela Ruiz Quintero, Idee, Dramaturgie & Musik: Martin Rascher, Bühne & Kostüm Andrea Barba, Dramaturgie: Anna Stegherr, Bühnenbau: Michael Abrazzo Blattmann, Technik Licht und Bühne: Dietrich Schuckließ, Michael Sulkowski, Clara Nicodemus, Regieassistenz: Noah Knops, Vivien Wirtz, Ausstattungsassistenz: Vinzent Metz.
Mit: Nona Munnix, Viktoria Lesch, YeoJin Kim.
Uraufführung am 4. Mai 2024
Dauer: 60 Minuten, keine Pause
www.comedia-koeln.de