Mülheimer Kinderstückepreis 2024 – südpol.windstill
Alltag mit Alkohol
Beim Stückemarkt wird jeweils im Austausch der Gewinner des Mülheimer KinderStückePreises gezeigt. Das bedeutet dieses Jahr ein Heimspiel, denn die Heidelberger Inszenierung von Armela Madreiters "südpol.windstill" gewann 2024. Es geht um eine Heranwachsende, die sich mithilfe ihres imaginären Freundes Robert Falcon Scott an den Polarkreis träumt – als Flucht vor dem Alltag mit einer alkoholkranken Mutter.
Von Sarah Kailuweit
Mülheim-Gewinner-Stück "südpol.windstill" © Susanne Reichardt
5. Mai 2025. Wer den Raum betritt, kann sie treffen: Ida. Weiße Windbreaker-Hose, blaues T-Shirt, eine Uhr an jedem Handgelenk und einen stets gespitzten Bleistift in den dicken dunklen Locken auf ihrem Kopf. Ida ist bereits eifrig am Malen, wenn die Saaltüren aufgehen und das Publikum sich in die kleine Heidelberger Spielstätte Zwinger 3 schiebt. Freie Platzwahl, setzen – alles unter Idas neugierigen Blick, die vorne im Bühnenraum auf dem Boden sitzt und wartet, bis die Saaltüren wieder zugehen.
Flucht in die Polarforschung
Hinter Ida schirmt ein silber-folierter Vorhang den hinteren Bühnenteil ab. Um sie herum ist alles weiß-grau-blau. Neben Ida eine Waschmaschine, rechts von ihr eine Küchenecke mit blauen Fliesen und Kühl-Gefrierkombination. Wir blicken direkt in Idas Alltag. Bühnen- und Kostümbildner Robert Sievert hat Idas Zuhause funktional eingerichtet. Ungemütlich ist es aber nicht, eher unaufdringlich und vertraut. Im Hintergrund singt die 80er-Jahre-Rockband Grauzone "Ich möchte ein Eisbär sein im kalten Polar. Dann müsst ich nicht mehr schrei'n. All das wär so klar". Und damit ist die Szenerie der Aufführung gesetzt: Ida will nämlich Polarforscherin werden. Genau wie ihr imaginärer Freund Robert Falcon Scott es früher einmal war. Scott hilft Ida: beim Lernen, beim Forschen, beim Alltag-Überleben.
"südpol.windstill" ist eine Geschichte über Resilienz. Autorin Armela Madreiter erzählt aus dem prekären Alltag einer Zehnjährigen, die mit ihrer alkoholkranken Mutter lebt. Ida ist kein Einzelschicksal. Madreiters Stück handelt stellvertretend von etwa 2,65 Millionen Kindern und Jugendlichen in Deutschland, die mit mindestens einem alkoholkranken oder alkoholmissbrauchenden Elternteil leben. Dafür wurde Madreiter 2024 mit dem Mühlheimer KinderStückePreis ausgezeichnet. Die Jury betont in ihrer Begründung unter anderem, dass Madreiter mit ihrem Stück einen Raum öffne, auch über schwierige Themen zu sprechen. Diesen Raum öffnet auch Regisseurin Yvonne Kespohl mit ihrer Inszenierung, die am Theater und Orchester Heidelberg entstanden ist, ein Heimspiel also.
Ida findet mit Amre doch noch einen realen Freund: Hannah Hupfauer (rechts) und Rachid Zinaladin in "südpol.windstill" © Susanne Reichardt
Auf der Fläche der Bühne wird immer wieder das Umfeld gewechselt: vom Bad in den Keller, von der Küche ins Treppenhaus und vom Nord- zum Südpol. Durchgehend feinfühlig über minimale Veränderungen im Bühnenbild, vor allem aber durch Licht, Musik und Schauspielleistung.
Hannah Hupfauer spielt die zehnjährige Ida, die in Madreiters Erzählung zur Heldin ihrer eigenen Geschichte wird. Ihr imaginärer Freund und Ex-Polar-Forscher Scott wird von Patricia Schäfer verkörpert. Besonders Schäfer bringt eine Spielfreude auf die kleine Bühne, zeigt sich vielfältig und rührend liebevoll gegenüber Ida. Die beiden Schauspielerinnen ergänzen sich so eingespielt, dass sich leicht die Prämisse akzeptieren lässt, Scott sei nur ein Produkt aus Idas Fantasie. Bei imaginären Freund*innen wird mitunter an Wahnvorstellungen gedacht. Das Programmheft stellt aber direkt klar, dass unsichtbare Freund*innen auch ein Indikator dafür sein können, dass ein Kind fantasievoll versucht, die eigenen Gefühle zu regulieren und sich selbst in stressigen Situationen zu beruhigen.
Lebensfrohe Selbsthilfe
Darin ist Ida geübt. Oder wie sie es direkt zu Beginn sagt: "Ich bin sehr gut darin, Dinge selber zu machen. Alleine." Mit der Hilfe von Scott strukturiert Ida ihr Umfeld, das aus zu wenig Geld und der instabilen Mutter besteht. Ida bewältigt durch spielerisches Forschen ihren Alltag, versichert sich durch das Protokollieren und die Benennung wiederkehrender Muster. Gezählt und aufgeschrieben werden die guten und die schlechten Tage, die Bierflaschen im Wohnzimmer und die kleinen Sojasaucen-Plastikfische in der Kühlschranktür. Hannah Hupfauer zeigt Ida dabei schonungslos direkt. Zum Beispiel wenn Ida fast schmerzlich naiv die Vorteile von Konservenessen aufzählt: so billig, so haltbar und so schnell gemacht. Die große Leistung von "südpol.windstill" ist, dass Ida dabei trotzdem nie als wehrloses Opfer ihrer Umstände dargestellt wird. Stattdessen hat Ida beide Hände am Steuer. Irgendjemand muss schließlich lenken.
Erzählt wird, wie Ida steuert und Scott ihr dabei hilft. Es ist die Geschichte einer Selbsthilfe, die lebensnotwendig ist. Die dann in den Hintergrund tritt, wenn Ida sich mit einem Jungen aus dem Haus anfreundet. Den spielt Rachid Zinaladin ansteckend lebensfroh. Die Aufführung endet mit dem Song "Friends of Mine" von Adam Green. Eine warme, versöhnliche Atmosphäre wird aufgebaut, in der sich Ida und ihr neuer Freund Amre vom Publikum verabschieden. Vielleicht ist sie zu friedlich. Ida hat zwar Freunde und ist mit einem ganzen Rucksack voll Resilienz ausgestattet. Von ihrer Mutter wird sie aber nach wie vor vernachlässigt.
südpol.windstill
von Armela Madreiter
Regie: Yvonne Kespohl, Bühne und Kostüme: Robert Sievert, Dramaturgie: Theresa Leopold, Theaterpädagogik: Franziska Kühnle.
Mit: Hannah Hupfauer, Patricia Schäfer, Rachid Zinaladin.
Uraufführung am 18. November 2023 am Jungen Theater Heidelberg
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause
www.theaterheidelberg.de
Programm
Zwinger 1
Theater und Orchester Heidelberg
2×241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger
Regie: FX Mayr
Marguerre-Saal
Gastspiel Berliner Ensemble
RCE #REMOTECODEEXECUTION
von Sibylle Berg
in einer Bearbeitung von Kay Voges und Sibylle Baschung
Regie: Kay Voges
Uraufführung
Zwinger 3 und online
Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb I
13:30 Uhr
Flaschenkinder von Rebecca C. Schnyder
14:30 Uhr
OTA von Lisa Danulat
16:00 Uhr
Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert von Svealena Kutschke
Zwinger 1
Gastspiel aktionstheater ensemble
ALL ABOUT ME
KEIN LEBEN NACH MIR
von Martin Gruber, aktionstheater ensemble und Wolfgang Mörth
Regie: Martin Gruber
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Berliner Ensemble
RCE #REMOTECODEEXECUTION
von Sibylle Berg
in einer Bearbeitung von Kay Voges und Sibylle Baschung
Regie: Kay Voges
Uraufführung
Alter Saal
Stückemarktparty
mit Diana Ezerex & Band und Byusa (DJ)
präsentiert von Zwinger x
Rahmenprogramm
Eintritt frei
Sprechzimmer
Matinee des DFG-Netzwerks
"Untersuchungen zur Gegenwartsdramatik"
Gegenwartsdramatik verstehen
Einblicke in Analyse und Forschung
Eintritt frei
Zwinger 3 und online
Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb Teil II
13:30 Uhr
16GB: Tischtennisplattenpolitik von Zehra Sönmez
14:30 Uhr
Ein Kinderspiel von Sean Pfeiffer
16:00 Uhr
Asiawochen von Yannic Han Biao Federer
Alter Saal
Gastspiel Deutsches Theater Berlin
Die Insel der Perversen
Ein deutsches Singspiel
von Rosa von Praunheim
Regie: Heiner Bomhard
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Schauspielhaus Wien in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Graz und dem steirischen herbst
Chronik der laufenden Entgleisungen
(austria revisted)
von Thomas Köck
Regie: Marie Bues
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Junges Theater Bremen
Aurora
von sputnic
Regie: Nils Voges
Grün & Gold
Gastspiel Theater Bielefeld
Nicht mein 🔥
von Laura Naumann
Regie: Jette Büshel
Zwinger 1
Gastspiel Schauspiel Leipzig
Goldie
Ein digitales Requiem
von Emre Akal
Regie: Emre Akal
Uraufführung
Alter Saal
Gastspiel Theater Konstanz
Nice
von Kristo Šagor
Regie: Sergej Gößner
Maguerre-Saal
Gastspiel Theater Magdeburg
Blutbuch
Roman von Kim de l’Horizon
in einer Fassung von Jan Friedrich
Regie: Jan Friedrich
Zwinger 1
Gastspiel Schauspiel Hannover
Betonklotz 2000
von Jona Rausch
Regie: Goldie Röll
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel COMEDIA Köln
Synapsen
in Koproduktion mit performing:group Köln
Choreographie: Julia Mota Carvalho und Marcela Ruiz Quintero
Alter Saal
Gastspiel Theater Oberhausen
Oratorium: Doyçland
Eine Discographie des Lebens
von Caner Akdeniz
Regie: Caner Akdeniz
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau
Das beispielhafte Leben des Samuel W.
Theaterstück aus Interviewsequenzen
von Lukas Rietzschel
Regie: Ingo Putz
Uraufführung
Zwinger 1
Gastspiel Deutsches Nationaltheater Weimar
dumme jahre
von Thomas Freyer
Regie: Tilmann Köhler
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Münchner Kammerspiele
Doping
von Nora Abdel-Maksoud
Regie: Nora Abdel-Maksoud
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Stadttheater Gießen
Gelbes Gold
von Fabienne Dür
Regie: Malin Lamparter
Alter Saal
Gastspiel Schauspiel Frankfurt
Leaks. Von Mölln bis Hanau
von Nuran David Calis
Regie: Nuran David Calis
Uraufführung
Zwinger 1
Gastspiel Theaterhaus Jena
Die Entführung der Amygdala
von Anna Gschnitzer
Regie: Pina Bergemann und Babett Grube
Uraufführung
Zwinger 3 und online
Eröffnung Gastland-Programm China
Zwinger 3 und online
Internationaler Autor*innenwettbewerb
13:30 Uhr
Vierundzwanzig Stunden vor Neujahr werden wir lebensmüde von Han Jing
14:30 Uhr
Zugvögel von Chan Ping Chu
16:00 Uhr
Schattenfangen von Chu Xia
Maguerre-Saal
Gastspiel New Youth Group
Die wahre Geschichte des Ah Q
von Ma Wenqi nach Lu Xun
Regie: Li Jianjun
Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Stückemarktparty
mit Musik aus dem Gastland China
Eintritt frei
Zwinger 3
Theater und Orchester Heidelberg
südpol.windstill
von Armela Madreiter
Regie: Yvonne Kespohl
Zwinger 1
Ein gutes Jahr (1. Akt)
von Hongchang Xu
Regie: Hongchang Xu
Szenische Lesung auf Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Gastspiel Routine Poems Institute
Die Geschichte vom Pfirsichblütenfächer neu erzählt
von Jing Xiao nach Kong Sharem
Regie: Jing Xiao
Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Preisverleihung
Eintritt frei
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