Der Horror der Projektionsflächen

März 2024. Kim de l’Horizons queerer Buchpreisgewinner "Blutbuch" wurde bereits mehrfach auf die Bühne gebracht. In der Hannoveraner Uraufführung dominierte die Poesie, ein lustvolles Abschälen der Identitäts-Zwiebelschichten, gegossen in genrefluides, stellenweise regelrecht fluffiges Theater. In Jan Friedrichs Inszenierung aus Magdeburg geht die Poesie nicht verloren – wie auch, bei der Vorlage. Dennoch bricht hier viel öfter die dunkle Seite der Identitätssuche hervor.

Ein Gespräch mit Jan Friedrich

"Blutbuch" von Kim de l’Horizon in der Inszenierung von Jan Friedrich © Kerstin Schomburg

Jan Friedrich, Kim de l’Horizons Roman bietet sich ja nicht unbedingt fürs Theater an. Da muss man wahnsinnig viel Text auf die Bühne bekommen, ohne dass es zur szenischen Lesung wird. Warum haben Sie sich dennoch mit dem Stoff beschäftigt?

Jan Friedrich: Der Roman ist eine ganz tolle, emotionale und ergreifende Geschichte. Er hat ja nicht umsonst den Deutschen und den Schweizer Buchpreis bekommen. Der Text ist einfach unglaublich sprachvielfältig, weil er inhaltlich sehr stark ist, weil er politisch ist, weil er wichtig ist. Und weil er sehr berührend ist. Ich liebe dieses Buch wirklich sehr. Das Ganze in Bildern, Musik und der Gesamtkomposition lebendig zu kriegen, hat viel Spaß gemacht. Ich entdeckte gerade sowieso Prosa für mich. In Mainz inszeniere ich gerade "Das Ende von Eddy" von Édouard Louis und es macht wieder viel Spaß.

Haben Sie sich von der Uraufführung in Hannover inspirieren lassen?

Jan Friedrich: Die habe ich gar nicht gesehen. Das ist so ein bisschen mein persönliches Ding, aber ich arbeite komplett und bewusst referenzlos. Ich schaue mir gar nichts an, auch keine Aufzeichnungen von Inszenierungen und versuche, so wenig Referenzen zum Material wie möglich zu konsumieren, damit ich da nicht vorbelastet reingehe. Mir ist es schon ein paar Mal passiert, da habe ich irgendwo was gesehen und dachte: Das will ich auch so. Aber dann komme ich nicht an den Punkt, an dem ich mich künstlerisch am besten entfalten kann. Ich versuche wirklich, den Text zu lesen und dann mit dem, was ich dazu assoziiere, in die Proben zu starten, ohne Input von anderen, die das auch umgesetzt haben.

Nachspielen im strengen Sinn kommt bei Ihnen also nicht vor?

Jan Friedrich: Als die Uraufführung von "Blutbuch" gelaufen ist, waren wir schon im Probenprozess. Wir haben parallel also eh schon unser Ding geprobt, und dann sieht man eine andere Arbeit und dann kann man sich höchstens freuen und sagen: Ah, das sieht ganz anders aus. Dieses Thema, ob es sich um eine Uraufführung handelt oder ob es zum zweiten oder zum dritten Mal gemacht wird, ist mir persönlich eher wurscht. Wenn der Text gut ist, ist der Text gut, dann ist er erzählenswert und dann ist es mir auch egal, ob ich der dritte oder der erste bin.

Es gibt einen recht langen Monolog, in dem die Erzähler*innenstimme in deutlicher Sprache mit der Berliner Schwulenszene abrechnet. Überhaupt sind viele Stellen des Textes schonungslos vulgär. Hatten Sie Spaß an dieser Sprache?

Jan Friedrich: Mir ging es beim Lesen so, dass ich mich damit gut identifizieren konnte und dachte: Ach, endlich! Dass Kim de l’Horizon da keine Samthandschuhe anzieht, finde ich gut. Diese vulgäre Sprache ist eher Ausdruck von Wut oder Unzufriedenheit oder Enttäuschung.

Ich frage, weil es ja auch Spaß machen kann, das so deutlich rauszuhauen.

Jan Friedrich: Es ist ein gutes Spielangebot, weil solche Sprache ja immer eine gewisse Haltung besitzt, und das macht es natürlich sehr gut spielbar, weil die Haltung schon im Text eingeschrieben ist.

HD25 NachspielInterview JanFriedrich Blutbuch 5 CKerstin Schomburg uGlitzernd: Anton Andreew, Michael Ruchter, Carmen Steinert und Iris Albrecht © Kerstin Schomburg

Gerade im zweiten Teil – Kindheit – arbeiten Sie viel mit Horrorelementen. Da gibt es Kim als Kind im Clowns-Make-Up, es gibt den zur Blutbuche verwachsenen Menschen.

Jan Friedrich: Dieses Kapitel im Buch kam mir – auch im Gegensatz zu anderen Leuten, mit denen ich mich darüber unterhalten habe – sehr albtraumhaft vor, ein wenig märchenhaft. Es geht stark um dieses magische Denken des Kindes. Ich fand die Szenarien, die da beschrieben werden, auch monströs auf eine Art. Deswegen haben wir diese Form ausgewählt. Wenn es da um die Warzen geht, die dem Kind brutal entfernt werden oder dieser Konflikt, sich einem Geschlecht zuordnen zu müssen, dann sind das durchaus existentielle Nöte, die sehr beängstigend wirken. Die Horrorelemente sind der Versuch, das auf der Bühne so umzusetzen, dass es eine alptraumhafte Kindheit war, was diese Konflikte angeht.

Im Bühnenbild habe ich viele strenge Formen und Symmetrie gesehen, teilweise auch eher blasse Farbgebung, beides in starkem Kontrast zu dem bunt-glitzernden Kleid des Erzähler*innen-Chores und seiner wuchernden Sprache. Eine Art von Dualität also, in einem Text und einem Stück, in dem es auch um fließende Grenzen geht.

Jan Friedrich: Die Kostüme sind inspiriert von dem, was Kim de l’Horizon zur Buchpreisverleihung getragen hat. Diese Farbigkeiten waren der Versuch, für jede literarische Form – und das Buch bietet sehr viele verschiedene literarische Formen an – szenisch etwas möglichst anderes zu finden. Deswegen ist bei der Oma in der Küche alles grau angemalt. Die Kindheit ist märchenhaft und in diesem vom Buch-Cover inspirierten Blau-Rot gehalten. Wir haben uns da nicht so viel Gedanken gemacht, ob das jetzt am Ende nach Dualität aussieht. Jedenfalls war das nicht das erzählerische Ziel. Das Bühnenbild in der Grundform – das verändert sich ja auch – ist erst einmal eine weiße Leinwand, auf der dann alles mögliche stattfinden kann. Deswegen wirkt es vielleicht erst einmal so streng. Aber darum ging es uns nicht. Wir wollten eine möglichst große Projektionsfläche, also auch ein Bühnenbild, mit dem man viele verschiedene Dinge machen kann.

Das Gespräch führte Jan Fischer.

Jan Friedrich, geboren 1992 in Lutherstadt Eisleben, studierte Zeitgenössische Puppenspielkunst an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin. Er arbeitet als freier Autor, Bühnen- und Kostümbildner und Regisseur. Seine Theaterstücke wurden am Schauspiel Hannover und am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt, als Regisseur arbeitete er u. a. am Staatstheater Kassel, am Schauspiel Hannover, dem Staatstheater Mainz, am Schauspiel Dortmund, dem Theater Magdeburg, der Schauburg München, sowie dem Theater Oberhausen. Seine Mannheimer Inszenierung von Goethes "Faust" war für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST 2017 nominiert, mit "Frühlings Erwachen", das er an der Münchner Schauburg inszenierte, war er zum Festival Augenblick mal! 2019 nach Berlin eingeladen. 2023 war seine Magdeburger "Woyzeck"-Inszenierung beim Radikal Jung Festival in München zu sehen. "Blutbuch" ist eingeladen zum Radikal Jung Festival, zum Theatertreffen und zum Heidelberger Stückemarkt.

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