Goldschatz in der Frittenbude

Fabienne Dürs Erstlingwerk "Gelbes Gold" konkurrierte 2021 um den Autor*innenpreis. Jetzt kehrt die lebenspralle Glückssucher-Geschichte in der Nachspiel-Inszenierung von Malin Lamparter zum Stückemarkt zurück, mit tänzelnden Pommes und einer unkonventionellen Provinz-Familiengeschichte. Mehr von Georg Kasch.

3. Mai 2025. Wie sympathisch können Pommes sein? Man liebt sie ja eh schon, diese Mischung aus Stärke und Fett, die immer auch ein bisschen nach Schwimmbad-Sommer schmeckt. Hier aber tänzeln sie auch noch gut gelaunt in XXL um die Ecke, lächeln verschmitzt, schlenkern mit Beinen und Armen. Kein Wunder, dass Fritz irgendwann singt: "Pommes sind okay".

Fabienne Dürs "Gelbes Gold" vom Stadttheater Gießen © Christian Schuller

Dieser Fritz tüftelt schon seit Jahren in seiner Frittenbude nicht nach okayen, sondern den perfekten Pommes. Währenddessen geht um ihn herum in der Provinz, zwei Autostunden von der Metropole entfernt, alles den Bach runter. Die Leute ziehen weg, und für das, was kommt – ein Outlet-Center –, werden die nahezu leeren Plattenbauten abgerissen. Die letzten Mieter müssen raus, darunter Fritz und Mimi. In diese Tristesse platzt Ana, Fritz' Tochter, die in der großen Stadt studiert und entsprechend argwöhnisch beguckt wird: Ist sie etwa was Besseres?

Große Glückssuche

Was zunächst halbwegs deprimierend klingt, hat durchaus Humor in Fabienne Dürs Stück "Gelbes Gold". Ihr Erstlingswerk war 2021 Teil des Autor*innen-Wettbewerbs beim Heidelberger Stückemarkt. Jetzt ist es als Produktion des Stadttheaters Gießen im Rennen um den Nachspielpreis.

Dürs Stück hat unbestreitbare Qualitäten. Zwar ist die Grundidee – dass jemand zurück an den Ort seiner Kindheit geht und sichtbar macht, was sonst im Alltäglichen verborgen bleibt – nicht neu. Allerdings hat Dür für ihre Geschichte Figuren geschaffen mit Ecken und Kanten, die einem alle ans Herz wachsen. Man versteht, warum Fritz sich in seine Suche nach den perfekten Fritten in den Rausch schuftet wie einst die Goldsucher im Westen Amerikas (darauf spielt ja auch der Titel an). Man begreift, warum Fritz' Geliebte und Mitarbeiterin Mimi mit diesem Wahn hadert und eine viel pragmatischere Vision von Glück hat (eine Wohnung mit Balkon zum Beispiel). Man ahnt auch, was Juli umtreibt, die nach der Schule im Dorf geblieben ist, als Kindergärtnerin arbeitet und ihre Sehnsucht mit Affären und Schnaps zu beruhigen versucht.

Nur Ana, die aus der Stadt zurückkommt, kurz vorm Abschluss das Studium abbricht und im Dorf eine andere Art von Sinn zu suchen scheint, bleibt zunächst rätselhaft. Ist sie nur Katalysator für die anderen, die erst durch die Begegnung mit ihr in die Pötte kommen? Oder findet sie hier auf dem Land wirklich den "Rahmen", den ihrem Vater zufolge jeder Mensch braucht?

  Auf der Suche nach den perfekten Pommes, nein, der Glückformel in Fabienne Dürs "Gelbes Gold" © Christian Schuller

Ihre Gießener Inszenierung geht Regisseurin Malin Lamparter zunächst angenehm leichtfüßig an. Ironisch tänzeln die Pommes über die Bühne und drehen Kati Stubbes Quader weiter, der auf jeder Seite einen anderen schmalen Raum öffnet (oder hinter Lamellen-Vorhängen verbirgt): Pommesbude, Wohnzimmer, Gold-Tresor. Der Witz: Alles ist aus Pappe, also von comichaft gezeichneter Künstlichkeit. Das gilt übrigens auch für die vier Personen: Gelbgold und weiß sind sie bis in die blonden Haarspitzen; nur Ana trägt anfangs noch ein transparentes violettes Oberteil, das aber bald am Haken landet.

Beharrlich bleiben

Allerdings verliert der Abend irgendwann an Drive. Statt hier und da zu streichen, fügt Lamparter noch zwei retardierende Lieder ein. Die bösen Zungen aus dem Ort, eigentlich kraftvolle Lästerchor-Zuspitzungen, die die Enge des Landlebens treffend umreißen, verpuffen hier als seltsam unfokussierte Einzelstimmen vom Band. Und die Künstlichkeit des Settings droht irgendwann die Geschichte zu ersticken.

Dagegen kommen auch die Spielenden nicht so richtig an. Anfangs schaut man Nina Plagens gerne dabei zu, wie sie als Ana fremd in den viel zu engen Räumen steht und alle nervös macht. Oder Dascha Ivanovas Juli dabei, sich erst wütend, dann zögerlich auf Ana als mögliches Liebes-Gegenüber einzulassen. Oder Carolin Webers Mimi, weil die schön ambivalent bleibt zwischen Sehnsucht und innerer Enge. Roman Kurtz' Fritz tritt währenddessen auf der Stelle. Aber wo soll er auch hin?

In dem Moment, in dem die Konflikte auf dem Tisch liegen, beginnt der Abend zu stagnieren. Man freut sich für die Auswege und Lösungen für Juli und Mimi, wundert sich ein wenig über die störrische Beharrlichkeit von Ana und Fritz. Aber so richtig berührt einen die Geschichte nicht. Bis auf die tanzenden Pommes.

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Gelbes Gold
von Fabienne Dür
Regie: Malin Lamparter, Bühne und Kostüme: Kati Stubbe, Dramaturgie: Abhinav Sawhney.
Mit: Dascha Ivanova, Roman Kurtz, Nina Plagens, Carolin Weber.
Premiere am 26. Januar 2024
Dauer: 1 Stunde und 40 Minuten, keine Pause

www.stadttheater-giessen.de