Pommes sind für alle da

März 2025. Eine junge Frau kehrt zurück in den Ort ihrer Kindheit – und verändert mit ihrem Blick alles: In Fabienne Dürs "Gelbes Gold" geht es um die großen Lebensfragen und die perfekten Pommes. Malin Lamparter hat das Stück in Gießen nachinszeniert und plädiert entschieden für zeitgenössische Texte.

Ein Gespräch mit Malin Lamparter

Fabienne Dürs "Gelbes Gold" in der Regie von Malin Lamparter am Stadttheater Gießen © Christian Schuller

Malin, fangen wir mal mit den Basics an: Fritten oder Currywurst?

Malin Lamparter: Fritz (eine der Figuren aus "Gelbes Gold" Anm. der Red.) würde sagen: "Sag nicht Fritten, das klingt hässlich!" Aber eine Portion gute Pommes Frites kann man eigentlich kaum toppen.
 
Womit wir schon mitten im Stück von Fabienne Dür wären. Der Handlungsort ist eine Pommesbude an einem nicht näher definierten Stadtrand. "Gelbes Gold" lautet der Titel, der die Trostlosigkeit des Orts überspielt. Wie bist Du auf den Text gekommen?

Malin Lamparter: Ich habe das Stück noch während des Studiums im Kurs "Neue Dramatik" gelesen, und war dabei gleich zu den liebevoll gezeichneten Figuren hingezogen. Tatsächlich haben wir 2021 alle Stücke gelesen, die in diesem Jahr beim Heidelberger Stückemarkt nominiert waren – jetzt fahren wir zum Nachspielpreis, so schließt sich der Kreis.
 
Warum hast Du den Text für Deine Abschlussinszenierung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt ausgewählt?

Malin Lamparter: An der Hochschule gibt es die Möglichkeit, die Abschlussproduktion in Kooperation mit einem Theater der Hessischen Theaterakademie zu machen, wenn man ein Theater für die Zusammenarbeit findet. Ich habe schon lange ein großes Interesse an Neuer Dramatik und habe mit dem Theater Gießen ein Haus gefunden, das seinen Schwerpunkt ebenfalls in diesem Bereich sieht. Gemeinsam haben wir uns dann nach einem passenden Stück umgesehen. „Gelbes Gold“ fand ich seit dem Seminar 2021 interessant und konnte es mir besonders in Gießen gut vorstellen. Am Haus waren ebenfalls alle begeistert und wir konnten uns ganz schnell auf den Stoff einigen. 

Was hat Dich am Stück mehr interessiert: Dürs zarte, lakonische Sprache oder die Handlung?

Malin Lamparter: Ich mochte die Art, mit der die Figuren einfach und gleichzeitig vielschichtig beschrieben wurden. Es gibt eine Liebe für alle vier Figuren und aus den Konstellationen ergibt sich ganz unaufwändig die Handlung. Dabei werden im Kleinen plötzlich alle großen Fragen relevant. Vielleicht ist es also die Mischung aus Sprache und Setting.

Identität und Vertreibung sind Themen des Stücks, aber auch Klassismus, Homosexualität, Perspektivlosigkeit, Armut und Frust. Wie bist Du vorgegangen, um zu verhindern, dass aus dem Text keine Tragödie wird?

Malin Lamparter: Mich interessiert generell das Spannungsfeld aus einem humoristischen Ansatz und ernsten, gesellschaftlich relevanten Themen. Wenn einem das Lachen im Hals stecken bleibt, entstehen für mich die größten Erkenntnisse. Wir hatten auf den Proben viel Spaß, gerade im Umgang mit tanzenden Pommes und der immer wieder auftretenden Comic-haften Übertreibung der Inszenierung. Am Ende haben wir versucht allen Bereichen Raum zu geben.

In Deiner Inszenierung steht der von allen Seiten bespielbare Kubus von Katie Stubbe im Zentrum …


Malin Lamparter: Uns war klar, dass die Figuren in ihrem Umfeld „gefangen“ sind, dass es keine Möglichkeit gibt aus der Umgebung einfach auszusteigen. Gleichzeitig war uns wichtig zu zeigen, dass die dargestellte Welt nach ihren ganz eigenen Regeln funktioniert, dass es eben keine realistische, „funktionale“ Welt ist, sondern eben eine Welt in 2D – eine, die immer etwas platter wirkt, in der man auf eine gewissen Umrandung festgenagelt bleibt. Tiefe ist schwierig zu entwickeln, weil alles an der fettigen Oberfläche kleben bleibt. Diese Welt haben wir in einem kleinen, abrissgefährdeten Plattenbau angesiedelt, der quasi „abgehängt“ im Bühnenraum kreist – angeschoben nur von den beiden Pommes-Statist*innen, die der Welt ihre Beweglichkeit und Dynamik verleihen.

HD25 Nachspielinterview Lamparter Gelbes Gold 2 CChristian Schuller u InstaDie Pommes-Statistinnen © Christian SchullerWeil Du es gerade ansprichst: Wie bist Du auf die beiden Pommes-Statist*innen gekommen?

Malin Lamparter: Die Pommes-Statist*innen haben sich aus dem Bühnenbild ergeben und stehen in enger Verbindung mit Fritz' manischer Vorstellung davon, dass das perfekte Pommes-Rezept all seine Probleme lösen kann. Für Fritz sind die Pommes das, was ihn am Leben hält, das, was die Welt weiterdreht. Genau diese Begeisterung und Manie, die schließlich auch in einer Art Selbstzerstörung endet, wollten wir mit den Pommestüten bildlich auf die Bühne bringen und zeigen, welcher wortwörtliche Antrieb hinter der Welt steckt.

Hast Du Dir vor Probenbeginn die Uraufführung von Tobias Schilling in Kassel angesehen?

Malin Lamparter: Ich habe die Uraufführung nicht gesehen. In der Anfangszeit der Entwicklung habe ich mich kurz mit der Inszenierung beschäftigt und gesehen, dass eher mit einem realistischen Ansatz gearbeitet wurde. In meinem Team war uns sehr schnell klar, dass wir in der Inszenierung einen etwas abstrakteren Ansatz wählen wollen. Da der Unterschied zur Uraufführung damit klar schien, wollte ich mich erstmal auf die eigene Fantasie und den Text verlassen – nach dem Ende des Probenprozesses würde es mich aber sehr interessieren zu sehen, was andere Menschen in den Figuren gesehen haben.

War Deine Entscheidung für die "Zweit-Inszenierung" Absicht? Oder hättest Du lieber die Uraufführung inszeniert?

Malin Lamparter: Ich habe mit Absicht einen bereits uraufgeführten Text gewählt. Bei einer Uraufführung, davon durfte ich jetzt letzte Woche am Berliner Ensemble mit „Always Carrey On“ meine zweite inszenieren, habe ich persönlich noch eine stärkere Bindung an den Text – ich möchte dem Text gerecht werden und ihn möglichst so wie intendiert auf die Bühne bringen. Für die Abschlussinszenierung meines Regiestudiums fand ich es aber schön, nach einem Inszenierungsansatz zu suchen, der mehr um die Ecke denkt und dabei etwas freier mit dem Material umgehen zu können. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht, und ich halte das gerade für die Kombination aus Regietheater und Neue Dramatik für einen wichtigen und schönen Ansatz.

Was können zeitgenössische Texte im Gegensatz zu Klassikern?

Malin Lamparter: Neue Dramatik kann ganz andere Anknüpfungspunkte an unser reales Leben bieten, ohne dass ich den Text extra uminterpretieren muss. Als Regisseurin muss ich nicht überkommene Weltbilder ins Heute transferieren, sondern kann viel näher am Hier-und-Jetzt bleiben – weil die Figuren so handeln dürfen, wie wir es heute fühlen.

Und was können Pommes, was eine Currywurst nicht kann?

Malin Lamparter: Pommes sind für alle da. Wenn man eine Portion bestellt, kann man sie super in einer Gruppe teilen, jeder kann sich ein paar klauen und am Vergnügen teilhaben – egal ob vegan oder nicht, hungrig oder nur mit ein bisschen Appetit. Fast jede*r verträgt Pommes, fast alle mögen sie. Das perfekte Essen, um zusammen zu kommen und dabei alle Menschen mit einzuschließen.

Interview: Katrin Ullmann

Malin Lamparter studierte Schauspielregie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main. Ihre Produktion "Stolz und Vorurteil oder wie Bärchen alle Tiere vor der Flutwelle rettete" wurde zum Plug&Play Festival des Staatstheaters Mainz eingeladen. "Gelbes Gold" war 2024 ihre Abschlussinszenierung am Stadttheater Gießen. Malin Lamparter arbeitet als Teil des Citizen.KANE.Kollektivs auch in der freien Szene. In der Spielzeit 2024/2025 ist sie Stipendiatin im Rahmen des internationalen Residenzprogramms für junge Regie WORX am Berliner Ensemble.


Zurück zur Übersicht.