Anleitung zum Selbst-Empowern

März 2025. Laura Naumanns Monolog "Nicht mein Feuer" entstand ursprünglich als Auftragswerk des ITZ Tübingen. Jette Büshels Zweitinszenierung am Theater Bielefeld mit Hauptdarstellerin Christina Huckle verwandelt das Stück in ein ziemlich lässiges DJ-Set, das den Zuschauer*innen ganz nah kommt. 

Ein Gespräch mit Jette Büshel

Laura Naumanns "Nicht mein Feuer" in der Regie von Jette Büshel am Theater Bielefeld © Philipp Ottendörfer

In "Nicht mein Feuer" geht es um eine Alleinunterhalterin, die reiche Menschen mit guter Laune versorgt – vor allem Stefan, einen erfolgreichen Macher mit viel Geld und beharrlicher Fossilorientierung. Die Ich-Erzählerin crasht die Party, klettert auf einen Baum, spricht unbequeme Wahrheiten aus. Jette Büshel, was hat Sie zum Nachspielen des Textes bewogen?

Jette Büshel: Die Autorin Laura Naumann ist mit dem Theater Bielefeld schon lange verbunden. Sie kennt auch die Hauptdarstellerin Christina Huckle gut und dachte beim Schreiben sogar an sie.

Haben Sie die Uraufführung am Zimmertheater in Tübingen gesehen?

Jette Büshel: Nein, ich habe nur Fotos gesehen und den Trailer.

Ist es befreiender, eine Zweitaufführung zu machen, weil auf einer Uraufführung sehr viel Druck liegt?

Jette Büshel: Ja. Man kann mit dem Text viel freier umgehen. Bei Uraufführungen kann es schwierig sein, auch nur einen Satz wegzustreichen.

In Ihrer Inszenierung ist sogar ein ganzer Abschnitt gestrichen worden: der Monolog von Stefan, der seinen Partygästen seine rechtskonservativen Ansichten serviert.

Jette Büshel: Der Text ist sehr heutig – und dennoch hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass die Zeit auch über ihn hinweggegangen ist. Vielleicht auch, weil ich noch jünger bin als die Autorin. Es war cool, dass sie uns freie Hand gelassen hat. Und sich eher gefreut hat, zu sehen, wie der Text durch uns hindurchgegangen ist.

Ich hatte den Eindruck, dass die Kürzung eine gute Art von Verfremdung bewirkt, eine Art von Überzeitlichkeit. Wie aktuell ist dieses Stück aus dem Jahr 2022 im Frühjahr 2025, in der sich die Krisen der Welt durch den neoliberalen Rollback noch viel krasser anfühlen als es die Hauptfigur jemals ahnen konnte?

Jette Büshel: Es geht im Stück für mich nicht so sehr um die Welt in einer spezifischen Krise, sondern eher um das Gefühl der Figur. Mein liebster Moment beim ersten Lesen war: Ich mache den Kühlschrank auf – und finde auch da keine Antwort auf meine Fragen. Da habe ich mich wie ertappt gefühlt. Das mache ich auch zehnmal am Tag, wenn ich zuhause bin und nicht weiter weiß. Dieses Gefühl der Überforderung: Die Welt ist zu viel. Wie verhalte ich mich dazu, dass ich nicht zufrieden bin mit meinen Entscheidungen? Meinen unrealistischen Ansprüchen an mich selbst? Als wer gehe ich in die Welt, was kann ich, was möchte ich? Was mich an diesem Stück viel mehr interessiert hat als die Frage, ob der Kampf gegen Klimawandel und fossile Beharrung möglich ist: wie man mit der Angst vor der eigenen Machtlosigkeit umgeht.

Christina Huckle © Philipp OttendörferWie kam die Idee zustande "Nicht mein Feuer" als DJ-Set und mit einem Soundtrack zu inszenieren? Es gibt ja auch eine Spotify-Liste dazu, es sind sehr schöne Tracks dabei.

Jette Büshel: Mittlerweile ist sie nicht mehr ganz aktuell, denn Christina Huckle hat das Auflegen nach unserer Inszenierung zu ihrem Hobby gemacht und lässt immer neue Stücke einfließen. Der Vorschlag kam eigentlich vom Musiker Fiete Wachholtz. Glaubst du, wir kriegen das hin?, habe ich ihn erstmal gefragt. Na klar, sagte er, es wird aber dazu führen, die Proben aufzuteilen: Vormittags arbeiten wir szenisch, abends muss Christina das Auflegen üben. Das war viel Arbeit für sie. Ich fand es für einen Monolog aber eine sehr gute Arbeitsweise.

Die Alleinunterhalterin im Stück wirkt verloren, eine Existenz außerhalb der bürgerlichen Kategorien. Sollte sie als DJ rebellischer und aktivistischer wirken?

Jette Büshel: Ja. Noch stärker wird dieser Eindruck dadurch, dass das Publikum in U-Form quasi mit auf der Bühne sitzt. Ich habe das Überperformende einer Alleinunterhalterin in diesem Raum nicht gesehen. Zugleich war es mir wichtig, dass sich das Publikum mit dem Inhalt des Stücks auseinandersetzt, sich identifiziert mit den verschiedenen Positionen. Ich suche ohnehin gerne nach Formen, die sich nach meiner Abreise noch weiterentwickeln können, und wenn es nur eine Stimmung ist, die zur gesellschaftlichen Lage passt. Eine Melancholie wie im Moment zum Beispiel. Und deshalb hat Christina auch die Freiheit, die Tracks nach und nach auszutauschen.

Die Hauptfigur sucht nach Handlung und Aktion in einer satten Gesellschaft, die dazu nicht mehr in der Lage ist und das Weiter-So zelebriert. Stefan ist ziemlich plakativ ein Voll-Fossil-Spätkapitalist. Reicht da Widerstand durch Musik oder eine Party-Ansprache aus?

Jette Büshel: Historisch und traditionell ist Musik widerständig. Wir singen auf Demos, gerade wurde im Weißen Haus "Les Misérables" gesungen. Zugleich ist sie eine Möglichkeit, Dinge zu sagen, die man sonst nicht sagen darf, eine Umgehung von Zensur. Am Anfang haben wir noch überlegt, ob wir Zitate zwischen die Musik legen, das aber wieder fallengelassen. Ich bin davon überzeugt, dass Musik unbewusst Widerstand in die Köpfe ihrer Zuhörer bringen kann.

Ist das nicht viel zu wenig im Angesicht dessen, wie viel Widerstand momentan eigentlich geleistet werden müsste?

Jette Büshel: Einerseits schon – andererseits nicht. Für die Figur ist es in diesem Moment das, was sie machen kann. Sie spricht damit aus, was sie wirklich sagen will. Für den Widerstand sind gerade die kleinen Dinge wichtig. Wenn ich etwa Musik von weiblichen Künstlerinnen höre oder ins Theater gehe und mir mehr weibliche Regisseurinnen anschaue. Das verändert vielleicht nicht die Welt – aber ich merke für mich selbst, dass ich etwas mache, und das ist wiederum wichtig für die großen Dinge.

Was bedeutet es für Sie, mit der Inszenierung zum Nachspielpreis des Heidelberger Stückemarkts nominiert zu sein?

Jette Büshel: Für mich bedeutet es vor allem, dass ich meine Arbeit anderen Menschen zeigen kann und meinen Radius erweitere. Leute in meinem Alter, die den Regieberuf beginnen, merken gerade stark, dass die Kürzungen im Theater angekommen sind. Viele Projekte an kleineren Spielstätten fallen zur Zeit weg. Von Theatern werden eher Namen geholt, die als sichere Bank gelten – anstatt dem Regienachwuchs eine Chance zu geben.

Wie sind Sie überhaupt zum Regieberuf gekommen? Und wie läuft es so als Frau?

Jette Büshel: Ich bin in Hildesheim geboren, eine Studentenstadt, in der man auch Szenisches Schreiben studieren kann. Theater war da schon immer präsent. Meine Eltern hatten ein Theater-Abo. Dann habe ich klassisch im Theater-Jugendclub gespielt und Impro-Theater gemacht. Ich war auch in der Schule in einer Musik-Spezialklasse – die Künste haben mich immer schon interessiert. Ich habe dann ein FSJ Kultur gemacht, am Schauspiel Frankfurt, das war eine kleine Falle, denn eigentlich war es eine echte Regieassistenz.

Da hat das Theater ja richtig Geld gespart.

Jette Büshel: Es war schon wild, mit 18 Jahren an so einem großen Haus so viel Verantwortung zu übernehmen. Aber es war auch magisch und ich habe alles mitgemacht. Nach einem Jahr war ich so erschöpft, dass ich eine Pause brauchte. In Hamburg habe ich erstmal Geschichte und Philosophie studiert – und dann aber doch freie Assistenzen gemacht. Ich hatte Glück, an coole Leute zu kommen. Sie haben mich bestärkt, in den Bereich Regie zu gehen.

Woran haben sie Ihr Talent bemerkt?

Jette Büshel: Ich glaube es war die Art, wie ich zugesehen habe, beobachten und beschreiben konnte. Und mein Wille, einzugreifen. Ich konnte schon immer gut Gruppen anleiten – und an meine Launen anpassen. Als ich mich entschied, mich an Regieschulen zu bewerben, war nur noch die Frist in Frankfurt offen. 2018 begann ich mein Studium. Ich hatte da einen tollen Jahrgang – aber ich hatte auch viel damit zu tun, die Strukturen an der Schule zu ändern und dafür zu sorgen, dass der damalige Leiter in "Rente" geht. Das war eine harte Zeit. Ich habe viel gelernt – über Strukturen, aber auch über die Umstände, in denen ich gerne arbeiten möchte.

Ist es leichter als Frau zu inszenieren, seitdem es die Theatertreffen-Quote gibt?

Jette Büshel: Es hat sich wirklich sehr viel verändert. Damit kommt zugleich aber auch Gegenwind. Oft sagen mir Männer: Ich krieg jetzt keinen Job, weil gerade nur noch Frauen gefragt sind. Allerdings ist es jetzt ja wirklich nicht so, als würden nur noch Frauen inszenieren… Und oft ist es eben immer noch so, dass Frauen eher auf kleinen als auf großen Bühnen inszenieren. Da ist noch viel Luft nach oben. Für mich war die Einführung der Frauenquote beim Theatertreffen wie ein positiver Ausblick auf eine Zukunft: zu wissen, dass es Frauen gibt, die bis ins hohe Alter Regie machen, oder es machen, obwohl sie eine Familie haben. Das finde ich als junge Regisseurin wichtig zu sehen.

Interview: Dorothea Marcus

Jette Büshel ist Jahrgang 1996 und lebt in Frankfurt. Sie studierte Geschichte und Philosophie und begann nach etlichen Regieassistenzen sie mit ihrem Regiestudium an der HfMDK Frankfurt selbst zu inszenieren. 2022 wurde iIhre Inszenierung "Kleiner Mann – was nun?" zum Körber Studio junge Regie eingeladen, 2024 schloss Büshel ihr Studium ab. Sie inszenierte am Künstler*innenhaus Mousonturm, dem Hessischen Landestheater Marburg, der Staatsoper Kassel, am Theater Bielefeld, dem DT Göttingen oder dem Theater in Halle.


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