Politische Anorexie

Überforderung, Druck, Sprachlosigkeit – "Ein gutes Jahr" von Xu Hongchang ist ein düsteres Stück über den Familienalltag in China, dessen erst bei den Endproben in Heidelberg entwickelte Schärfe die politischen Dynamiken in China offenlegt.

Von Georg Kasch

Inspirationen zu "Ein gutes Jahr" © Xu Hongchang Inspirationen zu "Ein gutes Jahr" © Xu Hongchang

5. Mai 2025. Zack, zack, zack, so hackt das Messer die Kräuter ins Brett. Dazu zischt Öl im Wok überm Gasherd, klappern Löffel in den Schüsseln, zieht der Duft von Gebratenem ins Publikum. Und es sieht ja auch aus wie in einer Fernseh-Küche: Pak Choi und anderes Gemüse stehen aufgereiht neben dem glänzenden Reiskocher auf der gepflegten Arbeitsplatte.

Die Küche ist das Reich der (namenlosen) Mutter in der kleinen Familienkonstellation, die das Rückgrat bildet für Xu Hongchangs Stück "Ein gutes Jahr". Nach dem Unfalltod ihres Mannes hat sie Sohn Mingxi und Tochter Tongtong alleine großgezogen, dafür Opfer gebracht. Entsprechend groß ist jetzt ihr Unverständnis, dass Mingxi mit dem Staat hadert und Tongtong unter der Last ihres Studiums und ihrer Forschung an der Elite-Uni zu zerbrechen droht – sogar ihre Menstruation hat ausgesetzt.

Nicht mal das Essen kann die drei mehr zusammenführen. Das liegt einerseits daran, dass nie alle drei an einem Ort sind, aber dennoch miteinander sprechen können (ob via Telefon oder weil im Theater alles möglich ist, bleibt unklar). Andererseits haben beide erwachsenen Kinder gravierende gesundheitliche Probleme – Druck und Stress führen dazu, dass sie kaum mehr etwas herunterbekommen.

Gesellschaftliche Konflikte auf karger Bühne

Vor diesem Hintergrund wirkt Xu Hongchangs Regiekonzept schlagend: Es gibt hinten mittig die Kücheninsel, auf der Schauspielerin July gleich zwei verschiedene Gerichte zubereitet. Es gibt den Tisch mit drei Stühlen links. Und es gibt einen Stuhl rechts. Mehr braucht es nicht, um dieses Debattenstück in Gang zu setzen.

Ein gutes Jahr reading4Leseprobe von "Ein gutes Jahr", dessen 1. Akt in Heidelberg als veritable Inszenierung herauskam. © Xu Hongchang

Eigentlich war "Ein gutes Jahr" als szenische Lesung angekündigt worden. Was hier aber in einer Woche Probenzeit entstanden ist, wirkt wie eine fertige Inszenierung: das sparsame, aber detailreiche Bühnenbild ebenso wie die Abwesenheit von Textbüchern. Und dass die Spielenden eher aneinander vorbeisprechen, statt einander direkt zu adressieren, scheint so gewollt zu sein.

Dass die Produktion beim Heidelberger Stückemarkt eine veritable Uraufführung geworden ist, liege am Geld, dass sie in China nicht hätten, erzählt Xu Hongchang, Autorregisseur und Darsteller des Mingxi, im Nachgespräch. Was er nicht sagt, aber deutlich wird, allein in seinen Auslassungen: So, wie es sich jetzt präsentiert, könnte es dort nie aufgeführt werden. "Ein gutes Jahr" ist eine furiose Abrechnung mit dem politischen System in China.

Die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen

Auch Han Jings Gewinnerstück des Internationalen Autor*innen-Wettbewerbs, "Vierundzwanzig Stunden vor Neujahr werden wir des Lebens müde", erzählt ja von den Konflikten, dem Unverständnis, der Sprachlosigkeit zwischen den Generationen einer Familie. Aber Xu Hongchang hat zum einen stilistisch einen durchaus politischen Widerhaken eingebaut: Die Mutter spricht Kantonesisch und wechselt immer dann ins "Hochchinesisch" oder Mandarin, wenn sie die Parteidoktrin zitiert. Diese Karriere-Sprache nutzen auch die Kinder untereinander – Ausweis einer linguistischen Verarmung, weil Sprache "Gedächtnis ist und Erinnerung, Rhythmus und Musik", wie der Autor im Nachgespräch betont.

Zum anderen wird Xu Hongchang inhaltlich wesentlich deutlicher als Han Jing, wenn er den Jurastudenten Mingxi das Rechtssystem des Landes kritisieren und die Daten von Maos Kulturrevolution aufsagen lässt, die in 30 Millionen Hungertoten mündete. Selbst die Hingabe, mit der sich Tongtong dem Druck im Wissenschaftsbetrieb aussetzt, lässt sich als Gesellschaftskritik lesen. Einerseits empfindet Tongtong Wissen als sichereres Gebiet, weil Naturgesetze nicht diskutierbar sind. Andererseits löscht sie sich beim Versuch, zum Wohle des Staates "Forschungsergebnisse von Weltrang" zu liefern, beinahe selbst aus. Zugleich ignoriert Tongtong die militärische Nutzung ihrer idealen Gruppenantenne, wie ihr Bruder ihr vorwirft.

Warum ihre Mutter darauf nur mit Reflexen reagiert wie "Reiß dich zusammen" oder "Wir hatten früher auch Stress"? Weil sie selbst die Folgen der Kulturrevolution überlebt hat und weiß, wie Hunger sich anfühlt. Auch deshalb kocht sie die ganze Zeit, versteht nicht, warum ihre Kinder immer dünner werden, drängt sie in "sichere" Berufe im Beamtentum und in der Wissenschaft. Was für Schauspielerin July heißt: meckern, mäkeln, keifen.

Viel Düsternis und vielleicht eine Versöhnung?

Das ist schon viel harter Tobak, und auf die Dauer ist all das Leiden, sind die gegenseitigen Vorwürfe und der Versuch Mingxis, wenigstens seine Schwester zu retten, doch etwas viel der Düsternis. Im zweiten Akt, den man im Foyer auf Nachfrage in Papierform erhält, wird das auch erst mal nicht besser: Es geht um Rechtsbeugung, Folter, Suizid, um Scheitern in der Forschung und im Leben. Am Ende immerhin deutet sich so etwas eine Versöhnung der Generationen an – die aber (das bleibt offen) an der allgemeinen Sprachlosigkeit scheitern könnte. Trotz all der vielen Worte.

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Ein gutes Jahr
von Xu Hongchang
Regie und Bühne: Xu Hongchang, Musik: Cai Jiangge, Xu Jinshen, Übersetzung Übertitel: Lennart Riedel.
Mit: Cai Jiangge, Sun Qi, Xu Hongchang, Xu Jinshen, July.
Uraufführung (1. Akt) am 4. Mai 2025
Dauer: 1 Stunde, keine Pause