Gastland China – Der internationale Autor*innenwettbewerb
Aufruhr ums Neujahrsfest
Drei Stücke traten im Gastlandprogramm im Wettbewerb um den internationalen Autor*innenpreis an. Am Ende gewann das Stück der Dramatikerin und Regisseurin Han Jing, die von einem Familien-Neujahrsfest aus den unterschiedlichen Perspektiven der vier Kinder erzählt.
Von Verena Großkreutz
5. Mai 2025. Wie schafft man es, in einem Land Theater zu machen, in dem Menschenrechte wie Meinungs- oder Pressefreiheit durch den Parteistaat stark eingeschränkt werden? In dem einem die Worte im Mund schnell herumgedreht werden und einem zum Verhängnis werden können? Dass China ein Land mit einer großen, vielfältigen Theaterszene aus staatlichen, privaten und unabhängigen Theatern ist, hat sich in den Gastspielen beim Stückemarkt in einem winzigen Ausschnitt zeigen können.
Autorin Han Jing © LI jinglu
Die Theatermacher*innen haben ganz unterschiedliche kreative Strategien entwickelt, mit dem politischen Druck umzugehen – zeigen etwa in Neuinterpretationen historischer Stoffe oder in literarischen Adaptionen Parallelen zum Heute. Der Rückgriff auf die Geschichte hilft dabei, politische Inhalte durch die Genehmigungsverfahren zu bekommen.
Und wie wurden diese Hürden beim Internationalen Autor*innenwettbewerb genommen, in dem wie jedes Jahr drei Stücke von Dramatiker*innen des Gastlands in szenischen Lesungen vorgestellt wurden? Es traten an: Han Jing mit ihrem großen Familienepos "24 Stunden vor Neujahr werden wir des Lebens müde", Chu Xia mit " Schattenfangen", einer märchenhaften Allegorie über Machtstrukturen, sowie Chan Ping Chiu mit "Zugvögel", einem Episodenstück, in dem aus Hong Kong geflüchtete Menschen im Fokus stehen.
Unglücklich zu sein ist die Erbkrankheit unserer Familie
"Vierundzwanzig Stunden vor Neujahr werden wir des Lebens müde" der Dramatikerin und Regisseurin Han Jing (*1999) handelt von einer Großfamilie auf dem Lande und ihren Generationenkonflikten. Es spielen mit: drei Schwestern und ihre Ehepartner sowie ihr jüngster Bruder, die alle noch in ihrem Heimatdorf leben und dort regelmäßig zusammenhocken. Auf der anderen Seite ihr erwachsener Nachwuchs: drei Töchter und ein Sohn, die aus unterschiedlichsten Gründen der Provinz entflohen sind. Die Neujahrsfeier, die jedes Jahr Eltern und Nachwuchs im Heimatdorf zusammenbringt, wird im Stück erstmals von den vier Kindern boykottiert. Man sagte unter fadenscheinigen Gründen ab.
In vier von fünf Teilen des vielschichtigen, formal raffiniert gebauten Werks, in dem es der Autorin gelingt, poetische Komplexität mit lakonischer Sprache zu verbinden, wird das aktuelle Neujahrsfest aus den unterschiedlichen Perspektiven der vier Kinder erzählt – fiktiv also, da sie ja nicht anwesend sind, aber gespeist aus den zahlreichen Erinnerungen der vergangenen Jahre. Die Gespräche der am Tisch versammelten Eltern, Tanten, Onkel, werden immer wieder kommentiert von den eigenen Gedanken, zudem gibt es Telefonate zwischen den Generationen.
Deutlich wird nach und nach, dass die Lebens- und Erfahrungswelten der Generationen weit auseinanderklaffen. Die Tischgespräche der älteren Generation prägen Klagen über die eigene gescheiterte Existenz, über ihre diversen Krankheiten, melancholische Erinnerungen an vergangene, vermeintlich bessere Zeiten, das Festhalten am Mythos der glücklichen Familie. Kommt es zum Gespräch mit oder über die Kinder, zeigen die Alten weder Interesse noch Einfühlungsvermögen in die Sorgen der Kinder, fragen nicht nach, reden sich den Zustand ihres Nachwuchses schön. Sie sind vor allem mit sich selbst beschäftigt. Verhältnisse, die längst zerbrochen sind, man findet keinen Zugang mehr zueinander. Mutter: "Als er letztes Jahr in den Ferien nach Hause kam, hat er sich tagelang in seinem Zimmer eingesperrt und nur gelernt, gelernt, gelernt …" Sohn: "Als ich letztes Jahr in den Ferien nach Hause kam, habe ich mich tagelang in meinem Zimmer eingesperrt und nur an den Tod gedacht."
Han Jings Drama zieht sofort in den Sog. Man sieht sie auf der Bühne, diese Gesellschaft der Alten, die Mahjong spielenden Onkel, die bigotte Tante. Und die Darstellung einer auf sich selbst zurückgeworfenen Jugend, die in eine desolate Zukunft blickt, die aus den einengenden Vorstellungen und Geschlechterrollen einer patriarchalen Gesellschaft zwar ausbrechen möchte, aber den Glauben daran, dass sich etwas ändern lässt, zu verlieren scheint – diese Darstellung ist auch global gesehen hochaktuell. Weswegen man sich das Stück problemlos auch auf einer deutschen Bühne vorstellen kann, obgleich die Großfamilienstruktur hierzulande so nicht mehr existiert.
Bleiben oder Gehen?
Für "Zugvögel" ist Chan Ping Chiu, ein in Hong Kong lebender erfahrener Regisseur und Autor, für Recherchen und Interviews mehrmals nach Europa gereist, um dort aus seiner Heimat geflüchtete Landsleute zu treffen. Mit Chinas zunehmender Untergrabung der Autonomie Hong Kongs begann 2019 ein bis heute anhaltender Exodus. In den Jahren 2021/22 sollen es fast 400.000 Menschen gewesen sein, die ihre Heimat in Richtung Europa verlassen haben. Für den Autor eine schmerzhafte Erfahrung. Zu vielen Familien- und Beziehungsbrüchen habe das geführt: stille Fluchten, oft ohne Abschied. Gesprochen werde in seinem Umfeld darüber wenig.
Mit seinem Stück möchte er von diesen Geschichten erzählen. In 22 Episoden (Dialoge, Monologe, Prosa), die unter anderem zwischen London, Hong Kong, Berlin, Girona hin- und herswitchen, kommen unterschiedlich betroffene Menschen zu Wort. Es geht um innere Kämpfe, um die Sehnsucht nach der Heimat, die Bedeutung von Facebook-Gruppen in der Diaspora. Man hört den Freundinnen Yuen und Tai Cho zu, die in einem Londoner Park Matkot spielen und von denen sich die eine entscheidet, wieder nach Hong Kong zurückzukehren; oder dem Autor Ho Mit, der mit seiner kranken Frau an einem Ort an den Klippen von Moher in Irland gelandet ist; Tai Cho, der "in Maskottchenklamotten mit dem Fahrrad als Essenskurier" in Berlin arbeitet; oder Yuen, die in Hong Kong die 50 Büchereibücher, die ihr verstorbener Vater ausgeliehen hatte, zurückbringen will, aber 47 wieder mitnehmen muss, weil diese Bücher längst aus dem Katalog entfernt wurden.
Das Material, das Chan Ping Chiu zur Verfügung steht, scheint überbordende Ausmaße zu besitzen. Man spürt das: Der Autor ist noch lange nicht fertig mit seiner Erzählung, und jede Zeile hat er mit Herzblut geschrieben.
In einem finsteren Schattenreich
"Schattenfangen" der jungen Dramatikerin Chu Xia ist dagegen ein klar strukturiertes, "allegorisches" Märchendrama mit viel Platz für Assoziationen. Die Handlung spielt im Altertum ("bewusst undefiniert") und in einem Königreich "irgendwo in Südostasien, auf einem kleinen Eiland nahe dem Äquator". Die Menschen auf der Insel werden gezwungen, für ihren diktatorischen König Schatten zu fangen. So dürfen sie am Leben bleiben. Eines Tages erscheint ein Fremder auf der Insel: ein Schattenpuppenspieler, der den König mit seinen Geschichten "Die Ameise und der Elefant", "Katz und Maus" und "Drache und Tiger" zunächst in Bann ziehen kann, ihn aber nach und nach auch misstrauisch werden lässt, bis des Schattenpuppenspielers Leben auf der Kippe steht. Aber er hat auch eine Verbündete, die blinde Gattin des Königs, die sich ebenfalls in der Kunst des Geschichtenerzählens versteht. Stück für Stück schafft es der Schattenpuppenspieler, hinter das Geheimnis des merkwürdigen Schattenreiches zu gelangen und selbst König zu werden.
"Schattenfangen" kam beim Publikum gut an. Weil Märchen auf der ganzen Welt auf einem ähnlichen Themenmaterial basieren und auf eine universale symbolische Sprache zurückgreifen, die sich in allen Kulturen wiederfinden lässt, ist das Stück auch hierzulande unmittelbar verständlich. Und es ist eine feine Geschichte über die Macht der Sprache − in einem Unterdrückungssystem, in dem einem jedes Wort im Mund herum gedreht werden kann.
And the winner is
Den mit 5.000 Euro dotierten Internationalen Autor*innenpreis hat am Ende Han Jing für ihren Text "Vierundzwanzig Stunden vor Neujahr werden wir des Lebens müde" gewonnen.

Die Begründung der Jury: "Ein vielschichtiges, formal mutiges Werk, das emotionale Klarheit mit poetischer Komplexität verbindet, lakonisch wie dringlich erzählt. Ein Stück, das zugleich zeitlos und gegenwärtig ist. Han Jings Stück ist ein außergewöhnliches Werk: eine absurde Familientragödie, erzählt in fragmentierten, spekulativen Monologen von vier jungen Menschen, die nicht zum Neujahrsfest nach Hause kommen, ein zutiefst menschliches Stück. Eines, das noch lange nachhallen wird."
Vierundzwanzig Stunden vor Neujahr werden wir des Lebens müde
von Han Jing
Aus dem Hochchinesischen (Mandarin) ins Deutsche übersetzt von Zhang Deng
Mit: Marco Albrecht, Nicole Averkamp, Marie Dziomber, Steffen Gangloff, Thorsten Hierse, Timo Jander, Tim Knieps, Tabea Mewis, Katharina Quast.
Einrichtung: Lene Grösch
Zugvögel
von Chan Ping Chiu
Aus dem Kantonesischen ins Deutsche übersetzt von Sara Landa und Yip Suk Man
Mit: Marco Albrecht, Marie Dziomber, Hannah Hupfauer, Tabea Mewis, Katharina Quast, Leon Maria Spiegelberg, Martin Wißner, Nora Rebecca Wolff.
Einrichtung: Maria Schneider, Corinna Reichle
Schattenfangen
von Chu Xia
Aus dem Hochchinesischen (Mandarin) ins Deutsche übersetzt von Johannes Fiederling
Mit: Susanne Berckhemer, Steffen Gangloff, Tim Knieps, Leon Maria Spiegelberg, Martin Wißner.
Einrichtung: Deborah Raulin
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Programm
Zwinger 1
Theater und Orchester Heidelberg
2×241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger
Regie: FX Mayr
Marguerre-Saal
Gastspiel Berliner Ensemble
RCE #REMOTECODEEXECUTION
von Sibylle Berg
in einer Bearbeitung von Kay Voges und Sibylle Baschung
Regie: Kay Voges
Uraufführung
Zwinger 3 und online
Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb I
13:30 Uhr
Flaschenkinder von Rebecca C. Schnyder
14:30 Uhr
OTA von Lisa Danulat
16:00 Uhr
Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert von Svealena Kutschke
Zwinger 1
Gastspiel aktionstheater ensemble
ALL ABOUT ME
KEIN LEBEN NACH MIR
von Martin Gruber, aktionstheater ensemble und Wolfgang Mörth
Regie: Martin Gruber
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Berliner Ensemble
RCE #REMOTECODEEXECUTION
von Sibylle Berg
in einer Bearbeitung von Kay Voges und Sibylle Baschung
Regie: Kay Voges
Uraufführung
Alter Saal
Stückemarktparty
mit Diana Ezerex & Band und Byusa (DJ)
präsentiert von Zwinger x
Rahmenprogramm
Eintritt frei
Sprechzimmer
Matinee des DFG-Netzwerks
"Untersuchungen zur Gegenwartsdramatik"
Gegenwartsdramatik verstehen
Einblicke in Analyse und Forschung
Eintritt frei
Zwinger 3 und online
Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb Teil II
13:30 Uhr
16GB: Tischtennisplattenpolitik von Zehra Sönmez
14:30 Uhr
Ein Kinderspiel von Sean Pfeiffer
16:00 Uhr
Asiawochen von Yannic Han Biao Federer
Alter Saal
Gastspiel Deutsches Theater Berlin
Die Insel der Perversen
Ein deutsches Singspiel
von Rosa von Praunheim
Regie: Heiner Bomhard
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Schauspielhaus Wien in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Graz und dem steirischen herbst
Chronik der laufenden Entgleisungen
(austria revisted)
von Thomas Köck
Regie: Marie Bues
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Junges Theater Bremen
Aurora
von sputnic
Regie: Nils Voges
Grün & Gold
Gastspiel Theater Bielefeld
Nicht mein 🔥
von Laura Naumann
Regie: Jette Büshel
Zwinger 1
Gastspiel Schauspiel Leipzig
Goldie
Ein digitales Requiem
von Emre Akal
Regie: Emre Akal
Uraufführung
Alter Saal
Gastspiel Theater Konstanz
Nice
von Kristo Šagor
Regie: Sergej Gößner
Maguerre-Saal
Gastspiel Theater Magdeburg
Blutbuch
Roman von Kim de l’Horizon
in einer Fassung von Jan Friedrich
Regie: Jan Friedrich
Zwinger 1
Gastspiel Schauspiel Hannover
Betonklotz 2000
von Jona Rausch
Regie: Goldie Röll
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel COMEDIA Köln
Synapsen
in Koproduktion mit performing:group Köln
Choreographie: Julia Mota Carvalho und Marcela Ruiz Quintero
Alter Saal
Gastspiel Theater Oberhausen
Oratorium: Doyçland
Eine Discographie des Lebens
von Caner Akdeniz
Regie: Caner Akdeniz
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau
Das beispielhafte Leben des Samuel W.
Theaterstück aus Interviewsequenzen
von Lukas Rietzschel
Regie: Ingo Putz
Uraufführung
Zwinger 1
Gastspiel Deutsches Nationaltheater Weimar
dumme jahre
von Thomas Freyer
Regie: Tilmann Köhler
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Münchner Kammerspiele
Doping
von Nora Abdel-Maksoud
Regie: Nora Abdel-Maksoud
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Stadttheater Gießen
Gelbes Gold
von Fabienne Dür
Regie: Malin Lamparter
Alter Saal
Gastspiel Schauspiel Frankfurt
Leaks. Von Mölln bis Hanau
von Nuran David Calis
Regie: Nuran David Calis
Uraufführung
Zwinger 1
Gastspiel Theaterhaus Jena
Die Entführung der Amygdala
von Anna Gschnitzer
Regie: Pina Bergemann und Babett Grube
Uraufführung
Zwinger 3 und online
Eröffnung Gastland-Programm China
Zwinger 3 und online
Internationaler Autor*innenwettbewerb
13:30 Uhr
Vierundzwanzig Stunden vor Neujahr werden wir lebensmüde von Han Jing
14:30 Uhr
Zugvögel von Chan Ping Chu
16:00 Uhr
Schattenfangen von Chu Xia
Maguerre-Saal
Gastspiel New Youth Group
Die wahre Geschichte des Ah Q
von Ma Wenqi nach Lu Xun
Regie: Li Jianjun
Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Stückemarktparty
mit Musik aus dem Gastland China
Eintritt frei
Zwinger 3
Theater und Orchester Heidelberg
südpol.windstill
von Armela Madreiter
Regie: Yvonne Kespohl
Zwinger 1
Ein gutes Jahr (1. Akt)
von Hongchang Xu
Regie: Hongchang Xu
Szenische Lesung auf Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Gastspiel Routine Poems Institute
Die Geschichte vom Pfirsichblütenfächer neu erzählt
von Jing Xiao nach Kong Sharem
Regie: Jing Xiao
Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Preisverleihung
Eintritt frei
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