Es fängt ja alles erst an!

2. Mai 2025. Es ist ein ostdeutsches Familienpanorama der Extraklasse, das der Dramatiker Thomas Freyer hier entwirft: von der DDR bis in die Nachwendezeit. Die Uraufführung von Tilmann Köhler fand punktgenau am Tag der Deutschen Einheit in Weimar statt und begeistert mit großen Gefühlen und Intensität.

Von Georg Kasch

Wie fasst man ein Leben mit all seinen Brüchen, Fehlentscheidungen, Abgründen? Aber auch mit all seinem Glück, der Liebe, der Hoffnung? Vielleicht so: Drei Menschen begegnen sich, zwei von ihnen werden ein Paar, kriegen Kinder, richten sich ein. Wolfgang hadert mit dem Staat, will Orgelbauer werden, landet bei den Busfahrern. Regine glaubt an die DDR, engagiert sich, kommt dafür mit den Folgen der Wiedervereinigung nicht klar. Ihr gemeinsamer Freund Matthias begeht Suizid, weil sich die seelischen Verletzungen seiner Jahre im Kinderheim an all den Begrenztheiten des Landes weiter wundscheuern. Und die gemeinsamen Kinder Katja und Daniel? Sind bald weit weg.

"dumme jahre" von Thomas Freyer © Candy Welz

Anecken oder anpassen?

Thomas Freyer, der seit vielen Jahren Stücke über Menschen aus dem Osten schreibt, springt in "dumme jahre" immer wieder vor und zurück. Erst allmählich setzt sich die Geschichte zusammen, die ihre Brüche herzeigt und zugleich von der Gegenwärtigkeit der Vergangenheit erzählt. Das Schöne daran: Wie Menschen werden, wie sie werden, wird hier ziemlich differenziert durchgespielt anhand einer besonderen historischen Konstellation. Anpassungsstrategien und Dissidententum, Nachwende-Kater und Massenarbeitslosigkeit, der Zerfall der Heimat, weil diejenigen gehen, die etwas wollen und können – aber nicht als Proseminar, sondern als gelebtes Leben zwischen Arbeit und Schule. Wenn nichts mehr geht, hilft immer noch: "Wurstbrot. Drei Stück. Mindestens."

Weil Freyer zudem auch von Krankheit, Beziehungs-Entfremdung und Eltern-Kind-Konflikten erzählt, können in Heidelberg offenbar – stärker etwa als in "Das beispielhafte Leben des Samuel W." – auch Menschen andocken, die von den spezifischen Herausforderungen von Ost-Biografien wenig wissen. Das Problematische allerdings: Freyer will normale Leben zeigen, Biografien voller Widersprüche, die manchmal doch nach Reißbrett aussehen, weil sie prototypische Wege zeigen sollen: die Überzeugte; der notgedrungen Angepasste; der Anecker. Außerdem neigen seine Protagonist*innen dazu, in ihren Gesprächen Umstände zu erläutern, die man sich so nie sagen würde. Manchmal merken sie's immerhin selbst: "Arbeitslosigkeit musst du mir nicht erklären, Wolfgang."

Dumme Jahre 2 CCandy Welz uWie wir wurden, was wir sind: Das Weimarer Ensemble © Candy Welz

Die Dialog-Szenen, die wild zwischen 1968 und 2024 hin- und herwechseln, werden durch Regines Bewusstseinsströme ergänzt, die bis in den Nationalsozialismus reichen ("und plötzlich sind wir alle im Widerstand gewesen"). Zur Orientierung zeigt Regisseur Tilmann Köhler in seiner Uraufführung am Deutschen Nationaltheater Weimar an der Stirnseite der Bühne – das Publikum sitzt einander an den Längsseiten des Raums gegenüber – die Jahreszahlen an. Daneben braucht Karoly Risz' Bühne wenig: eine lange Tafel aus Holztischen, dazu Holzstühle und ein paar Requisiten. Etwas erhöht sitzt Musiker Matthias Krieg an Schlagzeug und E-Gitarre und webt am melancholischen Soundtrack.

Zeit der Zärtlichkeit

Drei Schauspielerinnen teilen sich – so will es der Autor – die Rolle der Regine: Raika Nicolai spielt die noch ganz junge, hoffnungsfroh leuchtende Frau, Nadja Robiné die, die droht, vom Leben zermalmt zu werden und dabei alle kritischen Fragen verdrängt. Und Anna Windmüller die gealterte, von den Ereignissen gebeutelte, die sich erinnert. Philipp Otto legt seinen Wolfgang in allen Altersstufen als ehrliche Haut an. Fabian Hagen zeichnet Matthias, der nicht ins System passt, als Mischung aus Narr und Schmerzensmann.

Tilmann Köhler, der so oft schon Freyer-Texte auf die Bühne gebracht hat, gönnt diesen Menschen intensive Begegnungen voll Zärtlichkeit und Anteilnahme, kommt aber um die theatralen Schwarzbrotmomente nicht ganz herum, in denen viel Textholz geraspelt werden muss (gut möglich allerdings, dass sie einem länger erscheinen, als sie müssten, weil die Klappstühle im Zwinger 1 einen doch arg im Rücken zwicken). Luft zum Atmen verschaffen die Lieder, sehnsüchtige Versionen von DDR-Schlagern wie "Es fängt ja alles erst an" oder Hits "von drüben" wie Pink Floyds "Goodbye Blue Sky".

Am Ende hat man wirklich den Eindruck, ein Leben und seine Narben vermessen zu haben, und das, ohne irgendwelche politischen Rückschlüsse draus ziehen zu müssen. Auserzählt ist Regines Leben zum Finale nicht: "Noch bleibt Zeit für ein paar neue Fehler." 

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dumme jahre
von Thomas Freyer
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl, Musik: Matthias Krieg, Dramaturgie: Lisa Evers.
Mit: Raika Nicolai, Nadja Robiné, Anna Windmüller, Philipp Otto, Fabian Hagen, Matthias Krieg (Musiker).
Uraufführung am 4. Oktober 2024 in der Redoute
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.nationaltheater-weimar.de