Jugendstück-Gastspiel Junges Theater Bremen – Aurora
Von der Sinn stiftenden Urkraft
In eine von Klimakatastrophen zerstörte Welt entführt "Aurora" von sputnic und Nils Voges (ja, dem Bruder von Kay Voges). In live animierten Bildern erzählt die Inszenierung, die um den Jugendstückepreis konkurriert, von der Sehnsucht nach einer erfüllten Zukunft, vom Überleben in den Ruinen der Zivilisation und einer unwahrscheinlichen Liebe zu einem Roboter.
Von Elena Philipp
28. April 2025. In Anarkia, der freien Stadt, wartet auf Kris und Sasika ein neues Leben. Keine Verheiratung für Sasika und kein Druck durch die Familie; für Kris die Selbstverwirklichung als Architektin und Künstlerin. Dorthin wollen sie sich durchschlagen. Der Alltag der beiden besten Freundinnen ist dystopisch: In "Aurora" schreiben Autor Nils Voges und die Performancegruppe sputnic das Jahr 2125, "Klimakatastrophen haben die Welt verändert. Staaten und Regierungen gibt es nicht mehr". Die Menschen leben in Dorfgemeinschaften und Familienverbänden, in denen strenge Regeln gelten. Anarkia aber verspricht die Freiheit, die verloren ging.
"Aurora" von sputnic und Nils Voges vom Jungen Theater Bremen © Jörg Landsberg
Von diesem Aufbruch in eine bessere Zukunft erzählt "Aurora“ als "Live Animation Cinema" zwischen Theater und visueller Gestaltung oder: als Schauspiel mit projizierten Bildern. Während die vier Schauspieler*innen im Raum interagieren, schaffen sie als ihre eigenen Techniker*innen zugleich die Bildebene, die in Projektionen auf diversen Stellwänden zu sehen ist. Beständig bauen sie ihre Bühne um, legen hier das Hintergrundmotiv einer Ruinenstadt im bläulichen Dunst unter eines der tragbaren Projektoren-Gestelle, dort die Zeichnung eines sengend besonnten, sandigen Weges, oder sie bewegen auf einer Folie die Augen und Münder der Comicfiguren, die in den Panels zu sehen sind.
Moral der Robotermodelle im Jahr 2125
Aus den Projektionsflächen werden auf diese Weise Unterstände, die Projektoren zu Taschenlampen, mit denen Sasika (Larissa Pfau) und Kris (Barbara Krebs) in der Sperrzone einer verfallenen Großstadt nach verwertbaren Materialien und Werkzeugen suchen. Einen ganzen Rucksack Schraubzwingen - oder vielmehr, nerdiger running gag: Einhandzwingen - finden sie, die sie an Kris’ Cousin Keth (Frederik Gora) verkaufen. Und in einem Haufen Schrott entdeckt Kris einen alten Roboter aus den mittleren 2020ern, Modell Aurora, eine Nachfolgerin von Atlas, Kronos und Olimpia – Maschinen mit Götternamen, die Firmen wie Boston Dynamics, Stichwort: Atlas, derzeit ja tatsächlich entwickeln.
Sasika, der Mechatronikerin, und Keth, dem Techbastler, gelingt es, den Roboter Aurora (Kerstin Pohle) zu reparieren und neu zu starten. Dem Aurora-Modell ist nicht nur ein Kraftwerk eingebaut, das eine unabhängige Stromversorgung sichert, sondern auch eine KI, die, wie ChatGPT oder Grok, ein Large Language Model benutzt, also ein Sprachmodell, das auf Wahrscheinlichkeiten beruht. Kris springt an auf Auroras professionell geäußertes Interesse an ihren unterwegs errichteten temporären Bauten. Auch wenn die Nachfrage "Kannst Du mir mehr davon erzählen?" nach stereotyper Bot-Kommunikation klingt, fühlt sie sich verstanden, aufgehoben – und beginnt, zum Leidwesen ihrer BFF Sasika, eine glückliche Beziehung mit dem Roboter. Bis, ja bis Aurora sich als Killermaschine erweist und Nat, Kris’ Bruder, der Sasika und seine Schwester aufspüren soll, um die Familienehre wiederherzustellen, anschießt. Schweren Herzens, was auf der Bühne so aber gar nicht dargestellt wird, setzt Kris ihre Roboter-Partnerin auf die Werkseinstellungen zurück. Ein Vertrauensbruch, denn zwischen organischen und anorganischen Lebensformen sollte in Anarkia Respekt herrschen.
Auch eine Liebesgeschichte ist eingearbeitet: Zwischen Roboter Aurora (Kerstin Pohle, links) und Kris (Barbara Krebs) © Jörg Landsberg
Lässt sich die Inszenierung anfangs Zeit, ihre Themen zu entwickeln, zeigt sie in langen, ruhigen Sequenzen, die von Karl Uhlenbrock und Melina Rauh kreierten (Comic-)Bilder der Abenteuer von Sasika und Kris, überschlagen sich gen Ende die Ereignisse, wie in jedem guten Actionfilm. Tumult herrscht nicht nur auf der Beziehungsebene, sondern es kommt auch zum Erdbeben, vor dem Aurora, mit empfindlichen "Sensillen" ausgestattet, warnt. Weil ein Tsunami droht, aber der Strom ausgefallen ist und Anarkia seine im Boden versenkten Schutzmauern nicht hochfahren kann, entscheidet die von Kris als weiblich gelesene Roboterin, der Stadt ihre Energiezelle zur Verfügung zu stellen. Sie hat zwar kein Bewusstsein, berechnet aber aus ihren Interaktionsdaten das moralisch richtige Handeln. In einer dramatischen Szene, dargestellt in den Maschinenräumen von Anarkia, kann Kris – die, wie alle von den Schauspieler*innen verkörperten Figuren auch ein Comic-Alter Ego besitzt –, gerade noch "Nein" rufen, da ist Aurora, 1-2-3, schon abgestellt.
Seifenoper-Ende
Auf der visuellen Ebene ist sputnics "Aurora" perfekt ausgeführt. Die Inhaltsebene allerdings hinkt der Optik hinterher. In endlos gefühligen Äußerungen erklären die Figuren, was sie bewegt. Strukturiert ist "Aurora" zudem in Kapitel zu den vier physikalischen Grundkräften – Gravitation, Elektromagnetismus, Schwache und Starke Wechselwirkung, die alle Interaktionen im Universum bestimmen, von den Teilchen bis zu ganzen Galaxien. Anziehung, Reaktion, Umwandlung werden im Text zu Schlagworten für die Geschehnisse zwischen den Figuren, ohne der Erzählebene Wesentliches hinzuzufügen. Als dramaturgisches Konstrukt dienen diese Bezüge lediglich dazu, den finalen textlichen Paukenschlag vorzubereiten: Denn am Schluss, in Kapitel 5, findet sich die große vereinheitliche Theorie, die "Weltformel", nach der die Wissenschaft bislang vergeblich gesucht hat. Was ist die "alles vereinende Urkraft"? Die Liebe. Und "Aurora": wird zur Science Fiction-Seifenoper.
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Mehr über die Jugendstücke beim diesjährigen Heidelberger Stückermarkt im Essay von Lena Riemer
Von sputnic
Text, Regie, Video: Nils Voges, Bühne und Kostüme: Michael Konstantin Wolke, Character Design, Illustration: Karl Uhlenbrock, Illustration: Melina Rauh, Musik und Sounddesign: Holger Brandt, Gesang und Musik: Kerstin Pohle, Dramaturgie: Saskia Scheffel, Papercraft Artist, Leitung Animationsplattenwerkstatt: Michael Dölle, Regieassistenz & Abendspielleitung: Emily Masch, Animationsplattenwerkstatt: Josefine Freitag, Melina Rauh, Franka Weers, Ausstattungsleitung: Anne Koltermann, Ausstattungsassistenz: Bente Heyer, Felix von Nostitz-Wallwitz, Developement, Programmierung: Robin Hase, Developement, Hardware: Malte Jehmlich, Videotechnik: Timo Block, Lichtdesign, Live Technik: Jörg Hartenstein, Live Ton: Timo Block, Ricardo Schad, Willy Klose, Regiehospitanz: Anisa Holsten, Helen Vey.
Mit: Frederik Gora, Barbara Krebs, Larissa Pfau, Kerstin Pohle.
Uraufführung am 19. August 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.theaterbremen.de/jtb
Programm
Zwinger 1
Theater und Orchester Heidelberg
2×241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger
Regie: FX Mayr
Marguerre-Saal
Gastspiel Berliner Ensemble
RCE #REMOTECODEEXECUTION
von Sibylle Berg
in einer Bearbeitung von Kay Voges und Sibylle Baschung
Regie: Kay Voges
Uraufführung
Zwinger 3 und online
Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb I
13:30 Uhr
Flaschenkinder von Rebecca C. Schnyder
14:30 Uhr
OTA von Lisa Danulat
16:00 Uhr
Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert von Svealena Kutschke
Zwinger 1
Gastspiel aktionstheater ensemble
ALL ABOUT ME
KEIN LEBEN NACH MIR
von Martin Gruber, aktionstheater ensemble und Wolfgang Mörth
Regie: Martin Gruber
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Berliner Ensemble
RCE #REMOTECODEEXECUTION
von Sibylle Berg
in einer Bearbeitung von Kay Voges und Sibylle Baschung
Regie: Kay Voges
Uraufführung
Alter Saal
Stückemarktparty
mit Diana Ezerex & Band und Byusa (DJ)
präsentiert von Zwinger x
Rahmenprogramm
Eintritt frei
Sprechzimmer
Matinee des DFG-Netzwerks
"Untersuchungen zur Gegenwartsdramatik"
Gegenwartsdramatik verstehen
Einblicke in Analyse und Forschung
Eintritt frei
Zwinger 3 und online
Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb Teil II
13:30 Uhr
16GB: Tischtennisplattenpolitik von Zehra Sönmez
14:30 Uhr
Ein Kinderspiel von Sean Pfeiffer
16:00 Uhr
Asiawochen von Yannic Han Biao Federer
Alter Saal
Gastspiel Deutsches Theater Berlin
Die Insel der Perversen
Ein deutsches Singspiel
von Rosa von Praunheim
Regie: Heiner Bomhard
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Schauspielhaus Wien in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Graz und dem steirischen herbst
Chronik der laufenden Entgleisungen
(austria revisted)
von Thomas Köck
Regie: Marie Bues
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Junges Theater Bremen
Aurora
von sputnic
Regie: Nils Voges
Grün & Gold
Gastspiel Theater Bielefeld
Nicht mein 🔥
von Laura Naumann
Regie: Jette Büshel
Zwinger 1
Gastspiel Schauspiel Leipzig
Goldie
Ein digitales Requiem
von Emre Akal
Regie: Emre Akal
Uraufführung
Alter Saal
Gastspiel Theater Konstanz
Nice
von Kristo Šagor
Regie: Sergej Gößner
Maguerre-Saal
Gastspiel Theater Magdeburg
Blutbuch
Roman von Kim de l’Horizon
in einer Fassung von Jan Friedrich
Regie: Jan Friedrich
Zwinger 1
Gastspiel Schauspiel Hannover
Betonklotz 2000
von Jona Rausch
Regie: Goldie Röll
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel COMEDIA Köln
Synapsen
in Koproduktion mit performing:group Köln
Choreographie: Julia Mota Carvalho und Marcela Ruiz Quintero
Alter Saal
Gastspiel Theater Oberhausen
Oratorium: Doyçland
Eine Discographie des Lebens
von Caner Akdeniz
Regie: Caner Akdeniz
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau
Das beispielhafte Leben des Samuel W.
Theaterstück aus Interviewsequenzen
von Lukas Rietzschel
Regie: Ingo Putz
Uraufführung
Zwinger 1
Gastspiel Deutsches Nationaltheater Weimar
dumme jahre
von Thomas Freyer
Regie: Tilmann Köhler
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Münchner Kammerspiele
Doping
von Nora Abdel-Maksoud
Regie: Nora Abdel-Maksoud
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Stadttheater Gießen
Gelbes Gold
von Fabienne Dür
Regie: Malin Lamparter
Alter Saal
Gastspiel Schauspiel Frankfurt
Leaks. Von Mölln bis Hanau
von Nuran David Calis
Regie: Nuran David Calis
Uraufführung
Zwinger 1
Gastspiel Theaterhaus Jena
Die Entführung der Amygdala
von Anna Gschnitzer
Regie: Pina Bergemann und Babett Grube
Uraufführung
Zwinger 3 und online
Eröffnung Gastland-Programm China
Zwinger 3 und online
Internationaler Autor*innenwettbewerb
13:30 Uhr
Vierundzwanzig Stunden vor Neujahr werden wir lebensmüde von Han Jing
14:30 Uhr
Zugvögel von Chan Ping Chu
16:00 Uhr
Schattenfangen von Chu Xia
Maguerre-Saal
Gastspiel New Youth Group
Die wahre Geschichte des Ah Q
von Ma Wenqi nach Lu Xun
Regie: Li Jianjun
Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Stückemarktparty
mit Musik aus dem Gastland China
Eintritt frei
Zwinger 3
Theater und Orchester Heidelberg
südpol.windstill
von Armela Madreiter
Regie: Yvonne Kespohl
Zwinger 1
Ein gutes Jahr (1. Akt)
von Hongchang Xu
Regie: Hongchang Xu
Szenische Lesung auf Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Gastspiel Routine Poems Institute
Die Geschichte vom Pfirsichblütenfächer neu erzählt
von Jing Xiao nach Kong Sharem
Regie: Jing Xiao
Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Preisverleihung
Eintritt frei
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