Alles so anstrengend!

Pubertät als Zeit des großen körperlichen Umbaus ist ein Standardthema im Jugendtheater. Auf der Bühne ist es: peinlich. Der performing.group gelingt es in ihrer für den Jugendstückepreis nominierten Tanzperformance "Synapsen" dennoch, ihr Publikum zu gewinnen.

Von Elena Philipp

"Synapsen" der performing.group. © Christopher Horne

30. April 2025. Der große Umbau im Gehirn: Die Pubertät ist "echt Hardcore", sagt eine (erwachsene) Zuschauerin. Als Tanzperformance geht "Synapsen" der performing.group das Thema körperlich an. Was perfekt passt. Anfangs leuchten hinter den Plexiglasscheiben, die als verschiebbare Bühnenteile den Raum strukturieren, Lichtimpulse auf, wie die elektrischen Signale, die das Hirn produziert. Dann treten Nona Munnix, Viktoria Lesch und YeoJin Kim als "Superheldenhormone" auf, die sich auf ihre Restrukturierungsarbeit stürzen. Neben triumphierenden Siegerposen gibt’s aber auch den gereckten Mittelfinger: In der Pubertät verhalten sich Jugendliche eben irgendwie komisch, wie es der Dramaturg Martin Rascher im Nachgespräch formuliert.

Peinlichkeits-Anekdoten

Mega peinlich ist dieser Einstieg einem Block Jungs, der beim Gastspiel fast durchgehend stört. Junge Frauen im engen Sportdress – uah! Wie die übereinander klettern – cringe!! Mit diesen erwartbaren und doch immer wieder verblüffend beherrschenden Affekten geht das "Synapsen"-Team gelassen um. In einer Szene klettern die drei Tänzerinnen gar durch die Publikumsreihen und erzählen dabei persönliche Peinlichkeits-Anekdoten: Wie sie ihren ersten BH auf dem Klo gleich wieder auszog, weil sie nicht atmen konnte; wie die Pickel störten; wie sie immer die kleinste war und so gerne groß gewesen wäre.

Als Viktoria Lesch fragt, ob die Jugendlichen im Publikum den Zustand kennen, mehr darüber nachzudenken, was die anderen von ihnen halten, als darüber, was sie selbst ausmacht – da bricht ausgerechnet aus einem der Jungs ein lautes "Ja" heraus. Im Jugendtheater ist jede Reaktion eine gute Reaktion, hieß es schon im Zusammenhang mit "Betonklotz 2000", dem gestrigen Gastspiel des Schauspiel Hannover, bedeutet doch jedes Nachäffen, Auslachen oder Reinrufen auch, dass hier jemand nah dran ist am Geschehen und dieses wiederum etwas auslösen kann.

Synapsen 240502185833 Christopher HorneDer Hoodie als Versteck sich wandelnder Proportionen. © Christopher Horne

Angesprochen fühlt sich das Publikum von den Szenen, die als konkret performative Geschichten leichter lesbar sind als die abstrakten Choreographien. Sympathisierende Ausrufe gibt es, wenn die drei Tänzerinnen völlig lasch auf dem Boden herumhängen, Nona Munnix ihre Fingerspitzen zentimeterweise voranschiebt, um unter schwerem Stöhnen ein Kabel zu angeln. Alles so anstrengend! Als besonders nachfühlbar schildern zwei Zuschauer den Wutausbruch zu einem aufputschenden Metal-Track, bei dem Kim, Lesch und Munnix richtig abgehen.

Und gelacht wird (auch von den Erwachsenen), als sich die drei Tänzerinnen in ihren riesigen Hoodies verstecken oder zu weirden Kopffüßlern werden, indem sie ihre Beine in die Ärmel stecken. Einmal kriecht Nona Munnix ihrer Partnerin YeoJin Kim unter das unförmige Oberteil. Für zwei ist es doch etwas eng – und zwei Köpfe und vier Hände zu haben, ist ja auch nicht normal. Unangenehm! Wenn Viktoria Lesch diesen Pullover dann mit sich zieht und schmerzhaft in die Länge dehnt, ist das ein starker visueller Ausdruck für die sich wandelnden Proportionen wachsender Körper.

Restrukturierung des Gehirns

Als Thema im Jugendtheater sind die unvermittelten Gefühlsumschwünge biologisch herausgeforderter junger Personen ja Standard. Auch die Szenen peinlichen Befindens hat man x-mal gesehen. Aber da die Restrukturierung des Gehirns wirklich jede Person im Publikum betrifft oder betroffen hat, kann man davon auf der Bühne gar nicht oft genug erzählen. Zumal "Synapsen" das sich in Teilen der Theatererfahrung sperrende Publikum doch irgendwann hookt, gerade weil das Stück direkt auf die Schmerzpunkte zielt: "Du erwischst dich plötzlich dabei, wie du den Mädchen auf die Brüste guckst, schaust weg und fühlst dich schlecht", heißt es einmal. Und als die Tänzerinnen mit Kreide auf die multifunktionalen Plexiglasteile kritzeln, beginnt YeoJin Kims Elefantenzeichnung zunächst als Darstellung eines Penis. Verstörend! Und völlig normal.

 

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Synapsen
Von Julia Mota Cavalho, Marcela Ruiz Quintero und Martin Rascher
Regie & Choreographie: Julia Mota Cavalho, Marcela Ruiz Quintero, Idee, Dramaturgie & Musik Martin Rascher, Bühne & Kostüm: Andrea Barba, Dramaturgie: Anna Stegherr, Bühnenbau: Michael Abrazzo Blattmann, Technik Licht & Bühne: Dietrich Schuckließ, Michael Sulkowski, Clara Nicodemus, Regieassistenz: Noah Knops, Vivien Wirtz, Ausstattungsassistenz: Vinzent Metz.
Mit: Nona Munnix, Viktoria Lesch, YeoJin Kim.
Uraufführung Mai 2025
Eine Tanzproduktion der COMEDIA in Koproduktion mit performing:group, Köln
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

https://www.comedia-koeln.de