Die Hütte brennt

Ein DJ als Hauptfigur? In Laura Naumanns Stück "Nicht mein 🔥" wird das Realität. Eine DJane sorgt nicht nur für Stimmung, sondern spricht in Selbstgesprächen wie gegenüber dem Auftraggeber einer Geburtstagsparty auch ganz andere Themen an. Und siehe da: In Jette Büshels Bielefelder Inszenierung entwickelt das große Kraft und man hört ihr neu zu. 

Von Georg Kasch

29. April 2025. Lässig perlen die treibenden Beats aus den großen Boxen, mischen sich mit Amy Winehouses "Back to Black" und Gotyes "Somebody That I Used to Know". Christina Huckle dreht am Pult an den Knöpfen, mischt dazu die Tracks aus ihrem Laptop im kleinen Heidelberger Club Grün & Gold. Nur tanzt hier niemand, sondern alle sitzen etwas steif auf den Klappstühlen und wippen verstohlen mit den Fußspitzen.

Laura Naumanns "Nicht mein Feuer" von Jette Büshel inszeniert am Theater Bielefeld © Philipp Ottendörfer

Und schon ist Huckle die Entertainerin, die in Laura Naumanns "Nicht mein 🔥" erst ein wenig von sich erzählt, dann vom Auftraggeber Stefan, auf dessen 55. Geburtstag sie für Stimmung sorgen soll (wie schon auf etlichen Festen zuvor). Dass Stefan reich ist und die Gäste ein bisschen steif, nimmt die Entertainerin zum Anlass, mal ein bisschen genereller und aktivistischer zu werden: Verteilungsgerechtigkeit, Klimakatastrophe, solche Themen.

Das formal Spannende an Naumanns Text, der ursprünglich als Auftragswerk des itz Tübingen entstand: Nie weiß man, was die Entertainerin vor allen sagt und was sie nur denkt. Sehr wahrscheinlich, dass das alles nur in ihrem Kopf passiert, die wilden Dialoge mit Stefan, ihre große Anklage, die Flucht vor dem wütenden Partymob auf einen Baum. Damit bekommt die Selbstgerechtigkeit, die diesem Ermächtigungsmoment auf der Party ja auch innewohnt, eine schöne Volte. Zumal die DJane natürlich auch ein Spiegelbild aller Künstler*innen ist: Nimmt das schmutzige Geld, wirft dem Geldgeber aber zugleich dessen Schmutz vor.

Widerstand am DJ Pult

Diese Konstruktion macht’s möglich, dass man der großen Anklage der Entertainerin neu zuhört, auch wenn’s die bekannten (und gerade beim Heidelberger Stückemarkt täglich vorgebrachten) Punkte sind. Sie bleiben ja auch in der Wiederholung dringlich! Das liegt aber auch an der großartigen Christina Huckle, mit der Regisseurin Jette Büshel für die Nachinszenierung in Bielefeld eine funkelnd facettenreiche Figur erarbeitet hat, der man auch länger als die 80 Minuten folgen würde, die der Solo-Abend dauert.

Dass die geschlechtsneutral angelegte Rolle in Tübingen von einem Mann gespielt wurde, kann man sich kaum vorstellen. Huckle legt derart virtuos Fiete Wachholtz‘ Soundtrack-Spuren, plaudert so beiläufig, springt im Gespräch mit Unternehmer Stefan wild zwischen den beiden Rollen hin und her, als spiele sie Vaudeville, dass man meint, die Rolle wäre ihr auf den Leib geschrieben worden.

Dann wieder zerfurcht ihr Gesicht, wenn sie sich – anfangs im schwarzen T-Shirt, jetzt im von Julia Wartemann entworfenen orangenen Anzug zur komplementären blauen Bluse – aufbäumt gegen das exponentielle Wachstum und die Frage, wie lange es das alles noch geben wird, diese Welt. Berührend sind ihre Trauer und ihre Liebeserklärung an das, wofür es sich zu leben lohnt, beeindruckend die Zeitlupe, mit der sie vor den (vermeintlichen) Angreifer*innen flieht. Und dann dieses befreiende Seufzen: "Ich liebe rauchen!“

HD25 NachspielInterview JetteBueshel Nicht mein Feuer 2 CPhilipp OttendoerferWie auf den Leib geschrieben: Christina Huckle in "Nicht mein Feuert" © Philipp Ottendörfer

In ihrem Furor wie in ihrer Selbstkritik und ja, insbesondere in dem, was sie ja offenbar nicht öffentlich sagt, wächst diese Figur einem sehr ans Herz. Weil sie uns ähnlich ist, die wir das, was sie sagt, alles wissen und täglich ihren Satz wiederholen könnten: "Ich fühle mich ohnmächtig angesichts der Krisen dieser Welt." Weil wir diese Anklagen gelegentlich selbst formulieren, uns aber auch nie wirklich hinstellen, wo’s wehtut und es jemandem ins Gesicht schleudern. Weil wir selbst nur tun, was wir können. Ob das reicht? Vermutlich nicht.

Unser aller Feuer

Vor diesem Hintergrund wirkt auch der titelgebende Satz gar nicht mehr platt. Die Entertainerin erzählt zu Beginn von einem Traum: Eine Scheune brennt, alle sind seltsam entspannt, und auch sie selbst denkt: Das ist nicht mein Feuer. Stimmt. Es ist unser Feuer, im Guten (wenn unsere Liebe für dieses Leben stark lodert) wie im Schlechten (weil wir den Brand nicht stoppen werden, wenn nicht jeder mit anpackt). Man geht erstaunlich gut gelaunt aus diesem Abend, blinzelt in die warme Heidelberger Frühlingssonne und denkt sich mit Blick über den Neckar: Wie schön es hier ist! Wäre wirklich schade drum.


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Mehr über die Inszenierung im Interview mit Regisseurin Jette Büshel

 

Nicht mein 🔥
von Laura Naumann
Regie: Jette Büshel, Bühne: Annette Breuer, Jürgen Höth, Kostüme: Julia Wartemann, Musik: Fiete Wachholtz, Licht: Sebastian Hanneforth, Dramaturgie: Ralph Blase.
Mit: Christina Huckle.
Premiere am 12. Oktober 2024
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.buo-bielefeld.de/theater