Deys Liebe

Kim fühlt sich weder als Mann, noch als Frau. Kim will sich befreien aus der binären Welt der Geschlechter. Mit dem wundersamen wie vielschichtigen Roman "Blutbuch", der genau die Geschichte dieser Befreiung erzählt, gewann Kim de l'Horizon 2022 den Deutschen Buchpreis. In Jan Friedrich gefeierter und beim Stückemarkt für den Nachspielpreis nominierter Inszenierung verschmelzen Bilder und Worte kongenial.

Von Georg Kasch

Wenn die Großmeer ihre Fotzelschnitten verschlingt, dann kracht und schmatzt und schnauft es aus den Boxen, dass es einen gruselt. Iris Albrecht, weiß gepudert, im aschfahlen Greisinnengewand unter der brav gescheitelten Perücke, fletscht dazu die Zähne. Ihre Tochter, die Meer, erscheint schneidig kalt beim Kampf mit Kims Warzen, trägt die Hörner von Disneys böser Dornröschenfee. Über allem schwebt die Blutbuche und klappert mit den Wurzeln wie Edward mit seinen Scherenhänden. Und das kleine Kind mit seinen aufgemalten roten Bäckchen unterm blonden Schopf? Murmelt Zaubersprüche und quiekt zum Erbarmen.

"Blutbuch" von Kim de l'Horizon © Kerstin Schomburg

Wie Leben Literatur wird

Wenn Jan Friedrich im zweiten Teil seiner "Blutbuch"-Inszenierung am Theater Magdeburg ein Schauermärchen-Pandämonium entfacht, dann spitzt er damit die verwunschene, knorrige Sagenhaftigkeit zu, die Kim de l’Horizon im 2022 erschienenen Roman wuchern lässt. De l’Horizon erzählt in fünf Teilen, immer neuen Ansätzen und Stilen: von einem Leben als nicht-binärer Mensch. Von Identitätssuche und Identitätsfinden. Vom Schweigen der Großmeer und der Meer, von deys Liebe zu ihnen, von Großmeers Demenz. Von den Abgründen des schwulen Livestyles. Von Konsum und Schmerz, Klassismus und Nationalismus, Familientraumata und den gruseligen Spuren der Vererbung. Vom Nichtmiteinanderredenkönnen.

Und vom Schreibenmüssen, als Großmeer-Brief, Recherche, Bekenntnis. Wie das Leben hier zu Literatur wird, bruchstückhaft, wild, ist ein Ereignis. Und es ist vielleicht auch die Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet die Streichfassung eines Romans für den Heidelberger Nachspiel-Wettbewerb ausgewählt wurde und nicht etwa ein Stück – 2023 war de l’Horizon mit "Dann mach Limonade, Bitch" Teil des Autor*innen-Wettbewerbs". Der äußerst poetische, äußerst rhythmische Text liest sich ja auch nicht anders als viele Textflächen-Stücke.

(Alp)Traumbilder einer Identtätsfindung: Regisseur Jan Friedrich ist auch für die Kostüme verantwortlich  © Kerstin Schomburg

Dass er auf der Bühne strahlt in all seiner Zumutung, verdankt er Jan Friedrichs Streichfassung und Regie. Für die fünf Teile, die die großen Stilwechsel des Romans abbilden, findet er einen je eigenen Ton und eine eigene Bildebene. Alexandre Corazzola hat eine vielschichtige Bühne entworfen, ein Halbrund aus weißen Fadenvorhängen, das erstaunlich viele Räume verbirgt: das Schreibzimmer, Großmeers Zuhause, die Blutbuche in einer romantischen Bilderbuch-Version. Selten zeigen sie alles her, oft werden sie zur Projektionsfläche – für Dia-Videos, den Bilderbuchalbtraum, die magere Biografie der Großmeer.

Schmerzhaftes Ringen, wütendes Abrechnen

Hier entfaltet sich zwischen Kopfkino und camper Überzeichnung ein Sprach- und Gedankenraum, in dem die sieben Darsteller*innen de l’Horizons Worte leuchten lassen. Sowohl die Zumutungen des Textes, das schmerzhafte Ringen um eine Antwort auf die Geschlechter-Frage, die genauen Beschreibungen von Analverkehr und Erniedrigung, die Wunden der Meer. Als auch die versöhnlichen Passagen, de l’Horizons Anerkennung für das Körperwissen der Frauen, zärtlich, ehrlich, auch die Einsicht, "wie arrogant es von mir war, dein Streicheln zu hassen".

Das ist ja das Wundersame dieses Abends, der in der Kammer 1 des Schauspiel Magdeburg ebenso faszinierend wirkt wie hier im wesentlich größeren Heidelberger Marguerre-Saal: dass es eine Bewegung gibt von der wütenden Abrechnung und schonungslosen Selbstentblößung hin zur Liebe, zur Akzeptanz, zur Umarmung. Da kreist dann die Handkamera, kommen wir den tollen Magdeburger Schauspieler*innen noch einmal ganz nah – fast alle sind oder waren hier fest im Ensemble.

Bilder, die sich einbrennen

Im Glitzerkleid mit grünem Wuscheloberteil und roter Blume am Dekolleté sind sie Kim, aber eben auch ganz eigen: Iris Albrecht mit ihrer weichen Widerständig- und harten Großmeerhaftigkeit, Julia Buchmann als kühle, irritierte Meer, Carmen Steinerts schreiendes Kind. Anton Andreew mit seinem Glutblick, Michael Ruchter auch an der E-Gitarre. Oktay Önder als verführerische Grusel-Blutbuche, Marcel Jaqueline Gisdol ein*e schmal und elegante Kim-Conferencier*e. Dazu hat Friedrich Byusa Blam eine feine, unaufdringliche, nur im Märchenteil auftrumpfende Musikspur gelegt. Darüber wuchern Bilder, die sich einbrennen: die Großmeer stehend im Krankenbett, Goethe zwischen Klassiker-Säulen, Kim mit dem Penis-Knabenkraut. Wenn es eines Beweises bedurfte, dass "abseits der Metropolen" ganz und gar nicht "Theaterprovinz" heißen muss: Hier ist er.

 

Mehr dazu: "Der Horror der Projektionsfächen" - Gespräch mit Regisseur Jan Friedrich.

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Blutbuch
von Kim de l'Horizon
In einer Fassung von Jan Friedrich
Regie und Kostüm: Jan Friedrich, Bühne: Alexandre Corazzola, Musik: Friedrich Byusa Blam, Video: Nico Parisius. Dramaturgie: Katrin Enders.
Mit: Iris Albrecht, Anton Andreew, Julia Buchmann, Marcel Jaqueline Gisdol, Oktay Önder, Michael Ruchter, Carmen Steinert.
Premiere am 27. Januar 2024
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theater-magdeburg.de