SWR2-Hörspielpreis – Kind aus Seide
Die Untreue der Maschinen
Vorsicht vor Robotern mit "angelegtem anthropomorphismus". Gerade war man noch ein Paar-Team – und schon ist der Mensch wieder allein. Leonie Ziems Sci-Fi-Komödie "Kind aus Seide" gewann im vergangenen Jahr den SWR2-Hörspielpreis. Nun kam zu später Stunde die Ursendung in der Regie von Bernadette Sonnenbichler heraus.
Von Georg Kasch
Leonie Ziem © Julie Mathees
27. April 2025. Was ist es, das den Menschen von der KI trennt? Der freie Wille? Seit es Pläne für autonomes Fahren gibt, existiert jedenfalls auch die moralische Zwickmühle, wie ein Auto im Zweifelsfall ausweichen soll, wenn es dabei nur eine von zwei Menschengruppen retten kann: So, dass es ein Kind tötet? Oder so, dass es stattdessen drei Senior*innen überfährt?
Für die Passant*innen in "Kind aus Seide" ist schon der Umstand eine Zumutung, dass "robotiesierung und cyborgisierung" sie zu solchen Entscheidungen zwingen. Dabei nimmt die Artificial Stupidity ihnen das gerade ab, ist sie doch intelligenter und komplexer als die Artificial Intelligence. Das Milchmädchen ist eine von ihnen, kann neben den üblichen Dienstleistungen auch moralische Fragen klären und sich selbstbewusst positionieren. Ihr erster Satz in Leonie Ziems Stück "Kind aus Seide" lautet: "nein / das ist mein wichtigstes wort." Und so wird sie sich aus der Umklammerung ihrer menschlichen Partnerin, dem titelgebenden "Kind aus Seide" (weil Judith, die Eisverkäuferin, so der Rollenname, in so behüteten Verhältnissen aufgewachsen ist) lösen.
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Dabei schien doch alles so perfekt. Ein eingeschworenes Paar-Team gegen den Rest der Welt, für den die gegen KI und alles Technische demonstrierenden "Passant*innen" stehen (wobei es Ziem gar nicht so sehr um deren Protest zu gehen scheint, sondern um ihre allzu menschliche Inkonsequenz und die Bigotterie, die in jeder Form von Hexenjagd steckt). Doch dann trennt sich das Milchmädchen von Judith. Die ist am Boden zerstört, ruft in ihrer Trauer beim Service an, aber der kann nur auf die allgemeinen Geschäftsbedingungen verweisen. Dort ist "bei den maschinen mit angelegtem anthropomorphismus" das Element der Unverfügbarkeit festgeschrieben. Da kann Odine Johnes Judith noch so herzzerreißend in den Hörer schluchzen. Sebastian Röhrles Servicemitarbeiter kontert ungerührt: "laufen sie eine runde. kriegen sie den kopf frei."
Ziem hat mit "Kind aus Seide" eine angenehm leichte Sci-Fi-Komödie geschrieben über die Liebe einer Frau zu einem KI-Lebensroboter der (nahen) Zukunft. Dabei verhandelt das Stück die Frage, warum wir so oft Liebe mit Konsum verwechseln – und warum sich andere Leute so oft für das Liebesleben ihrer Mitmenschen interessieren, insbesondere, wenn es nicht normkonform ist.
Da knacken und rascheln die Moralfragen
Letztes Jahr war das Stück Teil des Heidelberger Autor*innen-Wettbewerbs. Am Ende erhielt es den mit 5.000 Euro dotierten SWR2-Hörspielpreis. Nun liegt die Produktion vor. Ziems leichten, verspielten Ton überträgt Regisseurin Bernadette Sonnenbichler (die im vergangenen Jahr auch Teil der Jury war) wunderbar in die Klangdimension: Da knackt fein ironisch die Sprache, da funkelt die fluffige Musik; angenehm rascheln die Geräusche. Die Striche, um die Ein-Stunden-Marke nicht zu reißen, fallen kaum auf.
Vor allem arbeitet diese Hörfassung all die Momente deutlich heraus, in denen es um den freien Willen geht. Zusammen mit dem "RCE"-Gastspiel vom Berliner Ensemble fügt es sich zu einem kraftvollen Doppel über die Frage, ob Technik und ihr Hacken Fluch oder Segen sind (selbst die Moralfrage mit dem selbstfahrenden Auto taucht im "RCE"-Abend auf). Zugleich bleibt viel von der Ambivalenz, den Grautönen, den wilden Wendungen erhalten, die einen beim Zuhören angenehm herausfordern.
Milchmädchen mal zwei
Zu den Pointen des Stücks gehört, dass Menschen am Ende nicht mehr Auto fahren dürfen, weil sie für den Straßenverkehr nachweislich zu gefährlich sind. Und dass die Artificial Stupidity nun auch den Zufall kann, was das eingangs zitierte Auto-Programmier-Problem löst. Ob das die Menschen überflüssig macht, wie die Passant*innen argwöhnen, oder ob es sie im Gegenteil ergänzt, selbst wenn das Milchmädchen plötzlich doppelt existiert, wie Judith erfährt, bleibt angenehm offen.
Merkwürdig nur, dass der SWR das von ihm produzierte Werk heute auf SWR Kultur erst kurz nach Mitternacht ausgestrahlt hat – kein besonders attraktiver Sendeplatz. Gut möglich, dass Vokabeln wie "ficken" noch immer auf einer inoffiziellen Rundfunk-Giftliste stehen. Vermutlich finden Hörspiele ihr eigentliches Publikum ohnehin längst im Netz, wie ja auch Stefan Fischer in seinem Essay schreibt. Aber ein bisschen mehr Vertrauen in die eigenen Inhalte möchte man dem Sender schon wünschen.
von Leonie Ziem
Regie: Bernadette Sonnenbichler, Produktion: SWR 2025, Dramaturgie und Redaktion: Christian Lerch.
Mit: Gábor Biedermann, Gabriele Hintermaier, Almut Henkel, Odine Johne, Noah Meskina, Sebastian Röhrle, Celina Rongen, Michael Stiller, Lou Strenger.
Ursendung: 27. April 2025
Dauer: 59 Minuten
www.swr.de
Programm
Zwinger 1
Theater und Orchester Heidelberg
2×241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger
Regie: FX Mayr
Marguerre-Saal
Gastspiel Berliner Ensemble
RCE #REMOTECODEEXECUTION
von Sibylle Berg
in einer Bearbeitung von Kay Voges und Sibylle Baschung
Regie: Kay Voges
Uraufführung
Zwinger 3 und online
Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb I
13:30 Uhr
Flaschenkinder von Rebecca C. Schnyder
14:30 Uhr
OTA von Lisa Danulat
16:00 Uhr
Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert von Svealena Kutschke
Zwinger 1
Gastspiel aktionstheater ensemble
ALL ABOUT ME
KEIN LEBEN NACH MIR
von Martin Gruber, aktionstheater ensemble und Wolfgang Mörth
Regie: Martin Gruber
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Berliner Ensemble
RCE #REMOTECODEEXECUTION
von Sibylle Berg
in einer Bearbeitung von Kay Voges und Sibylle Baschung
Regie: Kay Voges
Uraufführung
Alter Saal
Stückemarktparty
mit Diana Ezerex & Band und Byusa (DJ)
präsentiert von Zwinger x
Rahmenprogramm
Eintritt frei
Sprechzimmer
Matinee des DFG-Netzwerks
"Untersuchungen zur Gegenwartsdramatik"
Gegenwartsdramatik verstehen
Einblicke in Analyse und Forschung
Eintritt frei
Zwinger 3 und online
Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb Teil II
13:30 Uhr
16GB: Tischtennisplattenpolitik von Zehra Sönmez
14:30 Uhr
Ein Kinderspiel von Sean Pfeiffer
16:00 Uhr
Asiawochen von Yannic Han Biao Federer
Alter Saal
Gastspiel Deutsches Theater Berlin
Die Insel der Perversen
Ein deutsches Singspiel
von Rosa von Praunheim
Regie: Heiner Bomhard
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Schauspielhaus Wien in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Graz und dem steirischen herbst
Chronik der laufenden Entgleisungen
(austria revisted)
von Thomas Köck
Regie: Marie Bues
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Junges Theater Bremen
Aurora
von sputnic
Regie: Nils Voges
Grün & Gold
Gastspiel Theater Bielefeld
Nicht mein 🔥
von Laura Naumann
Regie: Jette Büshel
Zwinger 1
Gastspiel Schauspiel Leipzig
Goldie
Ein digitales Requiem
von Emre Akal
Regie: Emre Akal
Uraufführung
Alter Saal
Gastspiel Theater Konstanz
Nice
von Kristo Šagor
Regie: Sergej Gößner
Maguerre-Saal
Gastspiel Theater Magdeburg
Blutbuch
Roman von Kim de l’Horizon
in einer Fassung von Jan Friedrich
Regie: Jan Friedrich
Zwinger 1
Gastspiel Schauspiel Hannover
Betonklotz 2000
von Jona Rausch
Regie: Goldie Röll
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel COMEDIA Köln
Synapsen
in Koproduktion mit performing:group Köln
Choreographie: Julia Mota Carvalho und Marcela Ruiz Quintero
Alter Saal
Gastspiel Theater Oberhausen
Oratorium: Doyçland
Eine Discographie des Lebens
von Caner Akdeniz
Regie: Caner Akdeniz
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau
Das beispielhafte Leben des Samuel W.
Theaterstück aus Interviewsequenzen
von Lukas Rietzschel
Regie: Ingo Putz
Uraufführung
Zwinger 1
Gastspiel Deutsches Nationaltheater Weimar
dumme jahre
von Thomas Freyer
Regie: Tilmann Köhler
Uraufführung
Marguerre-Saal
Gastspiel Münchner Kammerspiele
Doping
von Nora Abdel-Maksoud
Regie: Nora Abdel-Maksoud
Uraufführung
Zwinger 3
Gastspiel Stadttheater Gießen
Gelbes Gold
von Fabienne Dür
Regie: Malin Lamparter
Alter Saal
Gastspiel Schauspiel Frankfurt
Leaks. Von Mölln bis Hanau
von Nuran David Calis
Regie: Nuran David Calis
Uraufführung
Zwinger 1
Gastspiel Theaterhaus Jena
Die Entführung der Amygdala
von Anna Gschnitzer
Regie: Pina Bergemann und Babett Grube
Uraufführung
Zwinger 3 und online
Eröffnung Gastland-Programm China
Zwinger 3 und online
Internationaler Autor*innenwettbewerb
13:30 Uhr
Vierundzwanzig Stunden vor Neujahr werden wir lebensmüde von Han Jing
14:30 Uhr
Zugvögel von Chan Ping Chu
16:00 Uhr
Schattenfangen von Chu Xia
Maguerre-Saal
Gastspiel New Youth Group
Die wahre Geschichte des Ah Q
von Ma Wenqi nach Lu Xun
Regie: Li Jianjun
Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Stückemarktparty
mit Musik aus dem Gastland China
Eintritt frei
Zwinger 3
Theater und Orchester Heidelberg
südpol.windstill
von Armela Madreiter
Regie: Yvonne Kespohl
Zwinger 1
Ein gutes Jahr (1. Akt)
von Hongchang Xu
Regie: Hongchang Xu
Szenische Lesung auf Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Gastspiel Routine Poems Institute
Die Geschichte vom Pfirsichblütenfächer neu erzählt
von Jing Xiao nach Kong Sharem
Regie: Jing Xiao
Chinesisch mit deutschen Übertiteln
Alter Saal
Preisverleihung
Eintritt frei
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