Der Wettbewerbsjahrgang 2025 +++ Sieger*innen +++ Stücke +++ Preise
In 10 Tagen durch die Theaterwelt
Die Preise beim 42. Heidelberger Stückemarkt sind vergeben – und neben Auszeichnungen für klare Favoriten gibt es auch eine unerwartete Entscheidung. Georg Kasch blickt in seinem Abschlussessay noch einmal auf die zehn Tage voller Theater zurück.
Von Georg Kasch
5. Mai 2025. Es gab viele vielversprechende Stücke in diesem Jahr beim Autor*innen-Wettbewerb des Heidelberger Stückemarkts. Aber es gab nur einen Favoriten: Yannic Han Biao Federers "Asiawochen". Und der hat gewonnen: sowohl den mit 10.000 Euro dotierten Autor*innenpreis als auch den mit 5.000 Euro dotierten SWR-Hörspielpreis und den mit 2.500 Euro dotierten Publikumspreis.
Preis-Verleihung beim Heidelberger Stückemarkt 2025
Drei aus Sechs
Man kann diese Ballung der Auszeichnungen und Gelder natürlich kritisieren – drei von sechs Kategorien, das ist schon eine Ansage. Zwei gehen aufs Konto der Jury – Dramaturgin Lea Goebel, Autor Thomas Köck, Journalistin Vanessa Vu, Dramaturg und Künstlerischer Stückemarkt-Leiter Jürgen Popig sowie Regisseurin Bernadette Sonnenbichler, ab Sommer 2026 Intendantin des Theater Heidelberg. Die dritte hat das Publikum so gewollt. Beim dritten Mal vorne auf der Bühne sagte Federer nur noch: "Danke!"
Die außerordentliche Qualität des Stücks ist unbestreitbar. Souverän greift es komplexe Situationen und Debatten auf, wie das Leben mit Migrationsgeschichte(n) und kolonialen (Denk-)Strukturen in Deutschland. Es überführt sie aber nicht in Proseminar-Exkurse, sondern in sehr konkrete Figuren mit genauer Sprache und in lebendige Szenen, die die Möglichkeiten des Theaters immer mitdenken. Schon beim Lesen dachte man sich: Das muss auf die Bühne! Ein Eindruck, den die Lesung bestätigt hat.
Unerwartete Text-Präsenz
Die Präsentationen der anderen Stücke hielten dagegen Überraschungen bereit: Lisa Danulats "OTA" offenbarte erst in der szenischen Lesung seine rhythmischen Qualitäten und seinen Humor, Zehra Sönmez' "16 GB: Tischplattenpolitik" seine Dringlichkeit und Präsenz, während andere Lese-Favoriten plötzlich etwas papieren wirkten.
Yannic Han Biao Federer (re.), Preisträger beim 42. Heidelberger Stückemarkt © Susanne Reichardt
Bei der Lesung war das komische Potential von Svealena Kutschkes "Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert" nur manchmal zu erahnen. Die Jury hat es dennoch herausgelesen und den Text mit dem erstmals verliehenen und mit 5.000 Euro dotierten FIDENA Stückepreis ausgezeichnet, der zudem mit einer Ur- oder Zweitaufführung in der Puppenspielsparte des Musiktheaters im Revier Gelsenkirchen verbunden ist. Durchaus folgerichtig. Denn das "paranormale Phänomen", das so schön vor sich hin flackert, aber auch das übrige, karikaturenhafte Büropersonal kann man sich wunderbar als Puppen, Objekte, Figuren vorstellen.
Ermutigende Auszeichnungen
Dass der mit 5.000 Euro dotierte Internationale Autor*innenpreis an die Autorin Han Jing für ihr Familienepos "Vierundzwanzig Stunden vor Neujahr werden wir des Lebens müde" geht, das die Generationskonflikte Chinas schildert und damit indirekt viel über das Land erzählt, hat sich früh abgezeichnet. Allerdings besitzt auch Chu Xias "Schattenfangen", eine märchenhafte Parabel über das Verhältnis von Macht und Kunst, Qualitäten, die es für ein deutschsprachiges Publikum lohnend machen könnten.
Auch die Vergabe des mit 6.000 Euro dotierten Jugendstückepreises an "Nice" von Kristo Šagor in der Regie von Sergej Gößner ist äußerst nachvollziehbar – es war mit Abstand die überzeugendste Produktion im Wettbewerb, zudem die mit dem stärksten Text.
"Nice" von Kristo Šagor in der Regie von Sergej Gößner © Milena Schilling
Ein wenig verwundert allein der Nachspielpreis für "Gelbes Gold" von Fabienne Dür in der Inszenierung von Malin Lamparter am Stadttheater Gießen. Nicht wegen des Stücks, das unbestreitbare Qualitäten besitzt (und auf das allein sich die Jury in ihrer Begründung bezieht). Sondern weil die Inszenierungen von "Nicht mein 🔥" und "Blutbuch" in einem insgesamt starken Nachspiel-Jahrgang kraftvoller waren. Aber klar: Zumindest bei "Blutbuch", das gerade beim Berliner Theatertreffen zu sehen war, wäre es ein wenig absurd gewesen, es im nächsten Jahr erneut im Deutschen Theater beim Berliner Autor*innentheatertreffen zu zeigen. Und für Gießen, das sich als kleines Haus seit Längerem um Neue Dramatik verdient macht, ist die Auszeichnung eine wichtige Ermutigung.
Vielfältiges Theater aus ganz Deutschland
Bei der Gesamtauslastung setzte der 42. Heidelberger Stückemarkt erneut eine Bestmarke – 98 Prozent bei über 10.000 Zuschauer*innen; das wundert kaum. Eine der größten Qualitäten dieses Festivals ist ja, dass man sich, neben der Auseinandersetzung mit noch nicht uraufgeführten Stücken, in den Gastspielen einmal quer durchs deutsche Stadttheatersystem schauen kann. Erfreulich, dass 2025 erstmals vier Theater aus dem Osten Deutschlands dabei waren und dabei sehr unterschiedliche Handschriften zeigten – da tut sich gerade was!
Schön auch, dass zwischen den großen Produktionen prominenter Häuser in Berlin, München, Frankfurt auch Gastspiele aus Magdeburg, Bielefeld, Görlitz, Konstanz und Jena leuchten konnten. In Zeiten wie diesen, wo längst wieder über gravierende Kürzungen, Fusionen und Hausschließungen nachgedacht wird – übrigens auch im vergleichsweise wohlhabenden Heidelberg! – ist es gut zu erleben, wie engagiert, politisch und leidenschaftlich das Theater auch in der Fläche ist.
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